In der Kramkiste des Designs

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Text: Norman Kietzmann


„Die Dinge, die wir sind“, lautet der Titel der dritten Ausstellung des Mailänder Triennale Design Museums, die unter der Leitung von Alessandro Mendini am vergangenen Wochenende eröffnet wurde. Das Fazit der Schau, die noch bis Ende Februar 2011 zu sehen ist: ein charmantes Kuriositätenkabinett, das Designklassiker mit simplen Alltagsgegenständen, Gemälden, Skulpturen, Spielzeugfiguren oder Musikinstrumenten miteinander verbindet und dabei so viele Geschichten aufrüttelt, dass die Besucher diese kaum erfassen können.



Die ersten Meter fallen nicht leicht. Auch wenn – das mag vorweggenommen sein – der Besuch der Ausstellung lohnt, nimmt sie einen Auftakt, den man am liebsten sofort mit einem riesigen weißen Tuch verdecken möchte: Eingefasst von einem knallgelben Becken versammeln sich im weitläufigen Eingangsbereich des Museums eine sieben Meter hohe Replik von Michelangelos „David", blinkende Räder, Geatano Pesces Sofa in der Form eines Gebirges, eine gemalte Stadtlandschaft im Stile De Chiricos, ein riesiges, an die Wand gelehntes Skelett und daneben ein Gemälde des entkleideten Ettore Sottsass. Selbst hartgesottene Memphis-Fans ertragen das kaum länger als drei Sekunden.

Kuriose Sammlung

Und dennoch: Sieht man von diesem reizüberflutenden Einstieg einmal ab, der kaum mehr als einen plumpen Verschnitt aus postmodernen Tagen versammelt, folgt dem Ganzen eine Ausstellung, die sich mit dem Begriff „seltsam“ durchaus treffend beschreiben ließe. Insgesamt 800 Exponate hat Alessandro Mendini zusammengetragen, von Designklassikern über Gemälde, alte Musikinstrumente, Ritterrüstungen, Spielzeuge, Puppen, Vasen, Parfümflaschen oder sonstige Dinge, die sich auf sieben großen Tischen zu einem eigenwilligen Potpourri vereinen und durchaus der Wohnung eines verschrobenen Kuriositätensammlers hätten entsprungen sein können.

Dritte Ausstellung

Dass die dritte Bespielung des Triennale Design Museums nach dem Auftakt durch Michele De Lucchi und Peter Greenaway im Jahr 2007 sowie der Folgeausstellung von Andrea Branzi und Antonio Citterio zwei Jahre später nun von Mendini übernommen wurde, überrascht sicher nicht. Schließlich gilt der einstige Vordenker der Postmoderne noch immer als einflussreiche Figur in Mailand und mit 79 Jahren zugleich als Dienstältester unter den italienischen Designern. Mit seiner Inszenierung, die bis Ende Februar kommenden Jahres zu sehen ist, hat nicht nur er sich ein spätes Denkmal gesetzt. Er hat zugleich zwei wesentliche Aspekte des postmodernen Designs weitergeführt.

Geweitete Perspektive

Schon in den späten siebziger Jahren war die Aufhebung der Grenzen zwischen „richtig“ und „falsch“, „trivial" und „avantgardistisch" oder schlichtweg zwischen „hässlich“ und „schön“ die treffsicherste Methode, um gegen den Duktus der Modernisten vorzugehen. Was auf der einen Seite in den schrillen Entwürfen von Memphis endete, zeigte auf der anderen Seite eine kaum weniger folgenreiche Nebenwirkung. Denn plötzlich wurden auch jene Dinge des Alltags rehabilitiert, die aus Sicht der Funktionalisten zuvor als unmöglich galten. Mendini hat diese Öffnung des Designbegriffs in eine Auswahl an Objekten übersetzt, die bis heute für ein Designmuseum keineswegs selbstverständlich erscheint. Unbekanntes trifft so auf Klassiker, Triviales auf Ikonen, Teures auf Nippes, Kunstwerke auf Handwerksmaschinen und Schutt aus von Erdbeben zerstörten Gebäuden.

