Die Inflation der Design Weeks

Text: Norman Kietzmann


Sie wuchern wild wie Unkraut und sind auf keinem Terminkalender mehr zu bändigen: Allein in diesem Jahr sind vier neue Designfestivals aus dem Boden gesprossen und stellen die potenziellen Besucher nicht nur vor eine logistische Herausforderung. Trotz ihrer hohen Dichte an Ausstellungen, Diskussionen und Veranstaltungen sind spannende Projekte auf ihnen kaum auszumachen. Der Grund: Es sind vor allem die Städte, die den Wildwuchs der Design Weeks befeuern und sich neue, zahlungskräftige Besucher versprechen. Statt inhaltlicher Konzepte zählt allein das Event – eine Entwicklung, die vor allem jenen schadet, die den Tourismusgag als berufliches Sprungbrett missverstehen: die jungen Designer.



Es kam, wie es kommen musste: Nachdem die Kunst in den neunziger Jahren ins Visier der Stadtväter gelangte und mit dem Bau immer opulenterer Museen neue Scharen von Besuchern lockte, wurde Stufe zwei gezündet: Kaum eine Großstadt von Format kann es sich heute noch leisten, auf eine internationale Biennale zu verzichten, die nicht nur die Massen, sondern ebenso die Macher zum regelmäßigem Stelldichein verpflichtet. Hat die terminliche Dichte der Biennalen das Kunstvolk längst auf Dauerreise um den ganzen Globus geschickt, erfasst diese Entwicklung mit einiger Verzögerung das Design.

Zweiundwanzig Festivals drängen sich derzeit zwischen September und Dezember diesen Jahres und machen den Herbst zum gestalterischen Overkill. Der Antrieb für die Inflation der Design Weeks kommt dabei weniger von den Designern als vielmehr den Städten und Kommunen, die nach einer etablierten Biennale, einer ebenso obligatorischen Fashion Week nun eine möglichst prominent besetzte Design Week in ihrem Werbe-Portfolio verbuchen wollen. Doch so sehr sich Kunst und Design aus Sicht der Tourismusstrategen ähneln mögen: Es liegen immer noch Welten zwischen beiden Disziplinen.

Festivals ohne Produktion

Denn anders als in der Kunst entsteht Design nicht unabhängig in den Studios der Gestalter, sondern in direkter Zusammenarbeit mit der Industrie. Nicht ohne Grund sind die etablierten Designfestivals in Mailand oder Köln aus funktionierenden Messen hervorgegangen, auf denen nationale wie internationale Hersteller ihre Neuheiten präsentieren. Dass Städte wie Wien, Berlin, Budapest, Lodz, Moskau, Istanbul oder Valencia nun ebenfalls eine Design Week auf die Beine stellen, ohne über eine funktionierende Messe, eine nennenswerte Anzahl an professionellen Designbüros geschweige denn über designaffine Produzenten zu verfügen, ist eine neue Entwicklung.

Der Output dieser Veranstaltungen ist lediglich eine Bewegung von Menschen: aus Europa und der Welt durch die beschaulichen Gassen pittoresker Städte, in denen Jungdesigner ein wenig regional angehauchte Folklore inszenieren. Klingt nach Vergnügungspark und ist es auch. Doch die Stadtväter sind geschickt. Damit die Festivals nicht vollends an eine über das Stadtgebiet verteilte Diplompräsentation der örtlichen Kunsthochschule erinnern, werden die professionellen Lücken schnell mit prominenten Namen aufgefüllt. So lässt die Moskau Design Week (11.10 bis 16.10.) in diesem Jahr Ingo Maurer, Ron Gilad, Luigi Colani oder Giulio Cappellini einfliegen, die dort ein wenig über ihre Arbeit sprechen, ohne neue Arbeiten oder sonstige Überraschungen im Gepäck zu haben.


Lokale Ausrichtung


Doch darum geht es auf den meisten Festivals auch nicht. Es reicht, das Vorhandene in Moskau, Istanbul, Dubai oder Peking einfach neu zu verkaufen. Die Wirkung vieler Designweeks liegt damit trotz ihres betont internationalen Anstrichs im Lokalen. Das mag aus Sicht der Unternehmen sowie der örtlichen Veranstalter durchaus Sinn machen. Doch für jene Besucher, die aus halb Europa oder gar von Übersee den Weg auf sich genommen haben, stellt sich schnell Ernüchterung ein. Denn was sie erblicken, sind lediglich dieselben Dinge, die sie bereits auf den Messen von Mailand, Köln oder Paris gesehen haben.

