Die Dadaisten des Designs

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Text: Norman Kietzmann


Wenn das Design ein dicht bevölkerter Dschungel ist, dann sind Fernando und Humberto Campana seine derzeit schillerndsten Bewohner. Weniger vielleicht aufgrund ihrer eigenen Gestalt – die beiden Brüder aus Sao Paulo wirken auf den ersten Blick beinahe als wären sie Juristen – als vielmehr der ungebremsten Kreativität und Phantasie, mit der ihre spielerischen Entwürfe stets daherkommen. Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet den beiden Brasilianern nun ihre erste große Einzelausstellung in Europa, die unter dem Titel „Antikörper“ die beeindruckende Bandbreite ihrer Entwürfe aus den vergangenen 20 Jahren gemeinsamer Arbeit vereint.


Die Welt von Fernando und Humberto Campana ist eine eigene Welt: Sessel aus endlos aufgewickelten Seilen, Tische aus Scherben verbrochener Spiegel und seltsam hybride Wesen, die sich – halb Riesenschlange, halb Krokodil – durch den Wohnraum schlängeln und ihn zur großen Spielwiese erklären. Alles scheint in ihr zu leben, zu vibrieren, Geräusche von sich zu geben. Es ist ein Dschungel, ein urbaner Dschungel, bei dem von der Starrheit und nicht zuletzt auch Spießigkeit, mit der die meisten gegenwärtigen Wohnideen daherkommen, keine Spur bleibt. Mehr noch: Die Entwürfe der Campana-Brüder fordern wie kaum andere zur Interaktion auf: sie wollen erobert, erklettert, ausprobiert oder schlicht berührt werden. Sie appellieren an unseren Spieltrieb auf direkteste Weise.

Weit gefächertes Oeuvre


Für eine Präsentation ihrer Entwürfe zunächst gar keine so leichte Angelegenheit. Denn die Distanz einer klassischen Museumspräsentation wirkt an dieser Stelle mehr als unangebracht. Dass sich die Kuratoren der Ausstellung in Weil am Rhein aber dennoch dazu entschieden, muss nicht als Böswilligkeit gegenüber den Besuchern gewertet werden: Handelt es sich doch bei nicht wenigen der gezeigten Arbeiten, die die beiden Brüder in den vergangenen 20 Jahren entwarfen, um kostbare Einzelstücke, die sieben Monate Dauerbenutzung in einer Ausstellung sicher schwerlich überleben würden. Dennoch ist die Bandbreite der gezeigten Entwürfe beindruckend. So sind neben Entwürfen, die die Campana-Brüder für Hersteller wie Edra oder Alessi für die Serie entwickelten, auch jene zahlreichen Einzelstücke zu sehen, die ansonsten in privaten Sammlungen hinter verschlossenen Türen bleiben.

Das Ready-Made als Designprinzip

Bereits der Weg zum Design beginnt für die beiden Brüder auf keineswegs geradlinige Weise. Als sie 1989 ihr gemeinsames Büro in Sao Paulo gründen, hat Humberto (Jahrgang 1953) einen Hochschulabschluss in Jura absolviert und Fernando (Jahrgang 1961) soeben sein Studium in Architektur beendet. Als ungleiches Paar sorgen sie mit ihren surrealistischen Möbelentwürfen in der Kunstszene Brasiliens schnell für Aufruhr. Immer mehr eignen sie sich dabei einer Technik an, die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kunst um eine entscheidende Spielart erweiterte: das Ready-Made. Wie einst die Dadaisten um Duchamp lassen die beiden Brüder immer wieder Dinge des Alltages als Baustoff für ihre Entwürfe einfließen – von industriellen Abfällen wie Seilen, Drähten oder kleinen Holzstückchen über Reste von Lederhäuten bis hin zu Plüschtieren aus dem Kinderzimmer. Das Ansammeln, Verdichten und miteinander Verbinden wird schließlich zu ihrer eigenen, wiedererkennbaren Methode. Dinge, die einzeln betrachtet eher banal erscheinen, verwandeln sie auf diese Weise zu einem überraschenden, neuen Ganzen. Und doch bleiben die einzelnen Bausteine als solche erkennbar und umgeben die Entwürfe auf diese Weise zugleich mit einer gewissen Fragilität: Werden sie halten oder – wie ihr bekannter Plüschtiersessel „Banquette“ den Eindruck erweckt – womöglich beim darauf Setzen in ihre Einzelteile zerspringen?

Der Wert der Manufaktur

Fernando und Humberto Campana benutzen keine Computer. Und doch sind ihre Entwürfe Avantgarde – auch wenn sie auf den ersten Blick zunächst gar nicht so aussehen. Sie wirken mitunter primitiv oder scheinbar wie zufällig zusammengebaut. Sie sind Antikörper inmitten all der hochglanzpolierten Oberflächen, die das Möbeldesign in den vergangenen Jahren bestimmen. Dennoch verbirgt sich hinter ihnen nicht selten ein raffinierter Produktionsprozess, der sich auf seltsam altmodische Weise der maschinellen Fertigung entzieht. Mitunter dauert es Monate, bis ein einzelner Arbeiter eine spezielle Flechttechnik oder andere kniffligen Aufgaben gelernt hat, um einen ihrer Entwürfe zu produzieren. Anstatt eine austauschbare Schraube im Getriebe zu sein, fällt den Handwerkern hierbei eine entscheidende Rolle zu. So gibt es bis heute nur eine Person, die in der Lage ist, die Seile ihres „Vermelha“ Sessels auf aufwendige Weise zu flechten. Wird diese krank, steht die Produktion still. Für Fernando und Humberto liegt darin auch ein wesentliches Kriterium ihrer Arbeit. Sie integrieren individuelles Know-How von Anfang an in ihren Designprozess und machen ihre Entwürfe auf diese Weise auch in ihrer Herstellung zu Unikaten. Sie lassen sich nicht kopieren.

Funktional aber nicht funktionalistisch


Und die Funktion? Eine Frage, die von unsicheren Naturen immer dann eingeworfen wird, um Ideen jenseits des Konventionellen vorschnell aus dem Verkehr zu ziehen, lassen wir an dieser Stelle bewusst außen vor. Schließlich ist jeder Stuhl auch funktional, solange man auf ihm sitzen kann. Und das lässt sich zweifelsohne auf den Entwürfen der Campana-Brüder. Interessanter scheint an dieser Stelle vor allem, was sie beim Betrachter auslösen. So düpieren sie mit ihrer kindlich-verspielten Erscheinung nicht nur jene, die stets den guten Geschmack für sich in Anspruch nehmen. Mit Entwürfen wie ihrem Krokodilsofa Kaiman Jacaré knüpfen sie auch an jenen experimentellen Geist der Sechziger und Siebziger Jahre an, als die Wohnung zur Landschaft und das Wohnzimmer zu Spielfläche erklärt wurde. Vielleicht sind die Campana-Brüder heute die einzigen Designer, die mit ihren Entwürfen noch nach Formen jenseits des tradierten Wohnens suchen und dabei die Stereotypen klassischer Möbelgattungen bewusst über Bord werfen. Eine stolze Bilanz nach 20 Jahren gemeinsamer Arbeit. In den kommenden 20 bitte noch viel mehr davon!



Antikörper: Arbeiten von Fernando und Humberto Campana
Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, noch bis 28. Februar 2010

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