Anstatt die Dinge auf einen Sockel zu stellen, werden sie auch räumlich demonstrativ auf eine Ebene gebracht und nebeneinander auf großen Flächen ausgelegt. Eine Unterscheidung nach Rang, Art, Alter oder Herkunft der Exponate wird bewusst vermieden, wenngleich über eine Vielzahl von Zeichnungen, Gemälden, Büchern oder Zeitschriften Referenzen gegeben werden, die zeitliche oder stilistische Vergleiche möglich machen. Filme, die auf kleinen Bildschirmen eingespielt werden, sind mit schrägen Klängen untermalt, die sich im Ensemble der Ausstellung zu einem eigenwilligen Soundtrack miteinander verbinden.

Historische Parallelen

Auch wenn Wechselwirkungen zwischen den Disziplinen bewusst gesucht werden, zeigt sich die Auswahl und Zusammenstellung der Objekte keineswegs zufällig. So wird ein Schutzanzug für Motorradfahrer, den Marc Sadler 1994 für Dainese entwarf, neben einer Ritterrüstung aus dem 17. Jahrhundert gezeigt, deren Ähnlichkeiten verblüffend sind. Ist es hierbei die Funktion, die eine Verbindung zwischen den Jahrhunderten herstellt, erfolgt sie an anderer Stelle rein formal. So werden vor einem Stillleben des Malers Giorgio Morandi Schalen gezeigt, die denen des Gemäldes nachempfunden sind und auf diese Weise die Kunst in den Kontext des Alltags setzen und umgekehrt.

Offiziere und Madonnen

Die Liste der Exponate umfasst auch Michele De Lucchis legendäres Kostüm, mit dem er 1973 als napoleonischer General verkleidet vor der Mailänder Triennale gegen die darin gezeigten Exponate protestierte. Daneben reiht sich Bekanntes wie der schwarze Fernseher „TS201“ von Richard Sapper & Marco Zanuso aus dem Jahr 1969 oder Franco Albinis beeindruckend graziler Cicognino-Hocker von 1953. Auf einem anderen Tisch befinden sich Kirchenglocken aus dem frühen 17. Jahrhundert, während keine drei Meter weiter eine Armee von kleinen „E.T.“-Stofftieren zum Gegenschlag ausholt. Auch die Mode wird bewusst eingebunden: ob Maßanzüge aus den dreißiger Jahren, ein wunderbar farbenfrohes „Etro“-Jacket aus den frühen Siebzigern oder das schwarz glänzende Korsett, das Dolce & Gabbana 1993 für die „Girlie Show“-Tournee von Madonna entwarfen. Dazwischen immer wieder kleine Handzeichnungen, Skulpturen und Gemälde, die mitunter auch von Architekturgrößen wie Gio Ponti stammen und die Trennung zwischen den Disziplinen vollends verschwimmen lassen.   

Acht Zirkel

Den Abschluss der Ausstellung, die vom Pariser Designer Pierre Charpin auf angenehm zurückhaltende Weise gestaltet wurde, bildet eine schmale hölzerne Vitrine. Werden sonst selbst kleine Exponate nicht auf Augenhöhe, sondern direkt auf dem Boden ausgestellt, versammeln sich hier acht goldene Zirkel – ausgelegt auf grünem Samt und verborgen hinter einer schützenden Schicht Glas. Es sind die „compasso d‘oro“ von Mario Bellini, der bisher als einziger Gestalter den italienischen Designoscar in dieser Stückzahl für sich entscheiden konnte. Der Preis, der seit 1954 verliehen wird, wurde nicht nur von Gio Ponti ins Leben gerufen. Von ihm stammt auch der originale Entwurf des „Goldenen Zirkels“, der als vergrößertes Funktionsmodell aus Holz gleich neben der Trophäensammlung Bellinis in der Ausstellung zu sehen ist und den Eindruck erweckt, als entstamme er der Sammlung eines technischen Museums.

Aus dem Leben gegriffen

Es ist dieser leicht verkramte und dank des cleanen Ausstellungsdesigns dennoch nie schäbige Eindruck, der den Gang durch diese Ausstellung spannend macht. Die Dinge nicht isoliert und überhöht zu betrachten und dabei auch die eine oder andere Geschmacklosigkeit durchgehen zu lassen, macht sie vielschichtig und zugänglich. Auch wenn der Großteil der Exponate weit mehr als dreißig Jahre alt ist, wirkt das Ensemble nicht verstaubt, sondern aus dem Leben gegriffen. Knapp zwei Wochen vor der Eröffnung der nächsten Mailänder Möbelmesse liegt darin nicht die schlechteste Nachricht: Es ist die Alltagstauglichkeit selbst, die über den Wert des Designs entscheidet.
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