Die Strippenzieher des Designs

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Text: Norman Kietzmann


Die sechste Ausstellung des Mailänder Triennale Design Museums begreift den Blick auf die Designgeschichte keineswegs als Retrospektive. Während die Arbeiten der großen Meister von einer jungen Gestaltergeneration in die Gegenwart überführt werden, bleibt auch die Rolle der Unternehmer nicht außen vor. Das Design wird als Bühne inszeniert, auf der mitunter selbst die Regisseure nach der Pfeife der Schauspieler tanzen.



Das Triennale Design Museum nimmt sich Zeit: Mit nur einer Ausstellung pro Jahr bespielt es seit seiner Gründung 2007 die Räume im Obergeschoss der Mailänder Institution. Auch wenn das Thema – selbstredend das italienische Design – stets dasselbe blieb, gingen die Sichtweisen bislang stark auseinander: Vom Verhältnis aus Serie und Nichtserie über die Dinge des Alltags bis hin zu den Unternehmen und Unternehmerpersönlichkeiten, die nicht minder Einfluss auf das Gelingen eines Produktes haben als ihre Entwerfer.

Die sechste Ausstellung, die im Vorfeld der Mailänder Möbelmesse 2013 eröffnet wurde, wirkt wie eine Verschmelzung der vorherigen Schauen. Worauf der Kurator Pierluigi Nicolin den Fokus legte, sind die Einflüsse, die das italienische Design einer kontinuierlichen Veränderung unterworfen haben und bis heute tun. „Eine der charakteristischsten Eigenschaften der italienischen Kultur ist die Fähigkeit, verschiedene Dinge aufzusaugen und sich vor dem Entwickeln neuer Ideen zuerst genau umzuschauen“, erklärt Pierluigi Nicolin. Das Design ist für ihn ein Prozess der Transformation, bei dem Stile, Techniken und Sprachen vermischt, umgedeutet, umkomponiert und damit auch neu erfinden werden.

Karussell der Marken

Die Protagonisten sind längst nicht nur die Gestalter. Ohne die Unternehmen, die sich selbst als Autoren begreifen, wären ihre Ideen nicht umsetzbar. Gleich im ersten Raum gruppierte der Mailänder Architekt Pierluigi Cerri, der die Gestaltung der Triennale-Ausstellung übernommen hatte, acht großformatige Kuben zu einem Kreis. In dessen Mitte platzierte er vier weitere Kuben, sodass eine ringförmige Straße im Inneren des Kreises entstand. Was dort zu sehen ist, gleicht einer Mischung aus Showbühne, Rummelplatz und Weihestätte. Zwölf Designer haben in jeweils einem der Kuben einen italienischen Designhersteller in Szene gesetzt.

Dass Geschäft und Kinderzimmer keine Antipoden sind, zeigt Alessandro Mendini mit seiner Installation für Alessi. Verschiede Miniaturen der Designschmiede ziehen auf Modelleisenbahnen ihre Runde vor einem gemalten Bergpanorama in Lyonel-Feininger-Manier – eine Anspielung auf den Stammsitz des Unternehmens am Ortasee am Fuße der Alpen. Dienen auf dem Kopf stehende Zeitschriftenständer der Campana Brüder als Tunnel, formt das organisch geschwungene das Tee- und Kaffeeservice von Blob-Guru Greg Lynn eine miniaturisierte Hügellandschaft.

Perspektiven des Machens


Auf Unterhaltungswert setzt ebenso der Mailänder Architekt Matteo Vercelloni, der die Produkte von Magis als buntes Karussell um eine Säule übereinander gestapelter Spun Chairs von Thomas Heatherwick seine Runden ziehen lässt. Gehört das Spiel mit der Größe zum Markenzeichen des New Yorker Designers Ron Gilad, bleibt er bei seiner Installation den bewährten Waffen treu. Um einen miniaturisierten Tisch herum platzierte er verschiedene Leuchte, die teils auf dem Boden stehen oder – sofern sie zu klein sind, um die Tischkante zu erreichen – erhalten sie einen geschrumpften Thonet-14-Stuhl als Sitzunterlage.

Einen Einblick ins Machen gewährt dagegen Antonio Citterio, der für B&B Italia eine Kunststoffform aus den Fabrikhallen ins Museum holte. Auf dem stählernen Ungetüm werden normalerweise die Sitzschalen von Naoto Fukasawas organisch geformten Sessel Piccola Papilio hergestellt. Das Verfahren, das eine freie Verformung von Polyurethan erlaubt, wurde 1964 von Firmengründer Piero Ambrogio Busnelli in Kooperation mit dem Kunststoffhersteller Bayer umgesetzt. Konstruktiv und filigran wirken die Einzelteile der Leuchten, die Paolo Rizzatto für Luceplan in die Schwebe versetzte. Auch hier gilt der Blick nicht dem fertigen Entwurf, sondern vielmehr der Präzision und Raffinesse der einzelnen Komponenten.

