Der geerdete Preis

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Text: Norman Kietzmann


Neustart einer Institution: Anlässlich des DMY-Festivals in Berlin wurden die Einreichungen und Nominierungen des Designpreis der Bundesrepublik Deutschland vorgestellt. Erstmals wird das gesamte Verfahren des Preises, der seit 1969 vom Bundeswirtschaftsministerium vergeben wird, nicht vom Rat für Formgebung, sondern der Berliner Agentur DMY organisiert. Das Ziel: Mit mehr Transparenz und faireren Teilnahmebedingungen soll der Preis wieder stärker an Profil gewinnen. Die Verleihung der goldenden und silbernen Auszeichnungen findet im Oktober in Berlin statt.


Welchen Preis hat ein Preis? Diese Frage klingt erst einmal seltsam. Und dennoch bringt sie ein Geschäftsmodell auf den Punkt, das den wichtigen Designauszeichnungen zu Grunde liegt. Das Prinzip funktioniert so: Wer teilnimmt, zahlt eine Gebühr. Wer nominiert wird oder gewinnt, zahlt jeweils noch eine weitere Gebühr hinzu. Und wer im Katalog Erwähnung finden möchte, legt noch eine weitere Summe oben drauf. Nicht nur die Ausrichtung von Preisen wie dem Red Dot Award vom Designzentrum Nordrhein Westfalen oder dem IF Award"vom International Forum Design Hannover wird damit finanziert. Sie haben sich längst zu einem profitablen Geschäft für ihre Ausrichter entwickelt.

Auch der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland, der seit seiner Gründung 1969 vom Rat für Formgebung organisiert wurde, folgte in den vergangenen Jahren demselben Bezahl-Modell. Doch damit ist nun Schluss. Das Bundeswirtschaftsministerium hatte 2010 die Auslobung des Preises neu ausgeschrieben und damit auch die bisherige Vergabepraxis in Frage gestellt. Durchsetzen konnte sich in dem Verfahren die Berliner Agentur DMY, die sich mit dem gleichnamigen Designfestival in Berlin einen Namen gemacht hat. Nach Ablauf der Bewerbungsfrist Mitte März wurden die Einreichungen und Nominierungen nun anlässlich des diesjährigen DMY-Festivals in einem Hangar des Flughafens Berlin Tempelhof ausgestellt.

Neue Ausrichtung

„Es gibt ja einige Preise, bei denen man als junger Designer sein Büro schließen muss, wenn man sie gewinnt“, spitzt Uta Brandes, Jurymitglied und Professorin für Designforschung an der Köln International School of Design, die bisherige Vergabepraxis zu. Den Vorteil des neuen Preises sieht sie in einer faireren Gewichtung der Kosten, wodurch nicht nur etablierte Unternehmen, sondern ebenso Start-Ups und junge Designbüros eine Chance erhalten. 350 Euro kostet die Anmeldung, ohne dass für eine Nominierung oder einen Gewinn im Nachhinein noch vierstellige Gebüren anfallen. Die einzige Voraussetzung: Die eingereichten Arbeiten müssen vorab einen anderen Designpreis gewonnen haben, um sich für den „Preis der Preise“ qualifizieren zu können.

Ergänzt werden die bestehenden Kategorien Produktdesign, Kommunikationsdesign, Nachwuchs sowie eine Auszeichnung fürs Lebenswerk um die Sparte ökologisches Design. Die Ausstellung im Flughafen Tempelhof vermied eine klare Trennung und ließ die einzelnen Kategorien unmittelbar ineinander greifen. Anstatt Gleiches zu Gleichem zu gesellen, wurden Möbel neben Taschen, Fahrräder neben Bücher und Leuchten neben Erntemaschinen präsentiert. Auch die Prototypen der Nachwuchsdesigner wurden nicht separat vorgestellt, sondern mit den Produkten der Industrie in eine Reihe gestellt. In Kombination mit dem DMY-Festival, das auf der Fläche von drei weiteren Hangars die Arbeiten von Jungdesignern in den Mittelpunkt rückte, sorgte diese Inszenierung für eine spannende Wechselwirkung. Denn viele Nachwuchsarbeiten standen ihren „professionellen“ Pendants in punkto Designqualität nicht nach.

