Der Perfektionist

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Text: Katharina Horstmann


Niemand verband Geometrie und organische Formen so spielerisch wie Arne Jacobsen. Der Idee des Funktionalismus’ verbunden, entwarf der legendäre dänische Architekt gestalterische Gesamtkunstwerke, die nicht nur Architektur-, sondern vor allem Designgeschichte schrieben. Dabei nahm er starken Einfluss auf dänische Traditionsunternehmen und prägte diese signifikant, nicht zuletzt den Armaturenhersteller Vola.
 
 
Eigentlich hatte er Maler werden wollen, doch sein Vater hielt seinen Wunsch für illusorisch und brachte Arne Jacobsen dazu, Architektur an der Königlichen Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen zu studieren – eine Entscheidung, die sich nur wenige Zeit später als absolut richtig herausstellen sollte. Seinen Durchbruch als Architekt feierte Jacobsen bereits 1929, nur zwei Jahre nach dem Studienabschluss: Der 27-jährige gewann – zusammen mit seinem Kommilitonen Flemming Lassen – einen Wettbewerb zum Thema Haus der Zukunft, für den er ein rundes, unkonventionelles Gebäude aus Beton und Glas entworfen hatte, das einen Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach und eine Garage am Wasser für das eigene Motorboot umfasste. Das revolutionäre Projekt wurde maßstabgetreu auf einer Bauausstellung in Kopenhagen gezeigt und war nicht nur der Startschuss für die Einführung des Funktionalismus in Skandinavien, sondern auch Arne Jacobsens Debüt als Designer: Einige der im Haus befindlichen Möbel entstammten seiner Feder.
 
Geometrische und organische Formen
 
Arne Jacobsens Ruhm als bekanntester Architekt und Designer Dänemarks beruht jedoch auf dem Entwurf des SAS Royal Hotel in Kopenhagen. Bei dem Bau ließ man ihm freie Hand und es entstand ein gestalterisches Gesamtkunstwerk, für das er jedes Detail selbst entwarf, von den Möbeln über die Leuchten bis zu den Bestecken. Das stellte ein für damalige Zeiten absolutes Novum dar und war gleichermaßen zukunftsweisend: ein ganzheitlicher Entwurf eines öffentlichen Repräsentationsraumes im Sinne des Corporate Design. Dass die organisch weich geformten Möbel und Objekte dabei im Gegensatz zu sich dem klaren und kristallinen Hotelgebäude standen, war ein austarierender Kontrast.
 
Revolutionäre Entwurfsansätze
 
Wie schon bei dem SAS Royal Hotel im Großen, setzte er auch mit seinen Möbeln und Objekten im Kleinen neue Maßstäbe. Seine Intention war, industriell gefertigte Gegenstände in einer Qualität herzustellen, wie es bisher nur das Handwerk ermöglichte. Deshalb beschäftige er sich gründlich mit verschiedenen Produktionsmethoden und passte seine Entwürfe der maschinellen Fertigung an. Durch diese Philosophie wurde in erster Linie das dänische Traditionsunternehmen Vola geprägt. Der Besitzer Verner Overgaard suchte Anfang der 1960er Jahre nach einem Designer, der seine Vorstellung von einem gänzlich neuen Produkt realisieren könnte: eine Armatur, bei der alle mechanischen Teile hinter der Wand verborgen, und nur die Griffe und Ausläufe sichtbar sein sollten. Als Arne Jacobsen den Architekturwettbewerb für die Ausschreibung für die Dänische Nationalbank gewann, wurde Verner Overgaard auf den Architekten aufmerksam, denn dieser schien die gleiche Vorstellung von modernen Formen und Funktionen zu besitzen wie er selbst. Arne Jacobsen seinerseits erkannte das große Potenzial der neuartigen Idee und schuf das geeignete Design dazu. Gemeinsam leiteten sie somit eine neue Ära in der Bad- und Küchengestaltung ein, die Vola zu deren Pionier machte.
 
Zukunftsweisende Gestaltungsphilosophien
 
Für den dänischen Armaturenhersteller entwickelte der Perfektionist gar eine Bibel, in der er Parameter und Proportionen eines jeden neuen Produktes festlegte und die nach seinem Tod 1971 von Teit Weylandt, einem ehemaligen Assistenten, weiter verfolgt wurde. Vor knapp 15 Jahren hat Vola den gesamten Gestaltungsprozess wieder in die Verantwortung eines Architekturbüros gegeben, das ähnlich detailverbunden arbeitet wie Arne Jacobsen. Das Büro Aarhus Arkitekterne A/S, das zu den größten Dänemarks zählt, hat seitdem den Firmenhauptsitz und die Vola Akademie gestaltet und zudem gekonnt neue Entwürfe in die Produktpalette eingegliedert, die ebenfalls Jacobsens Richtlinien folgen. Von Handtuchwärmern über Abfallbehältern bis zu freistehenden Armaturen sind es Produkte, die zeigen, dass Arne Jacobsens Formensprache und Gestaltungsphilosophie vielleicht selbst unserer Zeit noch voraus sind.

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