Spürbar wurde dieser Widerspruch aus internationalem Anspruch und lokaler Größe vor allem auf der Vienna Design Week (30.09. bis 09.10.). Fast alle Höhepunkte des Festivalprogramms – wie die Kooperation der Kristallmanufaktur Lobmeyr mit dem New Yorker Grafiker Stefan Sagmeister oder jene von Theresienthal mit dem deutschen Designer Christian Haas – feierten bereits auf der Pariser Maison & Objet (09.09. bis 13.09.) ihre Premiere. Auch die Idee, eine Auswahl an Jungdesignern mit altehrwürdigen Manufakturen kooperieren zu lassen, darunter der K&K Hofjuwelier Köchert, Lobmeyr oder die Wiener Silbermanufaktur, klang vielversprechend. Doch auch hierbei brachte das Ergebnis schlichtweg zu wenig hervor, um die Anreise eigens für diesen Anlass zu rechtfertigen.

Harry Potter und James Bond

Welch staatstragende Dimensionen ein Designfestival erreichen kann, machte unterdessen die Beijing Design Week (26.09. bis 17.10.) deutlich, die im zweiten Jahr ihres Bestehens um eine neu gegründete Design Triennale ergänzt wurde. Schon der Eröffnungsabend auf dem Vorplatz des China Millennium Monuments, der live vom chinesischen Staatsfernsehen übertragen wurde, erinnerte mit einer gewaltigen Lichtshow, Videoprojektionen und Ansprachen ranghoher Politiker eher an die Eröffnung einer Olympiade. Und mittendrin wurde eine Gruppe europäischer Designer, unter ihnen Stefano Giovannoni, Paul Cocksedge oder Unternehmer Alberto Alessi als Stars gefeiert, die schließlich Arm in Arm mit einem chinesischen Kind auf die große Bühne marschierten. Eine Inszenierung, die an Symbolkraft kaum zu überbieten ist, um die zukünftige Staffelübergabe von Europa nach Asien bildhaft zu machen.

Bezeichnend für das europäische Befinden war im Anschluss die Rede des britischen Botschafters in China. Weil das Londoner Design Festival (17.09. bis 25.09.) zum Partner der diesjährigen Beijing Design Week gekürt wurde, wurden auch ihm ein paar Minuten Redezeit vor den 600 Millionen (!) Fernsehzuschauern eingeräumt, die den Abend zur besten Sendezeit daheim vor den Bildschirmen verfolgten. Was dann passierte, klang ganz und gar nicht nach diplomatischem Korps, sondern vielmehr nach der Rede eines aufdringlichen Staubsaugerverkäufers. „Sie werden erkennen, dass Großbritannien ein großartiges Land zum Investieren ist“, entfuhr es ihm ungeniert, um damit zu enden, als „Heimat von Harry Potter und James Bond“ auch nicht ganz so langweilig zu sein wie manche Nachbarn auf dem europäischen Festland. An peinlicher Aufdringlichkeit ließ sich dieser Auftritt nicht mehr übertreffen.

Förderung von höchster staatlicher Ebene

Dass das Design in China eine weitaus größere Rolle spielen wird, machte derweil auch die räumliche Gewichtung deutlich. Denn anders als bei den europäischen Designfestivals ging die Initiative nicht von der Stadt Peking aus, sondern direkt vom staatlichen Kultur- und Bildungsministerium. Als Austragungsort der ersten Design Triennale diente kein ödes Messegelände, sondern vier großformatige Säle im Chinesischen Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens – ein Coup, der selbst auf dem Gebiet der Kunst bislang keiner renommierten Institution aus Europa oder den USA gelang. Unter dem Titel Creative Junctions legte die von Interni-Chefredakteurin Gilda Bojardi kuratierte Hauptausstellung den Fokus klar auf das italienische Design, während die Ausstellung Reason Design Emotion unter der Leitung des französischen Kurators Benjamin Loyauté den Schwerpunkt auf sein eigenes Heimatland legte.

Während die nationale Gewichtung dieser Schauen noch immer den Geist der Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts beschwor, mischten sich unter die gezeigten Arbeiten bereits die ersten Entwürfe weitgehend unbekannter chinesischer Designer. Auch wenn die derzeitige Lage noch weit davon entfernt ist, sollte die Ankündigung Pekings, künftig als führender Standort im Design ganz vorne mitzuspielen, durchaus ernst genommen werden. Denn erstens verfügt China über eine funktionierende Industrie, die sich nicht für immer aufs Kopieren beschränken wird. Und zweitens vergeuden die Chinesen ihre Design Week nicht als Kaffeefahrt für Designtouristen, sondern nutzen sie als Schlüssel zum Geschäft.

