Die Relikte des Homo Collector

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Text: Tanja Pabelick

Bei Diederik Schneemann beginnt der Entwurf mit der Suche nach einem Material. Der niederländische Künstler und Designer geht dafür aber nicht in den Baustoffhandel, sondern an den Strand, auf den Wertstoffhof – oder auf den Dachboden. Für seine neueste Kollektion Cherished, die er im Rahmen des Mailänder Salone del Mobile bei Rossana Orlandi und auf dem Industriegelände des BASE in der Zona Tortona vorgestellt hat, kaufte er Sammlungen auf, deren Gehalt sich irgendwo zwischen Ramsch und Firlefanz bewegt.

Es gibt Varianten der Schokoladenei-Figuren, wie den seltenen Nachtwächter-Schlumpf, die (so der nicht aussterbende Mythos) stattliche Preise im fünfstelligen Bereich erzielen. Das ist wohl die Art von Erfolgsgeschichte, die Jäger und Sammler einer Wohlstandsgesellschaft zum Horten und Pflegen von kleinen blauen Zwergen motiviert. Dinge wie Schlümpfe sind aber nur ein Zielobjekt von Sammlerkultur. Andere archivieren mit großer Leidenschaft Streichholzbriefchen, Kronkorken, Feuerzeuge, Zinnfiguren oder Postkarten. Die eigentlich wertlosen Dinge werden durch die Auseinandersetzung des Sammlers kostbar, das Suchen, Sortieren und Archivieren sorgt für kontemplative Momente und ist der Ruhepol im Alltag. Weil der eigentliche Wert somit im Tun liegt, landen die Kollektionen ohne den Besitzer schnell auf Flohmärkten oder gleich auf der Halde. Hier kommt Diederik Schneemann ins Spiel, der solche Sammlungen aufkauft. Sein Ziel: Er schenkt ihnen eine zweite sinnvolle Existenz. Außerhalb der Vitrinen, mittendrin im Leben der neuen Besitzer und abermals emotional aufgeladen.

Flips und Flops
Diederik Schneemann gestaltet im Sinne des Reuse, Recycle und Redesign. Aus dem was andere wegwerfen, macht er Objekte, die durch Konzept und Ästhetik für ein neues Publikum begehrenswert werden. Eines seiner bekanntesten Projekte, das vor einigen Jahren ebenfalls in Mailand bei Rossana Orlandi gezeigt wurde, ist A Flip-Flop Story. Hier verwandelt er alte Sandalen in Möbel und Dekorationsobjekte. Vom Flop entzweite Flips werden tonnenweise an Stränden angeschwemmt: Sie wurden Fischern vom Fuß gespült, fallen von Booten oder werden als Abfall in die Fluten geworfen. Während die ehemaligen Besitzer glauben, sie damit den Tiefgründen des weiten Meeres übergeben zu haben, schwimmen die aus geschäumtem Kunststoff bestehenden Billigschuhe an der Oberfläche und landen viele Gezeiten und Strömungen später an der Küste Afrikas. Schneemann lässt sie sammeln und zum Patchwork-Block verklebt und verpresst zu Tischen und Vasen, Schalen und Hockern werden.

Von Schlümpfen und Lentikularen
In diesem Jahr hat Schneemann sich den Kollektionen gewidmet, an denen die Besitzer manchmal über Jahrzehnte gearbeitet haben. Er will die Sammlungen aus den Kellern und von Dachböden befreien, in denen sie ihr Leben als Hinterlassenschaft normalerweise fristen. Mit den Schlümpfen und Streichholzbriefchen, Zinnkannen und lentikularen Wackelkarten seiner Kollektion Cherished holt er aber mehr hervor als reine Erinnerung: Es ist auch eine Hommage an eine Ära, in der die Zinnfiguren noch nicht als Tinnef galten und das Streichholzbriefchen ein Souvenir aus dem Urlaub an der Riviera war. Er findet dabei vielleicht auch die Seele des Sammelns, wenn er wie die Sammler selbst aus dem Zusammenspiel der einzelnen Stücke etwas Neues komponiert.

Work in progress: Im Atelier des Designers wird die Sammlung zum Designobjekt.
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Liebe, Fleiß, Hingabe
Es ist schon allein die schiere Masse und Kleinteiligkeit, die seine Entwürfe so beeindruckend macht. Manche der limitierten Objekte setzen sich aus mehreren Sammlungen zusammen, manche stammen aus einem einzigen Haushalt; der Designer ist auf dem Weg zur Kollektion selbst zum Sammler geworden. Der Rezipient hingegen wird zum Entdecker und findet einen neuen Zugang zu den Objekten, die er in der Vitrine aufgereiht wahrscheinlich keines Blickes gewürdigt hätte. Inspiriert vom Delfter Blau hat Diederich Schneemann die ebenfalls blau-weißen Schlümpfe in eine großen Ming-Vase verwandelt, den Zinn zu einem Dinnertisch zusammengeschmolzen und die Streichholzschachteln als Standuhr zu einem wortwörtlichen Zeitzeugen gemacht. Das vielleicht spannendste Objekt ist allerdings ein Paravent, der mit dem Betrachter in den Dialog tritt. Beim Vorbeilaufen zwinkert er ihm zu, lässt ein Pferd galoppieren oder Jesus einen Heiligenschein aufgehen. Die Fläche ist mit Kacheln aus Hunderten lentikularen Postkarten verkleidet, deren Ursprung in den Sechziger- und Siebzigerjahren grafisch sehr deutlich anzusehen ist. Am Objekt werden die Wackelkarten lebendig – und erzählen vom Wert der Dinge, der nicht in Gold und Marmor aufzuwiegen ist.

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