Die Rückkehr der Bastler

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Text: Julia Bluth


Es war ein regelrechter Kulturwandel: Als die Grafiker in den neunziger Jahren begannen, auf die Arbeit mit Computern umzusteigen, wurde aus einer handwerklichen plötzlich eine reine Bildschirmtätigkeit. Zunächst überwog die Faszination für die beinah endlosen Möglichkeiten und die Perfektion digitaler Bildwelten. Doch dann kam die Sehnsucht – nach dem haptischen Erlebnis, nach Stift und Papier, Schere und Kleber, nach der Werkstatt.

Die Anwort auf diese Sehnsucht: Viele Kommunikationsdesigner begannen, räumliche Szenarien aus Papier zu bauen. Die geklebten und gefalteten Konstrukte verwandelten sie dann in Plakate, Flyer, Buchumschläge, Magazintitel oder Stop-Motion-Animationen. Anstatt sich allein auf die üblichen Bild- und Grafikprogramme zu verlassen, wurde wieder Hand angelegt. So entstanden aufwändige Installationen, die abfotografiert und digitalisiert zu einer lebendigeren Grafik verhalfen. Das Buch 3 D – Grafische Räume bot 2009 erstmals einen umfassenden Einblick in den internationalen Trend.

In der dritten Dimension

Als besonders bekannte Vertreter des Trends gelten die Berliner Illustratorin Sarah Illenberger oder der österreichische Grafikdesigner Stefan Sagmeister, der mit seiner Agentur Sagmeister & Walsh in New York ansässig ist. Seine Arbeiten bewegen sich mühelos zwischen Kunst – wie die interaktive Installation aus zahllosen Notizbüchern Things they have learned in their Life in der New Yorker Galerie Deitch Projectsund kommerziellen Aufträgen – wie die detailfreudigen Papiercollagen für eine Beiruter Modekette.

Auch dem kanadischen Kommunikationsdesigner Julien Vallée gelang es, mit der Rückbesinnung auf haptische Werte nicht nur große Kunden zu überzeugen. Seine aus Papier gefalzten und gebogenen Typographie sowie die Arrangements geometrischer Formen waren in vielen Kampagnen zu sehen. Mit seiner überdimensionalen Papierskulptur Spray can sorgte er auf dem Festival Illustrative in Zürich für Aufmerksamkeit. Und die französische Bekleidungsmarke Lacoste präsentierte ihn anlässlich einer etwas bemüht wirkenden Imagekampagne erst kürzlich als eines ihrer kreativen Young Talents.

Einer, der sich gänzlich auf die Arbeit mit Papier spezialisiert hat, ist der französische Kommunikations- und Setdesigner Alexis Facca, alias Paper Donut. Mit seinem jüngsten Projekt The Office schuf er die perfekte Antithese zum papierlosen Büro: Er baute eine fiktive Werbeagentur der achtziger Jahre nach – detailgetreue Retro-Nostalgie aus Papier im Maßstab 1:3. Allein für die jeweiligen Möbel der einzelnen Räume benötigte er vier bis fünf Tage.

Von der Schneidematte in die Galerie

Auch in der Kunstwelt scheint die fortschreitende Digitalisierung zu einer Trendwende zu führen. War die klassische „Fleißarbeit“ lange eher verpönt, stößt sie heute auf allseitige Bewunderung. Die US-amerikanische Künstlerin Jen Stark fasziniert Galeristen und Blogger gleichermaßen mit ihren psychedelischen Skulpturen, die sie aus unzähligen Schichten farbiger Kartons entstehen lässt. Zunächst fertigt sie geometrische Vorzeichnungen, um sie dann in geduldiger Schneidearbeit nachzubilden – eine monotone Tätigkeit, die wie Meditation wirkt. Jen Starkt ist fasziniert von ihrem Arbeitsmaterial und seiner Vielseitigkeit. Ursprünglich allerdings hatte sie das kostengünstige Papier vor allem aus wirtschaftlichen Gründen gewählt.

Der in Los Angeles und Berlin lebende Künstler Thomas Demand fertigte seine berühmten Modelle von Tatorten und Schauplätzen historisch bedeutsamer Ereignisse ebenfalls aus diesem Grund in Papier. Da das Material jedoch vergänglich ist, zerstört er seine Modelle, sobald sie abgelichtet sind: „Das Material ist so fragil. Schon nach drei, vier Tagen bleichen auf dem Papier die Farben aus. Es wäre ein solcher Aufwand, das Papier vor dem Verfall zu bewahren, dass nach einer Weile das Wichtigste daran wäre, dass es überhaupt noch existiert." Seine großformtigen Fotografien haben ihm sogar schon eine Einzelausstellung im Museum of Modern Art in New York eingebracht.

Während Jen Stark, Kota Hiratsuka und Thomas Demand einer durch digitale Medien geprägten Generation angehören, kann der 1948 geborene kongolesische Künstler Bodys Isek Kingelez wohl zu den Urvätern papierner Kunst gezählt werden. Seine Modellen utopischer Fantasiestädte – Extreme Models – wurden seit den späten neunziger Jahren unter anderem im Centre Pompidou in Paris, im Museum of Modern Art New York und auf der Documenta XI in Kassel ausgestellt. Die belgische Grafikagentur Salutpublic hat ihm einen handgebundenen Bildband gewidmet, der die Schönheit hochwertiger Buchkunst mit der der farbigen Modelle verbindet.

Das elektronische Zeitalter schreitet unaufhaltsam voran und lässt schnell alt aussehen, was gerade noch der neueste Stand zu sein schien. Paradoxerweise könnte dieses Phänomen jedoch dem Analogen zugutekommen: Desto mehr das Digitale zum Standard wird, desto mehr brillieren die Bastler, die sich mit ihren Kreationen davon absetzen. Der Bewunderung des weniger fingerfertigen Publikums können sie sich jedenfalls sicher sein.


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