Die Macher des Designs

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Text: Norman Kietzmann


In ihrer vierten Ausstellung setzt das Mailänder Triennale Design Museum ganz auf die Rolle der Unternehmer. Kuratiert von Alberto Alessi und inszeniert vom spanischen Designer Marti Guixé rückt die Schau anlässlich des 50. Bestehens der Mailänder Möbelmesse nun jene Personen in den Mittelpunkt, die sich sonst in ihrer Rolle hinter dem Vorhang sichtlich wohl fühlen. „Traumfabriken“ lautet der Titel der Schau, die nicht nur den Unternehmern ein Gesicht gibt, sondern ebenso ihren Einfluss auf die Entwicklung des Designs auf den Punkt bringt.
 
 
Die Kameras surren, Fotografen umlagern hektisch das Pult, die Rede eines Sponsors aus der Autobranche muss unterbrochen werden. Als die Mailänder Bürgermeisterin Letizia Moratti den Raum der Pressekonferenz betritt, herrscht große Aufregung: Es ist das erste Mal, dass auch von höchster politischer Stelle ein Vertreter gekommen ist und das Wort ergreift. Doch in dem Jahr, in dem die Mailänder Möbelmesse ihr 50-jähriges Jubiläum feiert, spiegelt ihr Auftritt vor allem eines wider: Das Design ist nicht nur von kultureller Dimension, sondern stellt eine entscheidende wirtschaftliche Kraft in der Stadt dar.
 
Jährlicher Wandel
 
Kein statisches Museum solle es sein, wie Triennale-Direktor Davide Rampello betont. Das Konzept, die Räume im Obergeschoss des Palazzo d’Arte inmitten des Parco Sempione nicht mit einer kontinuierlichen, sondern jährlich wechselnden Ausstellung zu bespielen, hat in den letzten Jahren zu einer Reihe bemerkenswerter Ausstellungen geführt, die die Eigenarten des italienischen Designs unter die Lupe nahmen. Auch wenn die Schau „Die Dinge, die wir sind“, die von Alessandro Mendini im März 2010 in Szene gesetzt wurde, von der New York Times zur weltweit besten Designausstellung des vergangenen Jahres gewählt wurde: Die diesjährige Schau wagt sich an ein Sujet, das die Mechanismen und Eigenarten des italienischen Designs umso treffender auf den Punkt bringt.
 
Es sind diesmal nicht die Produkte, die im Mittelpunkt stehen und auch nicht die Designer. Haben die Besucher den Ausstellungsraum betreten und eine stilisierte, menschliche Figur passiert – zusammengesetzt aus Stühlen, Tischen und Leuchten – sehen sie sich den Unternehmern selbst gegenüber. Die Ausstellung nimmt sich der Personen an, die als Eigentümer der bekannten Designschmieden nicht nur eine unternehmerische Kraft, sondern auch Mitautoren des Designs sind: Die Entscheidung, ob ein Produkt produziert wird, welcher Designer involviert und auf welche Weise es verarbeitet wird, obliegt hier nicht einem Aufsichtsrat oder einer vom Marketing zersetzten Produktabteilung, sondern es sind noch immer die Unternehmer selbst, die die Fäden in der Hand halten.
 
Begegnung auf Augenhöhe
 
„Die Hälfte aller erfolgreichen Produkte, die von italienischen Designfirmen produziert werden, sind das Ergebnis eines internen Briefings. Die andere Hälfte entspringt der Phantasie der Designer“, ist gleich am Eingang zu lesen. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, deren Ergebnis entscheidend davon abhängt, inwieweit beide Seiten aufeinander zugehen können. Bleiben die Unternehmer sonst stets unsichtbar, erhalten sie nun ein Gesicht. Denn portraitiert werden die Firmen in Form beleuchteter Tafeln, auf denen lebensgroß die Portraits ihrer Gründer zu sehen sind. Weiter unten wird in kurzen Passagen die Geschichte des Unternehmens behandelt, während am Boden ein kleines, aber keineswegs unwichtiges Detail aufwartet: Zu Füßen der jeweils dargestellten Unternehmerpersönlichkeit befindet sich ein kleiner Geldsack, den Marti Guixé in der ihm typischen, comicartigen Handschrift gezeichnet hat. Dieser dient keineswegs der Dekoration oder als komisches Detail, sondern macht die finanzielle Größe der einzelnen Firmen vergleichbar. Auch wenn die exakten Zahlen nicht genannt werden, wird dennoch ein Tabu gebrochen. Denn würde sich eine Designmarke wie Luceplan sonst vorführen lassen als ein Winzling im Vergleich zum Polsterer Poliform?
 
Ungewohnte Nebenrolle
 
Produkte gibt es in der Ausstellung natürlich auch zu sehen, doch spielen sie hier nur eine Nebenrolle. Aufgereiht in der Nähe der Leuchttafeln, die über die jeweiligen Unternehmen berichten, dienen sie der Illustration, wozu die „Traumfabriken“ imstande sind. Zu Wort kommen die Designer aber dennoch über Texte, die sich als Handschriften entlang der Wände reihen und über den Prozess der Ideenfindung Auskunft geben. Man erfährt, dass der berühmte Bücherwurm von Ron Arad, der heute von Kartell in Kunststoff produziert wird, ursprünglich aus Metall gefertigt sein sollte oder dass die abgeknickte Lehne des Sessels Maralunga das Ergebnis einer Diskussion zwischen Vico Magistretti und Cesare Cassina im Jahr 1972 war, bei dem der Prototyp schließlich zu Bruch ging. „Hey, das sieht perfekt aus“, sagte Magistretti und Cassina ließ sich darauf ein. Das Ergebnis mündete nicht nur in einem Designklassiker der siebziger Jahre, sondern wurde ebenso eines der best verkauften Produkte des Unternehmens. Es sind Geschichten wie diese, die sich als roter Faden durch die Ausstellung ziehen und Produkte aus ihrem Machen erklären. Dass Design nicht nur Feuilleton, sondern ebenso Wirtschaft ist, ist sicherlich keine neue Erkenntnis. Doch diese im Kontext eines Museums zu inszenieren, dagegen schon.
 
 
 
Le Fabbriche dei sogni – Traumfabriken
Noch bis zum 26.02.2012 im Triennale Design Museum, Mailand
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