Die Sicht der Dinge

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Text: Katja Neumann

Der Kern jedweder Gestaltung liegt darin, bei den Menschen ein Gefühl auszulösen. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit einzunehmen, ein ästhetisches Empfinden auszulösen, den Eindruck von Schönheit und damit einhergehend ein Wohlbefinden zu schaffen. All dies kann man sowohl auf das Design von Produkten und Grafiken als auch auf Architektur und Innenarchitektur übertragen. Entscheidend ist dabei die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, die wir einem Objekt, einem Gebäude oder einem Raum schenken. Was und vor allem wie wir etwas wahrnehmen, hängt besonders im architektonischen Bereich von der Beleuchtung ab. Schließlich ist Licht – sofern es sich nicht um eine rein funktionale Ausleuchtung handelt – immer zugleich Inszenierung. Und kaum ein anderes Medium kann uns derartig in Staunen versetzen wie das Licht, denn keines kann so vielfältig eingesetzt und zugleich immer wieder neu erfunden werden.

Was es ist, das uns am Licht so fasziniert, wie wir Licht empfinden und wie die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung Architekten und Lichtplanern bei der Gestaltung helfen kann, damit befasst sich die Frühlingsausgabe des Kundenmagazins von Zumtobel LIGHTLIFE. Beleuchtet wird das Thema Wahrnehmung in Architektur und Design durch Interviews, Reportagen und Projektberichten.

Licht muss man spüren

So tauschen sich beispielsweise die Architektin Aysil Sari und der Direktor des Städelmuseums Max Hollein im Magazin über die besondere Bedeutung von Licht im Museum aus und wie es, neben reiner Ausleuchtung bei gleichzeitiger Schonung der Exponate, inszenatorisch eingesetzt werden kann. „Wir können damit bestimmte Qualitäten der Kunstwerke herausstellen und die Figuren im Raum zur Geltung bringen“, erklärt Max Hollein. „Gleichzeitig gelingt es aber auch, den Betrachter und seine Aufmerksamkeit zu lenken.“ Doch im Grunde geht auch hier um eines: „Licht muss man nicht nur sehen, sondern auch spüren“, so bringt es Aysil Sari auf den Punkt.
Doch wie lässt sich das „Spüren“ also die Art und Weise wie Menschen Licht wahrnehmen, konkretisieren, womöglich wissenschaftlich erläutern, sodass sich Architekten und Lichtplaner dies, fernab von lichttechnischen Daten, nutzbar machen können?

Das mentale Konzept

Einen interessanten Erklärungsansatz bietet dazu Prof. Dr. Christoph Schierz, Ergonom, Physiologe und Lichttechniker, der sich an der TU Ilmenau im Fachbereich Lichttechnik intensiv mit der Beeinflussung unserer Wahrnehmung beschäftigt. Im Gespräch mit Peter Dehoff, der bei Zumtobel in der strategischen Lichtanwendung tätig ist, erläutert Schierz das so genannte „mentale Konzept“. „Wir haben Augen und wir haben Sinneszellen in den Augen, die das Licht – aufgelöst in einzelne Elemente – erfassen“ erklärt Prof. Schierz. „Und irgendwie müssen wir diese einzelnen Elemente im Kopf wieder zusammensetzen und dadurch ein inneres Bild unserer Umwelt konstruieren. Somit glauben wir zwar, die reale Umwelt zu sehen, aber eigentlich ist es nur eine Konstruktion, die wir uns davon machen. Diese Konstruktion ist das mentale Konzept, das wir von der Umwelt haben.“ Dieses mentale Konzept ist nicht nur erlernt sondern auch genetisch bedingt, sodass es bei jedem eine gewisse Vorstellung davon gibt, wie etwas auszusehen habe. Und das gilt auch für die Beleuchtung: „Wenn ich ein Hochregallager beleuchte, muss das anders aussehen als wenn ich ein Ladengeschäft beleuchte“, so Prof. Schierz. „Jeder hat eine gewisse Vorstellung davon, wie ein Shop aussehen sollte und das reale Geschäft muss auch einigermaßen diesen Vorstellungen entsprechen. (...) Entweder passen die mentalen Konzepte dann sehr gut oder nicht zusammen. Wenn es nicht passt, dann könnte es der Betrachter als eine schlechte Beleuchtung empfinden.“

Das Danish Radio Konzerthaus von Jean Nouvel

Ein schönes Beispiel dafür, wie sich mentale Konzepte ergänzen können, wobei der Betrachter zugleich in entzücktes Erstaunen versetzt wird, ist das neue Konzertgebäude des Danish Radio in Kopenhagen. Entworfen von dem Pritzker-Preisträger Jean Nouvel vereint das Gebäude labyrinthartige Räume, sich verengende Treppen, niedriger werdende Korridore und terrassenartige Hänge im Inneren des großen Konzertsaals. Doch nicht nur die Architektur lässt den Besucher bewusst in eine andere Welt eintauchen, in die er sich freudig auf Entdeckungsreise begibt, auch das Lichtkonzept von Zumtobel spielt mit der Wahrnehmung des Betrachters, überrascht und fordert heraus und ist dennoch immer perfekt auf das Gebäude abgestimmt. Von simulierter Sonnenuntergangsstimmung über Himmelsszenarien bis zum Kerzenschein, wird dem oben genannten mentalen Konzept des Zuschauers Rechnung getragen, indem es die Erwartungen nicht nur erfüllt sondern sie schlichtweg übertrifft und damit die Aufmerksamkeit auf das Neue, das Interessante und das Überraschende zu lenken vermag.

