Designed to win: Die Jagd nach Effizienz

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Text: Norman Kietzmann


Sportliche Wettkämpfe werden nicht nur unter Athleten ausgetragen. Auch die Hersteller von Schuhen, Kleidung und Sportgeräten tragen einen entscheidenden Teil zum Gewinn einer Medaille bei. Mit der Ausstellung Designed to win rückt das Designmuseum London die technische Ausrüstung der aktuellen Olympischen Spiele in den Mittelpunkt und gibt sogleich einen Einblick in die historische Entwicklung der (erlaubten) Hilfsmittel des Spitzensports.

Die Mensch-Maschine kam nicht erst 1978 mit dem gleichnamigen Album von Kraftwerk in die Welt. Schon in der Antike, vor rund 2800 Jahren, wussten Läufer ihren Start mithilfe rotierender Kugeln aus dem Stand heraus zu beschleunigen. Auch wenn diese Methode heute ein wenig aus der Mode gekommen ist, ganz zu schweigen davon, was das  Olypmpische Reglement dazu sagen würde: Es sind längst nicht nur die Leistungen der Athleten alleine, die über neue Rekorde entscheiden, sondern vielmehr das Zusammenspiel mit einer technisch immer ausgefeilteren Ausstattung.



Im Bruchteil einer Sekunde

Designed to win lautet der Titel der Ausstellung, mit der das Designmuseum London noch bis Mitte November die Gestaltung von Sportgeräten und Kleidung unter die Lupe nimmt: von Fahrrädern, Segelbooten, Rennwagen, Schwimmanzügen, Schutzmasken, Schuhen bis hin zu den Rollstühlen der Paralympics. „In einem Beruf, in dem der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage durch den Bruchteil einer Sekunde entschieden wird, kommt dem Design hohe Wichtigkeit zu“, erklärt Kurator Alex Newson. Viele der gezeigten Exponate kommen zurzeit während der Olympischen Spiele zum Einsatz. Die Schau erlaubt auf diese Weise einen unmittelbaren Einblick in das Geschehen der Wettkämpfe, der selbst den Kameras der Live-Übertragungen nur allzu oft entgeht. Doch auch hier spielen Klischees fleißig mit. 


„Wir entwerfen keine Gimmicks, sondern reine Leistung“, tönt Chris Boardman, Chefdesigner der britischen Fahrradschmiede Boardman in einem Video gleich am Eingang der Schau. Zu sehen ist von ihm das Rad Air 9.8 der britischen Triathlon-Weltmeister 2011 Alistair und Jonathan Brownlee, die auch während der Londoner Spiele die Gold- und Bronzemedaille für sich entscheiden konnten. Der Rahmen aus ultraleichter Karbonfaser besteht aus extrem dünnen, in die Länge gezogenen Profilen, deren Form in siebenjährigen Tests im Windkanal ermittelt wurde. 6,45 Kilogramm bringt das Rad mitsamt seiner aerodynamischen Reifen auf die Waage und unterschreitet damit die festgesetzte Grenze des Fahrrad-Weltverbandes UCI um vorteilhafte 300 Gramm. Auch wenn ihn diese Zahlen vom Vorwurf reinen Stylings entbinden: Ohne eine gewisse Portion Kraftmeierei kommt auch dieses Rad nicht aus, das mit einer fetzigen Beschriftung die Geschwindigkeit selbst im Stehen sichtbar macht.


Rollende Nashörner und pfeilschnelle Geigen

Alles andere als leichtgewichtig zeigt sich ein Sportgerät, das selbst dem gegenüber geparkten Rennwagen Audi R18 E-Tron Quattro locker die Show stiehlt. Die Rede ist von einem Rugby-Rollstuhl vom Typ Melrose Rhino des Herstellers Draft Weelchairs, dessen mit Beulen und Furchen übersäter Stahlrahmen verrät, warum die Rollstuhl-Version des ohnehin nicht gerade zimperlichen Ballsports ihrem Spitznamen „Mörderball“ durchaus gerecht wird. An diesem Kraftprotz muss alles sitzen: Die schräg gestellten Räder, in denen sich keine Arme verheddern dürfen, oder die breite (und beim ausgestellten Exemplar sichtlich ramponierte) Stoßstange, die auch nach frontalen Zusammenstößen nicht in die Werkstatt muss, sondern die aufprallenden Kräfte wie ein schützender Panzer um den Fahrer herum ableitet.

