Die Zukunft beginnt jetzt

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Text: Franziska Horn, 17.12.2008


Welche Trends bewegen die Designszene, mit welchen Materialien umgeben wir uns in den kommenden Jahren? Häufig gestellte, wichtige Fragen, für deren Beantwortung viele Unternehmen bereit sind, gutes Geld zu bezahlen. Denn: Sicherheit in der Planung, wer sucht sie nicht? So bildete das Thema „Trends“ wieder die Basis der seit 2003 bestehenden Vortragsreihe „Material Talks“ der Münchner Agentur Designaffairs. Und weil nichts ewig währt, präsentierte Geschäftsführer Michael Lanz zu Beginn des Abends erst mal die neue Corporate Identity der Agentur: neues Logo, aufgefrischter Web-Auftritt und ab sofort ein Doppel-F im Namen. Im Anschluss stellten sich vier Redner der beliebten Frage nach den Strömungen und Tendenzen, die – jeder für sich und fachbezogen – zu beantworten suchte.

Ralph Schneider, bei Bayer MaterialScience zuständig für Innovationsmanagement, sprach über Firmen-Neuheiten im Rahmen seines Themas „Zukunft gemeinsam gestalten – zwischen Zukunftsszenarien und neuen Werkstofflösungen“. Aktuell sind es vor allem Hybrid-Technologien, wie beispielsweise bei der Fertigung von Sitzpolstern. Hier wird in ein und demselben Arbeitsgang der Schaumstoff direkt an das Lederimitat angegossen. An einem weiteren Beispiel, dem Dach des Athener Olympia-Stadions, erläuterte er, dass Polycarbonat-Platten zunehmend Glasverschalungen ersetzen und neuartige Leichtbaukonstruktionen ermoeglichen (Wort geloescht), was ebenso für grosse Auto-Dachmodule gilt – Entwicklungen, die also bereits Realität geworden sind. Als „Traum der Zukunft, der bald Gegenwart werden werden kann“ bezeichnet Schneider dagegen eine Kunststoff-Sensor-Folie, die sich auch fuer "Energy Harvesting" Anwendungen eignen koennte. Durch ihre Faehigkeit, Druckbelastungen grossflaechig in Strom umzuwandeln, koennte sie zum Beispiel, auf dem Boden liegend, Schritte von Personen in Stromimpulse umwandeln und Beleuchtungsanlagen steuern oder kleine Applikationen betreiben.

Die Frage nach den Trends der Zukunft beantwortet er mit einem klaren Blick auf die zum Teil drängenden Aufgaben, welche uns die Gegenwart stellt: Von Klimawandel über Energieverknappung und Abfallbeförderung, Bevölkerungswachstum und hin zu demografischem Wandel und Gesundheitspflege war hier die Rede. So arbeitet die Forschung von Bayer MaterialScience im Bereich Human Care, Stichpunkt Household Robotics, aktuell an einer weichen Außenhaut für die bis dato hart verschalten Roboter: „Das bisherige Konstruktionsprinzip ,außen hart, innen weich’, wie es auch Insekten zeigen, scheint Konkurrenz durch ein weiteres Konstruktionsprinzip zu bekommen“, so der Diplom Ingenieur Schneider (worte geloescht). Mit diesem veränderten Bauplan nähert sich das neue Prinzip damit immer mehr komplexen Lebewesen wie dem Menschen an.

Thomas Wolfs, Vertriebsleiter Deutschland der Firma Acrysign, lenkte die Aufmerksamkeit auf das Thema Kunststoff-Elemente für innovative Architektur. Zusammen mit seinem Kollegen Thomas Baierl, Designpanel Marketing, stellte er das Produkt-Folio des Unternehmens vor, zu dem aufwändige Bodenbeläge für private Bauten ebenso gehören wie Verkaufsdisplays, groß dimensionierte Schriftzüge und Ausstattung für Messestände und TV-Studios. Besonders die drei Produktreihen Invision, Aquaplex und Lightpanel zeigen im Mix oder einzeln neuartige Effekte: Trenn- und Lichtwände sowie Leuchttische mit LED-Einspeisung bei einer Bautiefe von nur 28 Millimetern – das ermöglicht den Einsatz für effektvolle Bodenbeläge, Leuchtwürfel, Arbeitsplatzbeleuchtung bis hin zu „Objekt-Kunst“ und vieles mehr. Das bekannte Schema vom installierten Leuchtkörper scheint sich damit aufzulösen – die Wand, der Boden, das Möbel selbst wird zur Lichtquelle, eine Perspektive, die eine durchaus neue Qualität in Arbeits- und Wohnräume zu bringen vermag.

Last but not least wagte Nina Saller, Neuzugang bei Designaffairs und dort als Senior Color & Material Designer tätig, einen weit weniger ans eigene Firmen-Produktportfolio gebundenen Blick in die nahe Zukunft – „Bewährtes und neue Einsichten /Tendenzen in Lifestyle & Interior 2010/11“ lautete ihr Thema. Dass der Blick in die Zukunft nur über den Fokus auf die Gegenwart funktioniert, betonte Saller dabei immer wieder. „Trends kommen aus der Gegenwart, nicht aus der Zukunft“, so eine ihrer Thesen. Was die Fokussierung auf aktuelle soziologische, gesellschaftliche Entwicklungen nahe legt: „Wir geben keine wissenschaftlichen Analysen ab, wir machen soziologische Forschungen und übersetzen Gesellschaftstrends in Design“. Ihre Arbeit setzt viel Erfahrung und gute Beobachtung voraus, und auch eine gewisse Distanz: „Alles kommt wieder! Wir fassen zyklische Tendenzen auf, entwickeln sie weiter und suchen Analogien. Die Zukunft ist ein Kind der Gegenwart – und ich gehe davon aus, dass alles schon mal da war!“, sagt sie.

Diese bildhaften Analogien, meist gezogen zwischen richtungsweisenden Kunstwerken der 30er bis 60er Jahren und Fundstücken internationaler Trendmessen, weisen in der Tat verblüffende Parallelen auf. So vergleicht Saller zum Beispiel ein 1921 im Stil des Kubismus gemaltes Männerporträt des Künstlers Wyndham Lewis mit einer mehrkantigen Facett-Bodenlampe, die sie auf einem skandinavischen Designfestival entdeckt hat. Diese Lampe, deren Form sich aus Flächen zusammen setzt, steht für einen real existierenden Trend, wie die in Origami-Manier „gefalteten“ Entwürfe einiger gegenwärtiger Gestalter zeigen. Was der Vergleich besagen soll? „Dass sich eine konsumtaugliche Sprache für die einstige Kunstrichtung gefunden hat“, sagt Saller.

In diesem Sinne überraschte die Trendforscherin mit weiteren Vergleichen zwischen damals und heute, zwischen Kunst und Mode oder Design. Wie angesagt die jeweiligen aktuellen Strömungen sind, darüber gibt ihr sogenanntes Trend-Barometer Auskunft: Danach verschwinden opulente Auswüchse à la "Ornamental Baroque" langsam in der Versenkung, während die charakteristische Formensprache der Fifties – wieder einmal – ziemlich hip den Ton angibt.
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