Der Schein trügt

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Text: Fee Keller


Das blaue Band des Frühlings flattert durch die Lüfte. Überall sprießen Knospen und alles grünt und blüht. Doch Vorsicht, nicht alle Blüten reifen zu Früchten heran. Denn auch in diesem Jahr schwärmen Betrüger wieder aus wie Bienenschwärme, um ihre gefälschten Kreationen in den Geldkreislauf zu bringen.


Hektik, Eile und eine Schlange an der Kasse, wer kennt das nicht, wenn er morgens beim Bäcker schnell einen Kaffee to go kauft oder die Zeitung am Kiosk. Bezahlt wird mit einem Schein und das Wechselgeld anschließend gedankenlos eingesteckt, denn im Hinterkopf lauert schon längst der nächste Termin. Der tägliche Umgang mit Geld verbreitet eine gewisse Routine und ein Gefühl von Sicherheit. So ist es nicht verwunderlich, dass im April dieses Jahres ein Kunde seinen Einkauf in einem Discounter in Dülmen mit einem 30-Euro-Schein bezahlte und ohne Probleme die Differenz zu den 30 Euro als Wechselgeld erhielt. Der Schein sah aus wie eine 20-Euro-Banknote, mit einem Unterschied: Als Wertzahl war eine 30 aufgedruckt. Dass diese offensichtliche Blüte an der Kasse akzeptiert wurde, verwundert Kriminalhauptkommissar Jens Bachmann vom BKA Berlin nicht. „Bei Geld schaut keiner genau hin. Anders ist es bei Obst und Gemüse, da wird jede Frucht genauestens auf Druckstellen überprüft, bevor sie in den Korb wandert.“ Wie sehen die echten Euro-Banknoten überhaupt aus, was ist auf ihnen abgebildet und vor allem: Was macht sie so einzigartig und letztendlich fälschungssicher?

Neue Währung ohne Gesicht

1996 schrieb die Europäische Zentralbank einen Wettbewerb für die Gestaltung der neuen Euro-Währung aus. Den gewann der Grafiker Robert Kalina, der bereits seit 1982 den österreichischen Schilling gestaltete. Er setzte sich in dem Wettbewerb gegen vierundvierzig Konkurrenzentwürfe durch. Sein Erfolgsgeheimnis war, dass er auf menschliche Abbildungen vollkommen verzichtete. Porträts von bekannten Personen waren beim Wettbewerb ohnehin verboten. Und Darstellungen von unbekannten oder anonymen Personen wollte Kalina nicht verwenden. Stattdessen illustrierte er die Scheine mit architektonischen Motiven. Die Vorderseite der Banknoten zieren Fenster und Tore, die symbolisch die Offenheit und Zusammenarbeit der Europäischen Union widerspiegeln. Auf den Rückseiten der Scheine sind Brücken abgebildet, welche die Verbindung zwischen Europas Völkern mit der übrigen Welt bildlich festhalten. Alle Grafiken orientieren sich an Architekturen europäischen Ursprungs und wurden soweit verfremdet, dass sie nicht mehr zuzuordnen sind. Der Grund: Es sollte kein Ungleichgewicht entstehen, kein Land sich benachteiligt fühlen.

Unter dem Gestaltungsthema Zeitalter in Europa, das als Wettbewerbsthema vorgeschrieben war, ist jedem Schein eine Stilepoche zugeordnet. Um die Scheine leicht und eindeutig auseinander zu halten, besitzt jeder Wert eine eigene Farbe. Den grauen 5-Euro-Schein prägt ein Tor im Baustil der Klassik. Und auf dem roten Zehner ist ein  Torbogen für das Zeitalter der Romantik abgebildet. Das Konzept zieht sich durch alle Werte durch, bis zum lilafarbene 500-Euro-Schein, der Architektur der Moderne abbildet. Auch die Größe der Scheine nimmt mit ihrem Wert zu.

Stich und Sieb, heiß und hoch

Echte Banknoten sind jedoch nicht nur grafisch aufwändig gestaltet, sondern auch mit markanten Sicherheitsmerkmalen versehen. Grundsätzlich werden sie auf verschiedenen Maschinen, unter anderem in der Bundesdruckerei produziert. Dabei werden Techniken wie Offsetdruck zur Passgenauigkeit, Stichtiefdruck fürs Relief, Siebdruck für den Glanz, Hochdruck- und Heißprägungsmaschinen zur Numerierung und für die Hologramme verwendet. Ist alles geprüft, schneidet und verpackt die Cutpak die einzelnen Noten.