Unterschiedlichste Lichtstimmungen

So vereinigt der Entwurf von Jean Nouvel vier unterschiedlich große Konzertsäle in einem blau ummantelten Korpus, dessen Fassaden nachts als Projektionsflächen dienen. Eingesetzt wurden für diese Lichtspiele sogenannte „Concrete Lights“, speziell entwickelte, kissenähnliche Milieu-Flächenleuchten, die den Eindruck erzeugen, als würde das Licht regelrecht aus dem Beton herausquellen. Ganz unten im Eck ist der riesige Musikquader wie ein Garagentor für den Besucher aufgeklappt, als Eingang in eine andere Welt aus unterschiedlichsten Lichtstimmungen, inszeniert von Yann Kersalé. So wird der Besucher im Eingangsfoyer von einem Sternenhimmel aus 1600 LEDs empfangen, der ein Abbild des nächtlichen Himmels der nördlichen Hemisphäre vom 17. Januar 2009 darstellt – der Tag der feierlichen Eröffnung des Konzertgebäudes. Über verschiedene Terrassen, vorbei an Bars und Restaurants, gelangt der Besucher schließlich über eine großzügige Passage zu den drei kleinen Konzertsälen oder aber über eine ausladende Treppe hinauf zum Hauptfoyer, wo er mit einer weiteren visuellen Überraschung empfangen wird: Auf den Raumoberflächen zeigen sich abstrakte Projektionen von Bildern und kleinen Filmsequenzen mit in warmen Tönen gehaltenen Motiven aus der Musikwelt, die von einem speziell entwickelten und auf die Anforderungen optimierten Gobo-Projektor projiziert werden. Lebendigkeit zeigt sich auch bei den Bar-Möbeln und an der Garderobe: scheinbar liegen gelassene Instrumententenkästen schaffen hier eine charmante Werkstattatmosphäre.

Der große Konzertsaal

Wie aus einer anderen Welt wirkt dagegen der 1800 Zuschauer fassende mit warmen Holztönen ausgekleidete, große Konzertsaal: zunächst ist alles in gedämpftes Lichts getaucht, ähnlich einer Abendsonne, dann, zum Konzert, scheint die Beleuchtung dezent wie Kerzenlicht. Diese subtilen Lichtstimmungen wurden erst durch eine Reihe von Sonderlösungen möglich: Eine eigens entwickelte Bodeneinbauleuchte strahlt die Wände der Balkone mit weichem Licht an. Entlang der äußeren oberen Raumkante simuliert ein Lichtband einerseits einen Tageslichteinfall, andererseits setzt es das überdimensionale, einen Sonnenuntergang stilisierende Wandgemälde von Alain Bony und Henri Labiole ins richtige Licht. Indirektfluter auf dem riesigen Schallreflexionssegel in der Raummitte fluten den Saal mit feierlichem Halogenlicht. Die gewünschten Lichtstimmungen aus insgesamt über 800 einzeln steuerbaren Leuchten oder Leuchtengruppen im Konzertsaal werden dabei über das Lichtmanagementsystem Luxmate komponiert.

Architektur und Musik als sinnliche Erlebnisse

Doch auch in den drei kleineren Sälen findet Kultur statt: diese sind für alle denkbaren Sparten und Nischen der Musik reserviert. Optisch unterscheiden sie sich durch drei völlig unterschiedliche Gestaltungsthemen und akustisch durch veränderbare Schallreflexions-Charakteristiken. Gemeinsam ist allen vier Konzertsälen eine vermutlich einmalig hochwertige technische Ausstattung. Diese trug auch wesentlich zu den insgesamt 226 Mio. Euro Baukosten bei. Damit ist das Gebäude für Danish Radio das teuerste Konzerthaus der Welt geworden. Nun können sich die Menschen in Kopenhagen an dem neuen architektonischen Juwel erfreuen, denn: „Die Architektur ist wie die Musik dazu da, ein gewisses Vergnügen anzuregen und auszukosten“, erklärt Jean Nouvel. Wo wir wieder bei dem Thema Wahrnehmung wären: Denn schließlich sind es das sinnliche Empfinden, das Erleben, das Staunen und die Überraschung, welche die Augen für Gestaltung jedweder Art öffnen.

Die Interviews zum Thema Wahrnehmung mit Prof. Dr. Schierz, Peter Dehoff, Aysil Sari und Max Hollein sowie ausführliche Projektbeschreibungen finden Sie in der Ausgabe 2 des Zumtobel-Kundenmagazins LIGHTLIFE zum Thema Wahrnehmung. Das Magazin kann als pdf kostenlos auf der Zumtobel-Homepage heruntergeladen oder als Print-Ausgabe angefordert werden.

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