Design March 2019: Fundstücke aus Reykjavík

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Text: Claudia Simone Hoff

Design ist eine Insel – zumindest im März, wenn der Design March in Reykjavík stattfindet. Dann versammelt sich hier alles, was in der isländischen Gestaltung Rang und Namen hat. Wir sind hingefahren und haben im Schneegestöber einige schöne Dinge entdeckt.

Wer einmal in Island war, kehrt immer wieder dorthin zurück, heißt es. Gletscher, Vulkane, Geysire und Wasserfälle: Hier geht man auf eine geologische Entdeckungsreise. Die Insel ist ein Land der Extreme, wo man auf sich selbst zurückgeworfen wird, wenn nur wenige Kilometer entfernt von der Hauptstadt Reykjavík Einsamkeit und Einöde warten. Schließlich sind fast 80 Prozent der Insel unbewohnt, was Island zum am dünnsten besiedelten Land Europas macht.

Im Schatten
Design aus Dänemark kennt man. Design aus Schweden kennt man. Design aus Finnland kennt man. Design aus Island? Kennt man nicht. Das mag daran liegen, dass das Land mit seinen nur 330.000 Einwohnern abgeschieden mitten im Nordatlantik liegt. Was auch Auswirkungen auf die Produktionsbedingungen hat, denn die Lohnkosten sind hoch und alles muss aufwändig herangeschafft werden. Materialien für eine mögliche Möbelproduktion beispielsweise – so wie Holz, das auf Island kaum vorhanden ist. Kein Wunder also, dass es hier keine relevanten (Möbel-)Hersteller und somit auch keine Auftraggeber für Designer gibt. Die Folge: Erfolgreiche isländische Gestalter wie Studio Brynjar & Veronika, Dögg Guðmundsdóttir, Gudmundur Ludvik und Theodóra Alfreðsdóttir arbeiten fast immer im Ausland – vorzugsweise in Stockholm, Kopenhagen, Berlin, London und New York.

Spaziergang durch Reykjavík
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3-D-Druck im Leuchtturm
Island ist also alles andere als ein Design Hot Spot und sehr teuer noch dazu, weshalb die meisten Designer einen zusätzlichen Job zum Geldverdienen benötigen. Dass sie dabei mitunter ziemlich kreativ sind, beweist das Designstudio &AM. Þórey Björk Halldórsdóttir und Baldur Björnsson betreiben in Reykjavík eine Brauerei und beliefern High-End-Restaurants und Bars mit Craft Beer. Sie bespielten den wohl ungewöhnlichsten Ort des diesjährigen Design March: einen Leuchtturm am westlichen Ende von Reykjavík, der nur zu Fuß und bei Ebbe zu erreichen ist. Steile Treppen führten hinauf zu den verschiedenen (Ausstellungs-)Ebenen. Die Entwürfe des Paars changieren zwischen Kunst und Design: farbige Metallbügel, die in einer nahegelegenen Werkstatt gefertigt werden, Keramikarmreifen aus dem 3-D-Drucker, ein Brunnen, aus dem Wodka sprudelt und ein Jacquard-Mantel, auf dem die Liebesgeschichte des Paares gestickt ist, das übrigens genau an diesem Ort geheiratet hat. Untermalt war die Ausstellung Plus Eternity mit selbst komponierter Musik, denn Baldur hat Visuelle Kunst und Sounddesign studiert, während Þórey Modedesignerin ist.

Meet & Greet
An einem Ort wie dem Leuchtturm fühlt man sich wie am Ende der Welt und es wird einem bewusst, dass der Design March keine Veranstaltung des Big Business ist – wie etwa die klassischen Möbelmessen in Köln, Mailand oder Stockholm. Es ist vielmehr ein viertägiges Indie-Festival, an dem sich die kreative Szene des Landes trifft, die sich seit jeher in Reykjavík ballt. Zwischen die einheimischen Produkt- und Grafikdesigner, Architekten, Modemacher und Musiker mischen sich die Besucher. Mit den Veranstaltungsreihen Design Talks und Design Diplomacy lädt der Design March immer auch hochkarätige Kreative aus aller Welt ein, um in entspannter Atmosphäre über Designthemen zu diskutieren. In diesem Jahr mit dabei: der schwedische Keramiker Stefan Andersson, die englische Modedesignerin Katharine Hamnett – in einem ihrer berühmten Slogan-T-Shirts gekleidet –, der dänische Produktdesigner Kasper Salto und Kristian Edwards vom norwegischen Architekturbüro Snøhetta.