Der Euro ist eine besondere Schöpfung, für ihn wurde eigens ein Papier mit Wasserzeichen, Sicherheitsfaden sowie fluoriszierenden Fasern entwickelt. Im täglichen Umgang werden Scheine geknickt, geknüllt, als Geschenk liebevoll zu Origamifiguren gefaltet und wieder geglättet. Im Nachtleben wird auf ihnen in dunklen Bars und Discotheken rumgetrampelt. Diesen Belastungen hält kein Cellulosepapier stand. Daher besteht das Euro-Papier zu 90 Prozent aus Baumwollfasern, die ihm zusätzlich eine markante Haptik geben. Eine dünne Lackschicht macht das Papier langlebig und schützt vor Schmutz. Sie ermöglicht sogar die Geldwäsche, jedoch laufen zu heiß gewaschene Scheine wegen des hohen Baumwollanteils ein. Doch keine Sorge, geschrumpfte echte Geldscheine werden von Experten erkannt und ersetzt.

Der Trend geht zu hochwertigen Fälschungen

Anders ist es bei Falschgeld: Wer drauf reinfällt, hat Pech gehabt und geht leer aus. Falschgeld wird im Volksmund als Blüte bezeichnet. Experten unterscheiden zwischen Blüten, Druck- und Kopierfälschungen. Blüten sind Scherzartikel und Spielgeld. Ihr Design orientiert sich an echten Banknoten, doch durch zusätzliche Aufschriften, Fantasiewertzahlen oder –illustrationen und fehlende Sicherheitsmerkmale sind sie deutlich erkennbar. Vereinzelt gelangen auch sie in den Umlauf.

Druck- und Kopierfälschungen dominieren das Falschgeldgeschäft. Besonders gute Fälschungen stammen aus Südeuropa, wo organisierte Fälscherbanden drucken. Druckfälschungen sind „professioneller“ und häufiger, sie werden auf richtigen Druckmaschinen produziert, großen Maschinen, die nicht so häufig sind und Scheine schnell vervielfältigen, erklärt Bachmann. Die moderne Technik macht es leicht, mit Scannern und Kopierern farbige Geldscheine zu imitieren und schnell eine Kleinserie zu produzieren, wenn man die vorgeschaltete Sicherheitssperre deaktiviert. Kopien treten eher in kleinen Serien auf und werden meist auf Heimdruckern produziert. „Der Trend geht zu hochwertigen Fälschungen“, sagt Bachmann, „aber die perfekte Fälschung gibt es nicht.“ Allerdings sei jede Fälschung auch ohne Hilfsmittel erkennbar.

Künstler oder Master of Desaster

Beim Geld gehen die Meinungen auseinander, genau wie in der Kunst. Sind Fälscher denn Künstler oder doch eher Master of Desaster? Wie einst die Alchemisten wertlosere Materialien in Gold verwandeln wollten, versuchen Fälscher im stillen Kämmerlein primitivem Papier einen Wert zu geben. Doch das Ergebnis pendelt oft zwischen einem schlechten Abklatsch oder einem kreativen Artefakt. Auch hochwertige Fälschungen scheitern am Treffen des richtigen Farbtons. Das Papier ist meist zu glatt oder lappig und zeigt bei Gebrauch deutliche Knicke. Auf Sicherheitsmerkmale wird dadaistisch verzichtet, dafür imitieren poppige Farbverläufe, die an Grafiken aus den Neunzigern erinnern, den Hologrammeffekt. Es gibt sogar Exemplare, die nur einseitig bedruckt sind oder auf der Rückseite das Doppelte wert sind.

Der Kreativität der Fälschern sind keine Grenzen gesetzt. Aber warum ist das Fälschen strafbar? Klüger wäre es doch, eine stabile Geschäftsidee daraus zu machen. Was spricht gegen einen legalen Falschgeldmarkt, bei dem Sammler freiwillig echtes Geld gegen falsches eintauschen? So ist der falschen Fünfziger vielleicht bald schon das Doppelte oder Dreifache wert. Er muss nur gut sein.

Mehr zum Thema Blüten in allen erdenklichen Formen finden Sie in unserem Frühlingsspecial.

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