Die intelligente Küche

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Text: Norman Kietzmann, 20.03.2008

Schon während des Internetbooms der 1990er Jahre schien festzustehen, dass die Hightech-Welle eines Tages auch vor dem Haushalt und der Küche nicht Halt machen und sie schließlich in vollends vernetzte Hightech-Oasen verwandeln wird. Der viel zitierte „intelligente“ Kühlschrank, der fehlende Lebensmittel automatisch im Internet nachbestellt oder die neuesten Kochrezepte ausspuckt, blieb jedoch kaum mehr als ein Medienphänomen und konnte sich – mit Ausnahme von Japan und Korea – bisher kaum durchsetzen. Denn trotz aller Faszination für die technische Innovation blieb der eigentliche Nutzen häufig diffus. Doch die Hersteller haben daraus gelernt und sind die Vernetzung der Küche heute auf deutlich subtilere Weise angegangen. Die „intelligente Küche“ könnte sich dabei sogar in punkto Generationentauglichkeit als richtungsweisend entpuppen.
Dass sich noch immer viele Menschen davor scheuen, die euphorisch gefeierten Hightech-Updates für die Küche zuzulassen, hat einen einfachen Grund: Schließlich erweist sich Kochen weder in Theorie noch Praxis als eine digitale, sondern durch und durch analoge Angelegenheit. Ist der Computer aus dem Berufs- und Privatlebens kaum noch wegzudenken, gilt die Küche umso mehr als Refugium inmitten einer digitalisierten Welt. Statt Bits und Bytes herrschen hier Feuer und Wasser, Gemüse oder Fleisch, zubereitet auf kühlem Stein oder Stahl. Gerade in dieser archaischen Wirkung liegt die eigentliche Faszination der Küche. Ein Ort, an dem man sich vor den unvermeidbaren Fehlermeldungen der neuesten Windows-Version sicher fühlen kann.
Zugegeben, auch die Küche hat in den letzten einhundert Jahren einen bemerkenswerten Wandel vollzogen und ist in ihrer heutigen Form bereits wie kaum ein anderer Ort im Haushalt von Technik durchdrungen. Der Einzug des Gasofens, des Kühl- und Gefrierschrankes, des Induktionskochfeldes, des Toasters, Mixers oder der Mikrowelle hat dabei einen erheblichen Zuwachs an Komfort und Zeitersparnis gebracht. Doch trotz all dieser Technisierung blieben die Geräte stets von einer beruhigenden Schlichtheit, die sie verständlich und vor allem beherrschbar machte. Sie waren Technik aber noch lange nicht Hightech.
E-Mail vom Gefrierfach
Mit der „vernetzten Küche“ gerät diese Gleichung nun reichlich durcheinander, indem so vermeintlich „simple“ Geräte wie Kühlschränke oder Waschmaschinen auf einmal mit Mikrochips versehen werden, die über mehr Rechenleistung verfügen als einst die Computer an Bord von Apollo 11. Der Kerngedanke der Vernetzung liegt darin, die einzelnen Geräte des Haushaltes von einer zentralen Benutzeroberfläche aus bedienen zu können. Für viele Hersteller spielt hierbei der Kühlschrank eine entscheidende Rolle. Schließlich ist er in einem Mehrpersonenhaushalt häufig das meistbenutzte Gerät und auch von seiner Größe so beschaffen, problemlos einen PC mit ausreichend großem Flachbildschirm zu integrieren. Andere Firmen setzen dagegen auf Steuerungsmodule, die wie eine Fernbedienung funktionieren und frei im Haus oder Apartment bewegt werden können.
Wurde die Vernetzung in früheren Pilotprojekten wie dem T-Com-Haus in Berlin oder dem Futurelife-Haus in der Schweiz noch mit viel Aufwand betrieben, setzen die Anbieter heute auf eine deutlich einfacherer Lösung. Anstatt zusätzlichen Kabelsalat zu erzeugen, greifen sie auf jene Anschlüsse zurück, die in jedem Haushalt längst vorhanden sind: die Stromversorgung. Übertragen werden die Daten dabei als überlagerte Signale über die herkömmlichen 230-V-Leitungen, an die neue Geräte einfach nach dem Plug&Play-Prinzip angeschlossen werden können. Über Wireless-Lan ist zudem die Verbindung ins Internet möglich.
Alles auf einen Blick
2004 haben fast zeitgleich sowohl Miele als auch Siemens ihre ersten marktreifen Systeme für die „vernetzte Küche“ vorgestellt. Die Kommunikationsmodule des „miele@home“-Systems beispielsweise sind dabei entweder bereits in die Geräte integriert oder können separat hinzugekauft werden („Add On“-Prinzip). Dreh- und Angelpunkt des Systems ist das transportable Bedienmodul, das seine Daten per Funk an die mit dem Stromnetz verbundene Basisstation sendet und damit Kontakt zu den übrigen Geräten im Haushalt aufnehmen kann. Von der Größe eines Handys ist der „InfoControl“-Empfänger, so der offizielle Name, leicht zu transportieren, verfügt aber zugleich über ein ausreichend großes Display. Auf diesem werden Status der vernetzten Geräte, Hinweise oder Fehlermeldungen angezeigt, wenn beispielsweise die Waschmaschine blockiert oder die Lasagne langsam im Ofen zu verbrennen droht. Das „miele@home“-Programm ist bewusst als offenes System angelegt, an das auch Geräte anderer Marken angeschlossen werden können. Mittels dieses CHAIN (Ceced Home Appliances Interoperating Network) getauften Standards, auf den sich die Mitglieder des Verbandes der europäischen Haushaltsgerätehersteller CECED geeinigt haben, können problemlos Kombinationen unterschiedlicher Marken aufgebaut werden. Schon jetzt bieten Miele und Siemens verschiedene Herde, Backöfen, Dampfgarer, Geschirrspüler, Gefrierschränke oder Waschmaschinen in „vernetzter“ Ausführung an. In Zukunft sollen auch Dunstabzugshauben und Kaffeeautomaten folgen.
„Keep It Simple and Stupid“
Für den Zukunftsforscher Matthias Horx hat die Zukunft der „vernetzten“ Küche dabei aber weniger mit Intelligenz im klassischen Sinne zu tun als mit einer gewissen Einfachheit, die sich intuitiv erschließt. „Ich will nicht, dass mein Kühlschrank intelligent wird. Ich will, dass er blöd ist, aber schlau funktioniert“, bringt Horx es auf den Punkt. Der Einzug der Technik solle daher nach dem Prinzip „Keep It Simple and Stupid“ (KISS) erfolgen und eher im Hintergrund verbleiben. Lediglich von der zentralen Steuerung aus, die problemlos ins Haus oder den Garten transportiert werden kann, wird die „intelligente Küche“ daher auch als solche überhaupt wahrnehmbar sein.
Die Vernetzung über eine zentrale Fernbedienung kann dabei auch ganz konkrete Hilfe leisten. Vor allem ältere Menschen haben so die Möglichkeit, das Geschehen in der Küche vom Wohnzimmer oder Garten aus verfolgen zu können, ohne jedes Mal aufstehen zu müssen. Und für vergessliche Naturen könnte es sich als überaus sinnvoll erweisen, dass der vernetzte Haushalt beim Verlassen der Wohnung künftig automatisch den Herd abstellt. Wer hat da noch Angst vor der intelligenten Küche?
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