Das meistgenutztes Trimmgerät Deutschlands

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Text: Katharina Horstmann

 
Ob Wecker, Stabmixer oder elektronische Zahnbürste: Es gibt wohl kaum einen deutschen Haushalt, in dem kein Gerät von Braun zu finden ist. Den Grundstein für den weltweiten Erfolg des Kronberger Unternehmens legte vor 60 Jahren – noch vor den berühmten Phonogeräten – der elektrische Trockenrasierer. Er prägte mit seiner kontinuierlichen Weiterentwicklung – insbesondere der Scherfolie – die Geschichte der Trockenrasur. Denn in einem war man sich bei dem Elektrogerätehersteller von Anfang an sicher: Alles ist bei der Rasur bequemer, was keine Seifen und Klingen benötigt.
 
 
„Mein Vater war von rastlosem Temperament, ungeduldig und für seine Umgebung oft sehr anstrengend“, beschreibt Artur Braun den Firmengründer Max Braun. „Dauernd war er unterwegs auf der Suche nach neuen Eindrücken und Anregungen.“ So auch auf seiner Reise 1942 in die Schweiz, als er trotz des Krieges einen Weg gefunden hatte, die Grenze zu überschreiten. Mit zurück brachte er diverse Modelle von den zu jener Zeit in Deutschland noch unbekannten Trockenrasierern und beschloss, einen eigenen zu entwickeln – eine glückliche Entscheidung, wie sich auch heute noch zeigt. Max Braun hat sich damals wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass sein Unternehmen mit seiner Idee den Trockenrasierer revolutionieren sollte. Waren die Elektrorasierer in den 1930er Jahren noch unpräzise und langsam, so entwickelten sie sich unter anderem durch Brauns Technik zu immer exakteren und schnelleren Instrumenten.
 
Unbeirrt den Kriegswirren zum Trotz
 
Inspiration fand Max Braun in der hauseigenen Dynamotaschenlampe „Manulux“, die von Hand angetrieben und leicht in Gewicht und Herstellung war. Die Umsetzung war jedoch nicht so einfach. Zwar existierte schon ein halbes Jahr später ein erstes Handmuster, doch bis zu der Realisierung des ersten Produktes sollten noch acht Jahre vergehen. Natürlich braucht Entwicklung ihre Zeit, doch was sie in diesem Fall noch zusätzlich erschwerte, war die Tatsache, dass offiziell nur an Sendern, Empfängern, Fernsteuerungen und Minensuchgeräten gearbeitet werden durfte, nicht aber an Rasieren – sie waren nicht „kriegswichtig“. Außerdem kam die Bombardierung Frankfurts im März 1944 hinzu, der die halbe Stadt und der größte Teil der damals noch dort ansässigen Braun-Werksanlagen zum Opfer fielen.

Doch Max Braun ließ sich nicht beirren und arbeitete trotz Krieg und Zerstörung weiter an seiner Idee. Schließlich hatte er „schon ein Kriegsende erlebt und wusste, dass es danach weitergehen muss“, erklärt Artur Braun. So entstand gerade in den letzten Kriegsmonaten seine geniale Erfindung, bei einem Trockenrasierer eine flexible, gelochte Folie so über hin- und hergehende Untermesser zu spannen, dass sie sich auf diesen abstützt. Es waren noch viele Veränderungen und Stichproben nötig, und viele Mitarbeiter der Firma gingen ihrem Chef aus dem Wege. Er suchte nämlich gerne seine Testpersonen unter ihnen, was oft mit brennendem Gesicht und wundem Nacken endete.
 
Die erschwerte Materialbeschaffung in der Nachkriegszeit
 
Inzwischen schrieb man das Jahr 1947, und etwas Alltag war in die übrig gebliebenen Werksräume zurückgekehrt. Nachdem Braun nach Kriegsende, um an Arbeit zu gelangen, zuerst aus altem Wehrmachtsmaterial Trafos hergestellt hatte, mit denen US-Soldaten ihre 110-Volt-Radios an das deutsche 220-Volt-Netz anschließen konnten, stellte die Firma nun neben der „Manulux“ wieder die ersten Radios und Plattenspieler – oftmals noch Vorkriegsmodelle – her. Absatzprobleme gab es nicht, die Nachfrage boomte. „Niemand dachte an Werbung, und wenn unsere Kaufleute unterwegs waren, dann nicht, um zu verkaufen, sondern um Material heranzuschaffen“, so Artur Braun.

Neben der erschwerten Materialbeschaffung gab es noch ein weiteres, die schnelle Entwicklung des Trockenrasierers behinderndes Problem: Die Idee, das Gerät per Hand anzutreiben, hatte sich als unbrauchbar herausgestellt, denn die Finger ermüdeten zu schnell, und der Rasierer ließ sich nicht gleichmäßig führen. Ein neuer Motor musste her. Artur Braun plädierte gemeinsam mit seinem Bruder Erwin für einen Wechselstromantrieb, doch der Vater ließ sich erst davon überzeugen als er durch Zufall an einen gängigen US-Rasierer, den „Sunbeam“, gelangte, der mit so einem Motor angetrieben wurde. Schnell baute er ein ähnliches Modell mit dem eigenen Scherfolienkonzept, das jedoch „neben amerikanischen Geräten recht ärmlich“ aussah. Auch hier half eine Vorlage aus Amerika weiter. Denn die Erscheinung eines Rasierers der Marke Schick hatte es dem jungen Artur Braun angetan und inspirierte ihn zu zwei Modellen aus Lindenholz. Diese ließ er hell lackieren und versah sie mit Metallteilen.
 
Die Überzeugungsarbeit an den Deutschen
 
Endlich, zur Frankfurter Frühjahrsmesse im Jahr 1950, waren über 25.000 Geräte des ersten Braun-Elektrorasierers mit dem Namen „S50“ fertig und ihr Verkauf konnte beginnen. Auch damals waren Trockenrasierer in Deutschland  noch wenig bekannt, so dass der Andrang auf dem Braun-Messestand groß war. „Viele Besucher erklärten rundheraus, dass es nicht möglich sei, sich trocken zu rasieren“, erinnert sich Artur Braun. „Vater saß etwas hinten im Stand und schmunzelte, wenn Erwin und ich argumentierten und mit dem S50 an der Wange des Verbrauchers Überzeugungsarbeit leisteten. Abends waren wir heiser, und die Beine taten uns weh, aber es lohnte sich, die vielen Meinungen zu hören und den S50 an so unterschiedlichen Bärten auszuprobieren.“

In den letzten sechzig Jahren folgten zahlreiche neue Modelle, darunter der elektrische Folienrasierer „Sixtant“ aus dem Jahr 1962, der damals alle Verkaufsrekorde brach und auch heute noch als Maßstab im Bereich des Rasierer-Designs betrachtet wird; außerdem der erste Sprint-Rasierer, auf den James-Bond-Darsteller Roger Moore im Jahr 1981 schwor, oder der „Series 7“, der heutige Testsieger der Stiftung Warentest. Eines blieb ihnen allen über die Jahrzehnte erhalten: Ob mit Wechselstromantrieb, Batteriemodelle mit Gleichstrommotoren oder solche für den Netzbetrieb – ihr Prinzip ist immer noch die von Max Braun erdachte, federnde Scherfolie sowie der federnd überlagerte Messerblock. Die brennenden Gesichter und wunden Nacken der ersten Trimmgeräte haben sich also gelohnt.

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