Blick nach vorn

Während Städte wie Helsinki mit stattlichen Budgets ganze Journalistenschwärme aus Europa, Asien und Amerika einfliegen lassen, um ihnen eine überschaubare Zahl lokaler Designer vorzuführen, lassen die Chinesen die halbe Mailänder Design- und Unternehmerwelt einfliegen, um mögliche Geschäfte anzustoßen. Dass sich diese dem Wissenstransfer nach Fernost nicht entziehen, ist reine Vernunft. Schließlich wird der Markt der Zukunft nicht gegen, sondern lediglich mit den Entscheidern in Peking zu gestalten sein. 

Die Idee einer Design Week bringen die Chinesen damit ein Stück weit zu ihren Ursprüngen zurück. Während die europäischen Festivals die Gestaltung immer stärker in die Ecke limitierter Editionen drängen und über Prototypen kaum noch hinauskommen, steht die wirtschaftliche Machbarkeit in Fernost ganz klar im Mittelpunkt. Das Ziel ihres Designfestivals sind weder Parties noch Touristen, sondern erfolgreiche Produkte. Eine Haltung, von der wir Europäer etwas lernen sollten, um eines Tages nicht selbst als Attraktionen in einem Vergnügungspark enden zu müssen.



Kriterien für Designfestivals:

1. Ein Designfestival, auf dem es keine neuen Produkte gibt, ist kein Designfestival.
2. Ein Designfestival, auf dem es ausschließlich Prototypen gibt, ist kein Designfestival.
3. Ein Designfestival, das keinen Austausch mit der Industrie sucht, ist kein Designfestival.
4. Ein Designfestival, dessen Höhepunkt eine Diskussionsrunde ausländischer Gäste darstellt, ist kein Designfestival.
5. Ein Designfestival, dessen Termin parallel zu einer über Jahrzehnte etablierten Messe oder zu einem anderen Festival platziert wurde, ist kein Designfestival.
6. Ein Designfestival, auf dem Bürgermeister Reden halten, ohne den lokalen Nachwuchs finanziell zu unterstützen, ist kein Designfestival.
7. Ein Designfestival, das nur aus Parties und „Events“ besteht, ist kein Designfestival.
8. Ein Designfestival, bei dem sämtliche Beteiligten auf Bierkisten herumlungern und gelangweilt ihren Facebook-Account auf ihren iPhones pflegen, ist kein Designfestival.
9. Ein Designfestival, dessen wichtigste Veranstaltungen von Wodka-, Gin- oder sonstigen Spirituosenherstellern ausgerichtet werden, ist kein Designfestival.
10. Ein Designfestival, das vom örtlichen Tourismusverband und nicht von der regionalen Wirtschaftsförderung ins Leben gerufen und unterstützt wird, ist kein Designfestival.



Sie haben in der Zwischenzeit die Übersicht verloren? Keine Sorge. Wir haben den Messemarathon dieses Herbstes für sie noch einmal zusammengefasst.

Übersicht der Designfestivals von September bis Dezember 2011

Kopenhagen Design Week – 01.09. bis 06.09.
Helsinki Design Week – 09.09. bis 18.09.
Maison & Objet Paris – 09.09. bis 13.09.
Paris Design Week – 12.09. bis 18.09. (Neuzugang)
London Design Festival – 17.09. bis 25.09.
Valencia Design Week – 19.09. bis 24.09.
Istanbul Design Week – 19.09. bis 02.10.

Cersaie Bologna – 20.09 bis 24.09.
Beijing Design Week – 26.09. bis 17.10. (Neuzugang)
Budapest Design Week – 30.09. bis 09.10. (Neuzugang)
Vienna Design Week – 30.09. bis 09.10.
Moskau Design Week – 11.10 bis 16.10.
Lisboa Design Show – 11.10. bis 16.10.
Art & Design London – 12.10. bis 16.10.
Barcelona Design Festival – 17.10. bis 21.10.
Lodz Design Festival – 20.10. bis 30.10.
Dutch Design Week Eindhoven – 22.10. bis 30.10.
Index Design Exhibition Dubai – 22.10. bis 25.10
Qubique Berlin – 26.10. bis 29.10. (Neuzugang)
Designer's Open Leipzig – 28.10. bis 30.10.
Business of Design Week Hongkong – 28.11. bis 03.12.
Design Miami – 29.11. bis 04.12.
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