Unabhängigere Bewertung

Mehr als 400 eingereichte Produkte hatte die elfköpfige Jury zu bewerten, der unter anderem Karsten Henze, Leiter für Corporate Design der Deutschen Bahn, Mateo Kries, Kurator am Vitra Design Museum in Weil am Rhein, der Designer Mark Braun oder Joachim Sauter, Professor für Gestaltung mit digitalen Medien an der UdK Berlin, angehörten. In einem Verfahren, das vom Bundeswirtschaftsministerium festgelegt wurde, musste jedes Produkt  von jedem Jurymitglied vorab mit einem bis fünf Punkten bewertet werden. Im Anschluss wurden die Punkte zusammengezählt und somit die Nominierungen bestimmt. Vor allem in dieser Auswahl liegt der entscheidende Unterschied zum „alten“ Designpreis der Bundesrepublik Deutschland. Denn der Rat für Formgebung hatte jeden, der die stattliche Teilnahmegebühr beglichen hatte, automatisch als nominiert bezeichnet. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Schließlich konnten die Firmen im Gegenzug mit der Nominierung ihrer Produkte werben –  obwohl sie von keiner Jury begutachtet wurden.

Transparenz lautet das Zauberwort, denn der neue Preis möchte eine unabhängigere Position einnehmen. „Es wurde uns nicht gesagt, wir müssen unbedingt ein Auto oder einen Bürostuhl von dieser oder jener Firma mit dabei haben. Wir konnten unsere Entscheidungen ohne taktische Erwägungen fällen“, macht Uta Brandes deutlich. Lobende Worte findet sie auch für die Idee, dass die Nominierten ihre Projekte während der Jurysitzung in zehnminütigen Vorträgen nochmals vorstellen konnten. Rund die Hälfte der Bewerber um die goldenen und silbernen Auszeichnungen hat davon Gebrauch gemacht und sich im Anschluss den Fragen der Jury gestellt.


Klare Abgrenzung

Neben ästhetischen Kriterien rückten die Juroren vor allem die Konzepte, Herstellungsverfahren und nicht zuletzt auch einen ressourcenschonenden Umgang mit Materialien in den Mittelpunkt. „Innovation ist so ein abgeklappertes Wort. Aber etwas Neues, Kluges und Intelligentes zu finden, war uns wichtig“, erklärt Uta Brandes. Drei Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums hatten die Jurysitzung begleitet, die unter dem Vorsitz von Dr. Ulrich Rohmer stand. Seit Februar 2010 ist der Jurist für die Leitung des Referats „Normierung, Patentpolitik und Erfinderförderung“ zuständig, in dessen Ressort die Vergabe des Preises fällt.

Sowohl auf der Pressekonferenz des DMY als auch in einem offenen Brief Anfang April hatte er auf eine klare Abgrenzung zum German Design Award bestanden. So heißt der Preis, den der Rat für Formgebung gegründet hatte, um seine finanziellen Einbußen durch den Wegfall des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland auszugleichen. Für einen Disput hatte im Vorfeld gesorgt, dass der Preis sowohl in seiner grafischen Aufmachung als auch seinem Namen Designpreis Deutschland dem alten Bundespreis zum Verwechseln ähnlich sah. Erst nachdem das Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung erließ, wurde der Preis im November 2011 in German Design Award umbenannt. Ein Zickzack-Kurs, der sowohl bei teilnehmenden Unternehmen als auch in den Medien wiederholt zu Verwechslungen führte.

Höhere Gewichtung


Dass der echte Designpreis der Bundesrepublik Deutschland durch seine Neuausrichtung eine höhere Gewichtung erfährt, unterstreicht nicht nur die Verlagerung der Preisverleihung von Frankfurt nach Berlin. „Ich hatte in mehreren Gesprächen das Gefühl, dass sie im Ministerium sehr daran interessiert sind, den Preis zu reanimieren und wirklich zu dem machen, was er offiziell sein sollte: der wichtigste deutsche Designpreis, weil er von der Bundesrepublik und nicht von einem bestimmten Unternehmen oder einer bestimmten Institution verliehen wird“, gibt Uta Brandes die Atmosphäre der Jurygespräche wider. Auf welche goldenen und silbernen Preisträger sich die Juroren geeinigt haben und wer die Auszeichnung für das Lebenswerk mit nach Hause nehmen darf, wird im Herbst bekannt gegeben.


Mehr zu unserem Special DMY 2012 finden Sie hier.


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