Der Raum als Trophäe – Design Miami Basel 2012

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Text: Norman Kietzmann


Auch in ihrer siebten Ausgabe vollzog die Sammlermesse Design Miami Basel (11.-17.06.2012) einen Spagat zwischen den Klassikern der Designgeschichte und den Entwürfen zeitgenössischer Gestalter. Anstelle isolierter Einzelstücke rückten zunehmend ganze Interieurs in den Fokus der Schau, die mit 22.000 Besuchern in sieben Tagen einen neuen Rekord verbuchen konnte. Besonders gefragt: französisches Design der sechziger Jahre sowie die anthroposophischen Möbel Rudolf Steiners.


Die Maßstäbe verändern sich: Als die Pariser Galerie Patrick Seguin 2011 ein sechs mal sechs Meter großes Haus von Jean Prouvé nach Basel brachte und dort tagtäglich auf- und wieder abbauen ließ, wurde eines deutlich: Nicht nur einzelne Möbel haben den Status von Sammlerobjekten erreicht, sondern zunehmend ganze Räume bis hin zu mobilen, vorfabrizierten Architekturen.

Auch in diesem Jahr hatte die Galerie Patrick Seguin ein Haus von Prouvé zur Messe transportiert, das gleich am Eingang der Halle 5 die Blicke auf sich zog. Die Maison Métropole aus dem Jahr 1949 wurde ursprünglich als Schule mit einem Unterrichtsraum konzipiert und verfügt über eine Grundfläche von zwölf mal acht Metern. Umhüllt von silbrig schimmernden Fassadenelementen aus Aluminium fallen im Inneren vor allem die beiden frei stehenden Träger ins Auge. Prouvé vermied eine direkte Ableitung der Kräfte in Richtung Boden, vielmehr gab er den Trägern die Anmutung schlanker Torbögen. Zwischen ihren Scheitelpunkten balancieren sie den zentralen Dachträger, während ihre spitz zulaufenden Füße den Innenraum nicht unnötig zerstückeln.

Wie Schmetterlinge im Museum


Bereits im Vorfeld der Messe wurde der Bau, von dem lediglich zwei Exemplare angefertigt wurden, von einem Schweizer Sammler erworben – und lief somit außer Konkurrenz. Dennoch sorgte ein Detail für einen Déjà-vu-Effekt: Die Pariser Galerien Jousse Entreprise sowie Downtown warteten ebenfalls mit einem Träger aus der Feder Jean Prouvés auf – wenngleich die dazugehörigen Gebäude fehlten oder noch auf ihre Restaurierung warten mussten. Wie Tore öffneten sie den Weg zu den Ständen, wo losgelöste Fassadenelemente wie Schmetterlinge im Naturkundemuseum präsentiert wurden. Eine Auswahl gut erhaltener Prouvé-Möbel rundete die Inszenierung ab, die die sezierte Architektur wie eine Klammer umschloss.

Die Dinge nicht losgelöst voneinander zu betrachten, sondern im Kontext ihrer Entstehung, dieses Konzept zog sich als roter Faden durch zahlreiche Messeauftritte. Gleich im Anschluss an die Arbeiten Prouvés wartete die Galerie Jousse Entreprise sogar mit einer kleinen Sensation auf: Ein gesamter Raum, der den Arbeiten von Roger Tallon gewidmet war. Der 2011 verstorbene Designer, der vor allem mit dem Entwurf des französischen Schnellzuges TGV (1981) in Verbindung gebracht wird, definierte ab Mitte der sechziger Jahre ebenso das Wohnen neu.

Fokus auf die 60er und 70er Jahre

Sein Möbelsystem Module 400 (1965), von dem selbst renommierte Designmuseen zumeist nur über einzelne und häufig auch recht mitgenommene Exemplare verfügen, wurde hier in seiner Gesamtheit erfahrbar. Knapp zehn Jahre intensive Detektivarbeit waren nötig gewesen, um die Stühle, Sessel, Leuchten und Kleiderständer bis hin zu einer dynamischen Wendeltreppe aus Aluminium zusammenzuführen – stilecht präsentiert auf einem weißen Kachelboden. Auch „schräge“ und bislang weitgehend unbekannte Arbeiten des Franzosen fanden hier ihren Platz wie der Stuhl Siège portrait (1967), bei dem ein Ganzkörperfoto von Charles de Gaulle zu einem frechen Sitzmöbel verformt wurde.