Architekturjuwelen als Ausstellungsorte
Die Veranstaltungen des Design March finden in Museen, Galerien, Designstudios und Läden statt. Manchmal bietet sich dabei die Gelegenheit, in die Architekturgeschichte Reykjavíks einzutauchen. Dieses Mal waren zu bestaunen: das Schwimmbad Sundhöll aus den Dreißigerjahren mit einem Labyrinth von komplett gefliesten Umkleidekabinen, wo es eine Installation des isländischen Bademodenlabels Swimslow zu sehen gab, sowie das Nordic House des finnischen Architekten Alvar Aalto. Hier zeigte eine Ausstellung die nominierten Produkte des Formex Nova Award 2019 der Messe Stockholm.

Überraschend war die kleine Schau Layers of Fibres der Textildesignerinnen Dominyka Sidabraite und Bára Finnsdóttir. Die Litauerin Sidabraite hat Textil- und Flächendesign an der Kunsthochschule Weissensee in Berlin studiert und zeigte Textilien aus Flachs (Divine Fibres) und isländischer Wolle, die sie selbst am Webstuhl hergestellt hat. Sie freute sich über die Möglichkeit, ihre Arbeiten in Reykjavík einem internationalen Publikum näher zu bringen, ebenso wie Raili Keiv. Sie präsentierte ihre Arbeiten zusammen mit der isländischen Designerin Hanna Dís Whitehead in der Ausstellung Vicious Circle, die in den schönen Sechzigerjahre-Bau des Kunstmuseums Kjarvalsstadir stattfand. Die Keramikdesignerin mit eigenem Studio in Tallin hat sich auf Tableware spezialisiert und arbeitete bereits mit deutschen Porzellanherstellern wie Kahla und Linder. Im Unterschied zu Sidabraite, die bereits während ihres Studiums verschiedene Stellenangebote bekommen hat und gerade ein einjähriges Stipendium vom Berliner Senat erhält, gibt Keiv zu, dass es nicht leicht sei, von der Arbeit als Keramikdesignerin zu leben.

Now Nordic
Traditionell eng ist die Verbindung von Island zu den nordischen Nachbarn in Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark. Viele isländische Designer haben in Stockholm oder Kopenhagen studiert, pendeln zwischen Reykjavík und den benachbarten Metropolen, wenn sie nicht ganz dorthin übergesiedelt sind. Die enge Bande zwischen den Ländern auch im Kreativbereich untermauerte neben der Formex Nova-Präsentation im Nordic House die Ausstellung Now Nordic im Reykjavík Art Museum. Jedes der teilnehmenden Länder – Norwegen, Finnland, Schweden und Dänemark – hatte einen Kurator geschickt, für Island war die Chefredakteurin des HA Design Magazine dabei. María Kristín Jónsdóttir erzählte beim Rundgang durch die Ausstellung, dass ein Kriterium für die Auswahl der Stücke das Wandeln zwischen Kunst, Design und Handwerk gewesen sei. Obwohl die Schau schon letztes Jahr an verschiedenen Orten in Nordeuropa zu sehen war, wurde sie für den Design March um neue Objekte ergänzt, so beispielsweise um den Kerzenhalter Mínúta des isländischen Designstudios Flétta. Die Idee: Er wird in exakt einer Minute von Hand geformt und sieht deshalb immer anders aus.

See you in Iceland!
Design aus Island – das ist eine Entdeckungsreise in die Geschichte, die Traditionen und das Handwerk einer abgeschotteten Insel. Design aus Island – das ist ein Eintauchen in die überaus präsente Natur, die das Leben der Menschen bis heute prägt und großen Einfluss hat auf ihren Umgang mit den Dingen, auf das Entwerfen von Produkten. Und: In einem Land, in dem es nur wenige natürliche Ressourcen gibt, müssen die gestalteten Objekte nicht einfach nur schön, sondern vor allem nützlich und nachhaltig sein. Was das Designfestival für die kreative Szene des Landes bedeutet, fasst María Kristín Jónsdóttir zusammen: „Der Design March ist für uns in Island ein wirklich großes Ding.“

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