Design Miami Basel 2014 – Möbliertes Zeitreisen

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Text: Norman Kietzmann

Die neunte Ausgabe der Sammlermesse Design Miami Basel wandelte erneut zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Lag der Schwerpunkt der 50 teilnehmenden Galerien vor allem auf der Mitte des 20.Jahrhunderts, begaben sich viele junge Designer sogleich auf prähistorische Spuren. 

Messen sind wie Orakel: Sie geben einen Ausblick in die Zukunft. Erreichen die Neuheiten gewöhnlicher Consumer-Schauen in wenigen Monaten den Handel, liegen die Dinge bei der Design Miami Basel anders. Ganz gleich ob Originale von Hans Wegner (Dansk Møbelkunst Gallery, Kopenhagen), Gerrit Rietveld (Galerie Fiedler, Berlin) oder Gio Ponti (Galerie Nilufar, Mailand): Jedes Designmuseum dürfte neidisch sein angesichts der historischen Preziosen, die auch diesmal den Weg an den Rhein gefunden haben – ergänzt von Arbeiten zeitgenössischen Designs. 

Mit 26.600 Besuchern konnte die Schau unter der Leitung des neuen Messechefs Rodman Primack einen Rekord aufstellen. Nach drei Jahren an der Spitze der Sammlerschau hatte Marianne Göbl im Frühjahr die Messe verlassen und wurde inzwischen als neue Chefin von Artek bestätigt. Für die frühere Vitra-Mitarbeiterin schließt sich damit der Kreis, hatte das deutsch-schweizerische Unternehmen den finnischen Möbelhersteller nur wenige Monate zuvor übernommen. Erfahrungen in der Welt der Sammler hatte Rodman Primack unterdessen als Vorsitzender des Londoner Auktionshauses Phillips de Pury & Company sowie als Direktor der Gagosian Gallery in Los Angeles gesammelt.

Konzentrierter Fokus
Ein spürbarer Bruch gegenüber den Vorjahren war ohnehin nicht zu befürchten. Dafür ist die Welt der limitierten Editionen längst aus ihrer Sonderrolle entwachsen und hat sich als verlässliche Verkaufsplattform parallel zum Kunstmarkt etabliert. Der Fokus dessen, was sich zu sammeln lohnt, bleibt ebenso konstant. Noch immer dominieren unter den Klassikern die vierziger bis sechziger Jahre – gemischt mit einigen wenigen Arbeiten aus der Zeit der Wiener Werkstätte, des Bauhauses und der De-Stijl-Bewegung. Auffällig ist derweil die Tendenz zur Soloshow. So nimmt die New Yorker Designgalerie Demisch Danant das Werk des französischen Gestalters René Jean Cailette (1919-2004) ins Visier, darunter eine gesamte Schlafzimmereinrichtung aus dem Jahr 1962 sowie ein vollständiges Muster-Wohnzimmer, das auf dem Salon des Arts Ménagers 1964 seine Premiere erlebte. 

Vergessener Modernist
Nur wenige Meter weiter beleuchtet die Pariser Designgalerie Pascal Cusinier das Werk des 2013 verstorbenen Joseph-André Motte, der zu den Pionieren des französischen Moderne gehörte und zu unrecht in der Mottenkiste des Designs verschwunden war. Während Jean Prouvé schon zu Lebzeiten hohe Anerkennung genoss, gilt das Werk des 1925 geborenen Motte selbst unter Insiders ein Geheimtipp. Weder überlieferte Buch noch weitere Publikation haben das Werk des frühen Modernisten dokumentiert, der unter anderem die Pariser Flughäfen Orly und Roissy sowie die Stationen der Pariser Metro möbliert hatte. 

Mask Mirrors von Jean-Baptiste Fastrez / Galerie Kreo, Paris
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Sein aus Palisander gefertigter Schreibtisch für die französische Bahndirektion (1962, Edition Dassas) ist ein puristisches Meisterwerk der Proportion. Und auch der erstaunlich gut erhaltene Rattan-Sessel Catherine (1950) – ein Material, das nur selten auf unversehrte Weise zu altern vermag – zeigt eine Klarheit, die ihrer Zeit weit voraus war. Der Galerist wird auf diese Weise zum Forscher, der einen spannenden Teil französischer Designgeschichte zurück ans Tageslicht befördert und ebenso die längst überfällige Motte-Monografie bald veröffentlichen will. Es sind vor allem museumsreife Präsentationen wie diese, auf denen die Messe zu Bestform aufläuft. 

Mineralische Werte 
Verglichen mit den historischen Arbeiten, wirkt die Gegenwart ein wenig hilflos. Wenn nicht die Designgeschichte den Sammlerwert garantiert, muss es handfeste Materie tun. Max Lamb zeigt eine Hockerserie (Johnson Trading Gallery, New York) aus teils rohem und teil glänzend poliertem Granit, die nur mit reichlich Tricks aus einem Naturschutzgebiet in Irland herausbefördert werden konnte. Der Untiteled Mirror 16 von Sam Orlando Miller (Galerie Fumi, London) wartet mit pinkfarbenen Granatsteinen, Erdpigmenten und Holzkohle auf. Und die Haas Brüder aus Los Angeles überziehen eine Hockerserie mit langen Haaren (Galerie R & Company, New York), als wäre eine Gruppe Mammuts in Sitzmöbel verwandelt worden. 