„Ich glaube, dass Soloshows ein wichtiges Format sind, um Designer in der Tiefe zu vermitteln“, sagt Marianne Goebl, die die Design Miami Basel seit 2011 leitet. Auch sie sieht die französischen sechziger und siebziger Jahre stärker im Fokus als bisher. So zeigte die New Yorker Galerie Demisch Denant eine Soloshow der französischen Designerin Maria Pergay, während die Pariser Galerie Jacques Lacoste gar den gesamten Kinovorführraum zum Verkauf anbot, den Jean Royère für den Palast des letzten Schahs von Persien in Teheran entwarf.

Scharnierstellen der Designgeschichte


Doch nicht nur die Namen der Gestalter oder die Seltenheit der Objekte machen aus einem Möbel ein Sammlerstück mit Wertsteigerungspotenzial. „Arbeiten, die Scharnierstellen der Designgeschichte besetzen“, sieht Marianne Goebl weiter auf dem Vormarsch und verweist auf die Möbel Friedrich Kieslers am Stand der Berliner Galerie Ulrich Fiedler. Die organisch geformten Sitzskulpturen sind 1942 im Auftrag von Peggy Guggenheim für die Eröffnung ihrer New Yorker Galerie Art of this Century entstanden. Kiesler stattete die vier Ausstellungsräume mit multifunktionalem Mobiliar aus, das je nach Position als Stuhl, Tisch oder Podest dienen konnte und sich bewusst von der Neutralität des White Cube distanzierte. Nachdem die Galerie 1947 infolge wirtschaftlicher Schwierigkeiten schließen musste und sich Peggy Guggenheim nach Venedig zurückzog, wechselten die Möbel mehrfach den Besitzer, bis sie nun von Fiedler aufgetrieben worden sind.

Eine vom internationalen Sammlermarkt bislang eher weniger beachtete Epoche stellte die Pariser Galerie Franck Laigneau mit den Möbeln Rudolf Steiners in den Mittelpunkt. Der gesamte Stand wurde von organisch-weichen Möbeln aus Birkenholz bestimmt, die zeitgleich mit dem Bau des zweiten Goetheanums (1928) in Dornach, nur wenige Kilometer vom Basler Messegelände entfernt, datiert werden. Dass das gestalterische Werk Steiners vor zwei Jahren mit einer umfassenden Schau im Vitra Design Museum gewürdigt wurde, hat in den Augen des Galeristen die Wahrnehmung der anthroposophischen Bewegung im nichtdeutschsprachigen Raum verändert und vor allem bei französischen und italienischen Sammlern Interesse geweckt.

Kontinuierliche Veränderung

Das zeitgenössische Design griff unterdessen zielsicher in die Technikkiste. Am Stand der Pariser Galerie BSL zeigte der französische Designer Noé Duchaufour-Lawrance seine Leuchtenserie Naturoscopie II, die den Anschein erweckt, als würden Sonnenstrahlen durch dichtes Blattwerk scheinen. Die an schlanke Stahlträger montierten Leuchtschirme erinnern an stark vergrößerte Auto-Rückspiegel und werden von von LEDs in changierender Intensität zum Leuchten gebracht. Auf eine Reise durch die Lichtgeschichte ging unterdessen die Pariser Galerie Kreo mit einer Auswahl von über 100 Leuchten aus der privaten Sammlung der Galerie-Eigentümer Clémence und Didier Krzentowski. Neben Klassikern wie der Deckenleuchte 2109 (1962) von Gino Sarfatti fanden sich ebenso neuere Arbeiten wie die Leuchte Parabola (2008) von Pierre Charpin.

Einen Zwitter aus Vergangenheit und Zukunft präsentierte das schwedisch-deutsche Designbüro Humans since 1982 mit der Uhr The clock clock white für die Brüssler Galerie Victor Hunt. Zusammengesetzt aus 24 analogen Uhren, deren Zeiger kontinuierlich rotieren, bildet sie immer neue geometrische Muster an der Wand. Mehrfach in der Minute gruppieren sich die Zeiger zu einem digitalen Ziffernblatt, auf dem die aktuelle Uhrzeit zu lesen ist. Charmant wirkt auch die Leuchte Collection of Light, die sich erst gar nicht bemüht, die verwendeten LEDs hinter einem Diffusor zu verbergen. Indem die Leuchtmittel wie in Schaukästen hinter Glas in Szene gesetzt werden, erhalten sie den Anschein von Artefakten. Ein keineswegs überzogener Verweis: Schließlich leuchten LEDs auch nach Ablauf ihrer offiziellen Lebensdauer von 30 Jahren noch immer mit 70 Prozent ihrer Leistung weiter. Auch dann, wenn sie eines Tages selbst als Klassiker des Designs gehandelt werden sollten.

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Haeberli