Spannend sind die Bezüge zu historischen Sportgeräten: So wird einem Einer-Ruderboot der Zürcher Bootsmanufaktur Stämpfli aus den 1920er Jahren das 2011 eingeführte Modell F45 der italienischen Werft Filippi Lido gegenübergestellt, das von fast allen teilnehmenden Nationen gefahren wurde. Lediglich 14 Kilogramm wiegt das 7,68 Meter lange Boot mit einem Rumpf aus Karbon-Kevlar-Gewebe, dessen Leistung durch eine zusätzliche Karbon-Verstrebung um 30 Prozent gegenüber den Vorgängermodellen gesteigert wurde. Dennoch entfaltet vor allem das historische Boot mit seinem handgefertigten hölzernen Rahmen, der mit einer gefetteten, transparenten Haut überzogen wurde, einen ganz eigenen Charme. Denn ohne computergesteuerte Hilfsmittel wurde die Form allein aus Beobachtungen und einer Vielzahl von Experimenten heraus entwickelt: Die in den zehner Jahren übliche Tropfenform wurde so zur noch heute gültigen Pfeilform – konstruiert mit der Präzision einer Geige.

Ordnung nach Typologien


Ist die linke Hälfte des Ausstellung-Rundgangs den gerätebasierten Sportarten wie Fahrradfahren, Rudern, Bobfahren, Segeln oder Formel 1 vorbehalten, rückt das Design bei weniger technikorientierten Sportarten wie Schwimmen, Leichtathletik oder Fechten dem menschlichen Körper sehr nah. Indem Typologien wie Helme, Schuhe oder Handschuhe aneinandergereiht werden, werden die Anforderungen der einzelnen Sportarten auf vergleichbare Weise vor Augen geführt. So sind die 41 verschiedenen Arten von Schuhen, mit denen die britische Olympiamannschaft ihre Wettkämpfe bestreitet, wie in einem Schaukasten angeordnet und laden zu einem Quiz über den Zweck der jeweiligen Modelle ein. Wie Sportkleidung auch aus modischer Perspektive betrachtet wird, zeigen die von Stella McCartney entworfenen Trikots der britischen Olympiamannschaft sowie Modelle aus der von Yohji Yamamoto mit Adidas entwickelten Linie Y3 und Entwürfe sportlicher Alltagskleidung von Hussein Chalayan für Puma.

Dass sich Leistung nicht nur in Medaillen und Rekorden messen kann, verdeutlicht eine Tafel mit den jeweils zehn bestverdienenden Sportlerinnen und Sportlern – die noch immer beachtliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern zutage fördert. So stehen bei den Männern die Boxer Floyd Mayweater aus den USA mit 67,99 Millionen Euro auf Platz eins und Manny Pacquiao von den Philippinen auf mit 49,59 Millionen Euro auf Platz zwei, während bei den Frauen die Tennisspielerinnen Maria Sharapova aus Russland mit 22,07 Millionen Euro sowie die Dänin Caroline Wozniacki mit rund 10,00 Millionen Euro die Gehaltsliste anführen.  Zum Vergleich: Der Schweizer Tennisprofi Roger Federer (Platz fünf unter den bestverdienenden Männern) kommt mit Werbeverträgen von rund 37 Millionen auf ein Jahresverdienst von 42,9 Millionen Euro.

Verflechtung zum Marketing

So entlarvend diese Statistik auch sein mag: Die Londoner Ausstellung kommt selbst nicht gänzlich um den Eindruck einer Werbeveranstaltung herum. Zwar sind bei der Ausstattung olympischer Wettkämpfe neben den fünf Ringen lediglich die Logos der Sportartikel-Hersteller erlaubt. Doch wirken viele der gezeigten Outfits allzu akkurat arrangiert, um die ebenfalls gezeigten Modelle des Brillen-Herstellers Oakley, der die Londoner Ausstellung finanziert hat, ins rechte Licht zu rücken. In gewisser Weise liegt allerdings auch darin Transparenz: Denn der Großteil der technischen Innovationen, die diese Ausstellung vor Augen führt, wären ohne die Gelder der Sponsoren noch immer Zukunftsmusik.


Designed to win – noch bis zum 18. November 2012
Design Museum London, Shad Thames

Mehr zum Thema Sport und Olympische Spiele finden Sie in unserem Special.
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