Marmor darf an dieser Stelle auch nicht fehlen. Neben der Tischserie Basoli von Fernando und Humberto Campana (Galleria O., Rom) und den Mask Mirrors des jungen französischen Designers Jean-Baptiste Fastrez (Galerie Kreo) fiel vor allem die Soloausstellung von Studio Job am Stand von Mitterrand + Cramer ins Auge. Das niederländische Designerduo kombiniert marmorne Verkehrskegel mit aufgesetzten Signalleuchten aus Messing, als hätte die Memphis-Gruppe eine Verkehrsbaustelle entwerfen wollen. Einen ironischen Umgang mit schwergewichtigen Fakten pflegt ebenso die Pariser Designgalerie Armel Soyer mit dem Visionary Office von Ramy Fischler. In einen von der Decke hängenden Marmorblock wurden Sensoren eingelassen, mit denen ein weiterer von der Decke hängender Marmorblock mit unsichtbar eingelassenen Lautsprecherboxen und LED-Beleuchtung angesteuert werden kann. 

Drei Häuser, drei Epochen
Ein neues Format steht unter dem Titel Design At Large. Rund um die kreisrunde Aussparung im Obergeschoss von Herzog & de Meurons neuer Messehalle 1 werden großformatige Arbeiten jenseits der gängigen Standformate gezeigt. Das spektakulärste Objekt dieser Runde ist eine mobile Architektur aus dem Jahr 1965. Zusammengesetzt aus sechs Kunststoffschalen, wirkt die Maison 6 Croques von Jean Benjamin Maneval wie ein gelandetes Ufo. Zwei Duzend der Wohneinheiten sind in den späten sechziger Jahren in einem Ferienressort in den französischen Pyrenäen aufgebaut worden. Danach vereitelte die Ölkrise die Serienproduktion und verwandelte Manevals Frühwerk in jene heiß begehrten Sammlerobjekte, die heute von der Pariser Galerie Jousse Entreprise vertreten werden.

Vorreiter in der räumlichen Ausweitung der Sammlerzone ist die Pariser Designgalerie Patrick Seguin, die auch diesmal ein vorfabriziertes Haus von Jean Prouvé nach Basel geholt hat. Entgegen früher gezeigter Exemplare wirkt das Gebäude allerdings ungleich archaischer. Der Grund: Anstatt mit raffiniert geformten Metall-Paneelen und kunstvoll-filigranen Stahlträgern überrascht das Maison F8X8 BCC (1942) mit seiner Materialität aus purem Holz. Eine Blockhütte to go, die der Großmeister des französischen Designs mit verlässlichem Gespür für konstruktive Einfachheit zu realisieren vermochte. 
TT Pavilion von Konstantin Grcic für Audi
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Archaik und Hightech
Wie eine Symbiose aus Prouvés und Manevals Architekturen wirkt ein drittes Haus am hinteren Ende der Halle. Begnügte sich Messesponsor Audi in den vergangenen Jahren damit, ein Fahrzeug von einem Designer inszenieren zu lassen, durfte Konstantin Grcic erstmals eine PS-affine Architektur produzieren. Ein wenig erinnert das raumschiffartige Gebilde an eine Weiterentwicklung seiner 2007 vorgestellten Sitzskulptur Landen, deren Form der Landungsfähre der Apollo 11 Mission nachempfunden wurde. Inspiriert von den Arbeiten Prouvés, entstand eine mobile Architektur aus Fertigteilen, die aufgrund ihrer Stelzen auch auf unwägbarem Gelände in der Natur montiert und wieder demontiert werden kann. 

„Autos sind industriell gefertigte, mobile Architekturen. Sie bieten nicht nur Schutz, sondern sind perfekt ausgestattete Funktionsräume zum Arbeiten, Kommunizieren, Essen und Relaxen“, erklärt der Münchner Gestalter. Ein wenig Ironie durfte dennoch nicht fehlen: So wird das Holz-Haus über sieben metallene Rampen betreten, die wie die Zugbrücken einer mittelalterlichen Burg geschlossen werden können. Darüber senken sich mit pneumatischer Dämpfung sieben Heckklappen des aktuellen Audi TT Modells und verwandeln den Bau in einen geschlossenen Kokon. 

Verlässliche Werte
Dass sich die meisten Arbeiten heutigen Datums um Seriosität bemühen, unterstreicht vor allem eines: Im neunten Jahr ihres Bestehens ist die Sammlermesse endgültig erwachsen geworden. Statt formeller Spielereien werden verlässliche Werte suggeriert, auch wenn der Spaß dabei ein wenig auf der Strecke bleibt. Schließlich sollen sich die Sammler an ihren neu erworbenen Stücken nicht schon nach wenigen Wochen sattsehen. Der entscheidende Punkt ist nur: Was in seinem Wert steigen wird oder nicht, entscheidet nur in den seltensten Fällen die Materialität. Es ist die richtige Mischung aus Innovation, Zeitgeist und Seltenheit, die eine Bretterarchitektur von Jean Prouvé in die Millionenliga hievt. Viele der schwergewichtigen Neuheiten haben dem kaum etwas entgegenzusetzen. 

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