Autobiografische Zugänge


Dass erst der eigentliche Ausstellungsrundgang erst im Anschluss mit den großen Meistern beginnt, spricht Bände. Es sind nicht Marco Zanuso, Ettore Sottsass oder die Castiglioni-Brüder, die hier Hof halten. Selbst die Überväter des italienischen Designs sind lediglich Akteure auf den Bühnen der Unternehmen, die als Regisseure des Gestaltung die Fäden in ihren Händen halten – ganz gleich, ob sie mit technisch konstruktiven oder kindlich verspielten Dingen aufwarten. Damit der Parcours durch die Meister nicht zur Retrospektive verkommt, wird das Werk der Alten von den Jungen interpretiert. Schautafeln an den Wänden spielen vorsichtshalber dennoch wichtige biografische Details ein, damit die Referenzen auch als solche wahrgenommen werden.  

Wie ein autobiografischer Zugang gelingt, zeigt Martino Gamper mit zwei Hotelprojekten Gio Pontis. Sein Vater wuchs in der Nähe des Hotel Paradiso del Cevedale im südtiroler Martelltal auf, das Ponti in den Jahren 1933 bis 1935 auf 2160 Höhenmetern errichten ließ. Das einst mondäne Skihotel diente im Zweiten Weltkrieg als Basis der SS, ging 1946 in den Konkurs und steht seit 1955 leer. Gamper dokumentiert den Bau durch selbst aufgenommene Fotos des sichtlich mitgenommenen Baus sowie durch Skizzen und Baupläne aus Pontis Archiv. Dem gegenüber stellt er Aufnahmen des 1962 eröffneten und ebenfalls von Ponti entworfenen Hotel Parco dei Principi in Sorrento. Indem Gamper einige ausgemusterte Möbel des Hotels verfremdete, begann seine Auseinandersetzung mit Ponti, die ihn wiederum zu seiner eigenen Kindheit zurückführte.

Einem in Vergessenheit geratenes Werk von Franco Albini verschafft Marco Ferreri neue Aufmerksamkeit. Zwischen 1949 und 1953 hatte Albini die Räume des Palazzo Bianco in Genua restauriert und dabei ein revolutionäres Ausstellungskonzept etabliert: Das Skulpturenfragment Elevatio Animae (1313) von Giovanni Pisano wurde auf einen hydraulischen Sockel platziert, der das Kunstwerk langsam auf und absteigen und somit aus unterschiedlichen Blickweisen betrachten ließ. Nachdem die Skulptur 1984 in das Sant‘Agostino Museum verlagert wurde, verschwand der Sockel im Archiv – bis ihn Ferreri aus dem Dornröschenschlaf befreite. Acht Minuten dauert die Fahrt, bei der der Arm in fast unsichtbarer Bewegung ausfährt und sich in seine Ausgangsposition zurückbewegt.

Weitsichtige Doppelwirkung

Im dritten und letzten Abschnitt der Ausstellung kommt sie schließlich zusammen, die Großfamilie des Designs: Unternehmer und Designer werden in Videointerviews gleichermaßen zu Wort gelassen und bringen Anekdoten und Zufälle zum Besten, aus denen Klassiker wurden. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, wie das italienische Design zu einer internationalen Bedeutung gelangte und schließlich Anlaufpunkt für Designer aus der ganzen Welt. „Natürlich liegt die Stärke von Philippe Starck darin, dass er durch und durch französisch ist. Aber seine Produkte konnten nur in Italien produziert werden“, sagt Alberto Alessi in einem Interview.

Und Claudio Luti, Chef des Kunststoffherstellers Kartell, erzählt, wie ihn Starck dazu brachte, anstelle der handelsüblichen Primärfarben auf Pasteltöne zu setzen – und damit die gesamten Brache auf den Kopf stellte. Was diese Geschichten zeigen, ist eine Wechselwirkung zweier Akteure. Die Unternehmer begreifen die Designer nicht als plumpe Marionetten, die lediglich etwas auszuführen haben. Mitunter lassen sich auch die Unternehmer von den Designern in eine neue Richtung lenken.

Weitere Neuheiten, Trends und Berichte vom Salone del Mobile 2013 lesen Sie in unserem Mailand-Special.
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