Die 400-Meilen-Schlagader

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Text: Norman Kietzmann


Am 18. Oktober wurde der zweite Audi Urban Future Award im Rahmen der ersten Design-Biennale in Istanbul verliehen. Gewonnen hat ihn das Büro Höweler + Yoon mit einem neuen Mobilitätskonzept für die Verkehrsschlagader zwischen Boston und Washington. Auch die anderen Teilnehmer erklärten eine Auffächerung der Verkehrsmittel zum Schlüssel für die Mobilität von morgen und erkannten dabei selbst im Chaos überzeugende Qualitäten.


Es geht um mehr als nur Geschwindigkeit und Effizienz. Dass eine engere Vernetzung verschiedener Transportmittel der Schlüssel zur Mobilität von morgen ist, zeigt eine Super Highway, die Boston und Washington verbinden soll. 54 Millionen Menschen leben heute entlang des 400 Meilen langen Ballungsraums BosWash, den allerdings nur die wenigsten seiner Bewohner so nennen, geschweige denn sich mit ihm identifizieren würden. Genau das soll sich nun ändern, wenn es nach den Ideen von Höweler + Yoon geht. Das Architektenteam aus Boston konnte den zweiten Audi Urban Future Award für sich entscheiden, der am 18. Oktober in Istanbul verliehen wurde.

Ihr Konzept sieht so aus: BosWash soll mithilfe einer leistungsstarken Verbindungsader sowohl räumlich wie auch im Bewusstsein stärker miteinander vernetzt werden. Um den Fluss zwischen den Städten effizienter zu gestalten, werden unterschiedliche Verkehrssysteme zu einem dichten Bündel übereinander gestapelt. Das Ergebnis ist ein Hybrid aus Autobahn, Landstraße, Hochgeschwindigkeitstrasse und Regionalbahn, der von einer schützenden Hülle ummantelt wird. Diese würde Lärm und Abgase auffangen und auf diese Weise die unmittelbare Umgebung der Trasse aufwerten. Die nutzbar gewordenen Grundstücke ließen sich für gemeinschaftlich genutzte Ackerflächen nutzen und können frei bebaut werden.
 
Teilen statt Besitzen



„Shareway“ nennen Eric Höweler und Meejin Yoon ihren Vorschlag, der zugleich einen Grundpfeiler amerikanischem Denkens ins Wanken bringt: Statt „Mein Auto, Dein Auto“ propagieren sie das Teilen. Gewiss, Car Sharing ist keine neue Erfindung. Doch worum es hierbei geht, ist ein tatsächliches Ineinandergreifen von Verkehrsträgern, die bislang getrennt voneinander agieren. Das Pendeln zwischen den Städten könnte fortan so aussehen: Man fährt mit dem Car-Sharing-Wagen von einer Stadt in die andere, von dort mit dem Zug in die nächste Stadt und nimmt das Flugzeug für den Weg Retour. Und selbst wer die gesamte Zeit mit dem Auto unterwegs ist, kann zwischen Autobahn und „normalen“ Straßen frei wechseln. Statt wie bei konventionellen Autobahnen kilometerweit fahren zu müssen, um die nächste Abfahrt zu nehmen, soll ein dichtes Geflecht an Auf- und Abfahrten den Wechsel der Verkehrsträger erleichtern.

Nicht nur Menschen sollen auf diese Weise schneller an ihr Ziel gelangen. Auch Industrie, Logistik und Handel würden sich entlang des Verkehrsträger-Bündels ansiedeln und von ihrer gegenseitigen Erreichbarkeit profitieren. Der „Shareway“ wäre somit ein 400 Meilen langes Band aus unterschiedlichsten Wirtschaftszweigen, der jedoch keineswegs isoliert  vom Rest der Welt betrachtet wird. Um den Umschlag von Waren besser zu organisieren, schlagen Höweler + Yoon einen Hybrid aus Flug- und Hochseehafen vor, der an der Stelle des heutigen New Yorker Flughafens Newark entstehen könnte. Der Vorteil: Güter könnten direkt vom Schiff aufs Flugzeug umgeladen werden, ohne das Straßennetz zu belasten. Und über den „Shareway“ ließen sie sich schnell in „BosWash“ zuliefern, da der neue Super-Port direkt im Kern des Ballungszentrums liegen würde.

Rotierende Straßenbeläge


Eher in den Bereich der Utopie sind die so genannten „Tripanels“ zu verorten, mit denen Höweler + Yoon eine Mehrfachnutzung vorhandener Straßen ermöglichen wollen. Das Prinzip basiert auf rotierenden, prismatischen Balken, deren drei Seiten über unterschiedliche Beläge verfügen sollen. Ist eine Seite mit Asphalt bedeckt, wird die andere mit Rasen begrünt, während die dritte mit Solarzellen ausgestattet ist. Straßen, die zur Rushhour vom Autoverkehr genutzt werden, könnten in der Mittagszeit in Parkanlagen verwandelt werden und am Abend wieder zurück in eine dicht befahrende Verkehrsachse. Die Renderings sind zweifelsohne verführerisch, erst recht, wenn sie die Park Avenue in New York mit Blick auf das MetLife-Hochhaus in einen Grünstreifen mit Fußball spielenden Kindern verwandeln.

Doch spätestens hier ist klar, dass die technischen Probleme den Nutzen überwiegen werden – zumal Rasen, der einen erheblichen Teil des Tages im Kellerlicht verbringt, schon bald verkümmern dürfte. Dennoch lässt sich der Vorschlag anders denken. Vielleicht könnten gerade in Großstädten ausgewählte Straßenzüge dauerhaft in Parks oder Fußgängern vorbehaltenen Zonen umgewandelt werden wie der jüngst für autofrei erklärte Times Square in New York. Der Haken an der Sache: "„BosWash“ fällt in die Zuständigkeiten unterschiedlicher Staaten, mit unterschiedlichen Gouverneuren, Bürgermeistern und Verwaltungsräten, die bisher noch nie zusammen an einem Tisch saßen“, macht Eric Höweler die Herausforderung deutlich. Dennoch attestierte die Jury des Audi Urban Future Awards gerade seinem Vorschlag eine machbare Perspektive für das Jahr 2030.

Der letzte Kilometer
 
Auf hohen Unterhaltungswert setzte das vorab als Favorit gehandelte Büro Urban-Think Tank mit seiner Zukunftsvision für die brasilianische Metropole São Paulo. Ihr Ansatz: Der urbane Raum soll von der Straße um weitere Ebenen in die Höhe erweitert werden. Mithilfe von Rolltreppen, Seilbahnen und Liften soll der „letzte Kilometer“ von der nächst gelegenen U-Bahn-Station zurückgelegt und somit eine belebte Meta-Ebene über den Fahrbahnen der Autos geschaffen werden. Die bunten Renderings der Präsentation machen Spaß und auch das aus Styropor gebaute Modell, das die Gewinner des Goldenen Löwen der diesjährigen Architekturbiennale in Istanbul vorstellten.

Dennoch wirkte der Vorschlag, als hätte man die wandernden Städte von Archigram, eine Ecke vom Fun Palace und den Plot einer Captain Future-Folge in einen Mixer getan. Hinzu kommt, dass die Idee selbst in Teilen kaum funktionieren dürfte, da die Investitionen und Wartungskosten der mechanischen Infrastruktur in keinem Verhältnis zum konkreten Nutzen stehen. Und wenn, würden sich die sozialen Schichten in der Stadt nicht wie gewünscht durchmischen, sondern die Seilbahnen der Reichen die Hütten der Armen überspannen. In seiner Übertreibung offenbart das Konzept jedoch, warum die Straße noch immer der erfolgreichste Verkehrsträger ist. Ihre Stärke liegt in der Verdichtung auf einer einzelnen, jederzeit zugänglichen Ebene, die selbst mit allerhand Schlaglöchern passierbar ist. Sie ist in gewisser Weise der primitivste aller Verkehrswege.

Urbanismus per Facebook


Etwas unübersichtlich geben sich die übrigen Vorschläge. Das Büro NODE aus Shenzhen möchte die Mobilität im Pearl Delta durch ein unterirdisches Tunnelsystem optimieren, was jedoch noch kostenintensiver erscheint als die kunterbunten Rampen und Seilbahnen von Urban-Think Tank. Superpool aus Istanbul sehen vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook enormes Potenzial für die Entwicklung ihrer Stadt. Initiativen von Privatpersonen und Kleinunternehmen sollen hierbei von anderen besser wahrgenommen und Aktivitäten gebündelt werden. Doch so charmant der Vorstoß klingt, die Ideen anderer bewerten und dabei auch selbst Punkte sammeln zu können, wirkt das Ganze wie eine Mischung aus Big-Brother und Quizshow.

Vielleicht liegt das Büro Crit aus Mumbai mit seiner Einschätzung richtiger, indem es Masterplänen eine Absage erteilt. Anstatt die wild gewachsenen Strukturen am Reißbrett aufräumen zu wollen, soll das Chaos als urbane Qualität verstanden werden. Mit „taktische Interventionen“, so ihr Vorschlag, soll das Bestehende transformiert werden und eine Vielzahl von Zukunftsvisionen an einem Ort realisierbar sein. Die Mobilität der Stadt von morgen wäre auf diese Weise ein Stück wie Mumbai heute: „nicely messy“.


Mehr zur Istanbul Design Biennial 2012 finden Sie in unserem Special.
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