Die vollkommene Unvollkommene

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Autorin


Murat schaut konzentriert auf den Kaffeesatz in der kleinen bunten Mokkatasse. Was er mit ernsthaftem Blick voraussagt, soll in Erfüllung gehen. Zwei als Sultane verkleidete Männer huschen über die Straße, nachdem sie zuvor aus einem alten Mercedes gestiegen sind, auf dessen Dach ein riesiger Plüsch-Teddybär thront. Wo wir sind? In Istanbul. Wer das Absurde liebt und es gleichzeitig modern und zeitgemäß mag – sollte sich auf eine Reise an den Bosporus begeben.



Istanbul ist eine Stadt, die federleicht changiert zwischen Orient und Okzident. Tausende soziale und kulturelle Schichten überlagern sich hier – es ist die Unvollkommenheit, die diese Stadt so spannend macht. Deshalb könnte das Motto der ersten Istanbuler Design-Biennale passender nicht sein: Imperfection. Tief eintauchen in die sozialen und kulturellen Schichten der Stadt kann der Besucher bei einem Spaziergang über die knapp zwei Kilometer lange Istiklal Caddesi. Die quirlige Fußgängerzone führt vom großen Verteilerplatz Taksim bis fast hinunter zum Galata-Turm.

Schlaflos

Selbst zu später Stunde wird schnell klar: Istanbul ist eine Stadt, die niemals schläft. Tausende von Menschen sind hier unterwegs – begleitet vom unglaublich lauten Hämmern der Bässe aus den zahlreichen Tanzbars und Discos. Eine davon ist das legendäre 360 Grad, in dem sich die Hipster der Stadt zum Drink auf dem Dach mit grandiosem Blick über den Bosporus treffen. Istiklal Caddesi – das ist kunterbunte Leuchtreklame allenthalben, Straßenmusikanten aus aller Herren Länder, funkelnder Tand und Glitter, zuckersüße Turkish Delights, die auf vorbei schlendernde Leckermäuler warten. Dazu wabern Düfte von würzigen Fleischspießen durch die Luft, türkischer Çay wird in geschwungenen Gläsern auf kitschigen Untertellern serviert und emsige Kellner locken die hungrige Kundschaft.

Verlockend

Istanbul als ständige Verlockung zu bezeichnen, ist sicher keine Übertreibung. Neben den kulinarischen Köstlichkeiten, dem Tand und Glitter ist es vor allem die wunderbare Lage zwischen Goldenem Horn, Bosporus und Marmara-Meer, die die Stadt zum Sehnsuchtsort werden lässt. Leicht hügelig in der Topographie, schmiegen sich halb verfallene Häuser an die Hänge, protzen prächtige Villen an den Ufern des Bosporus, tauchen die imposanten Silhouetten von Hagia Sophia, Blauer  und Sülemanye-Moschee am Horizont auf und thront der Galata-Turm seit Jahrhunderten über der Stadt. Unweit dieses Befestigungsturms, wo Murat im Café Mavra den Kaffeesatz liest, prallen Ost und West aufeinander wie fast nirgendwo in der Stadt. Hier liegen iPhone und New York Times direkt neben dem Teeglas, laufen wasserstoffblonde Touristinnen in Spaghettiträger-Tops umher, während der Muezzin fünf Mal am Tag zum Gebet ruft und die türkischen Bewohner ihre Waren vom fliegenden Händler kaufen und per Flaschenzug in die Wohnung im fünften Stock hieven.

Improvisiert

Istanbul ist eine Stadt der Improvisation. Wer feststeckt im ständigen Verkehrschaos, kann es beobachten: Kommt ein Gewitter auf, strömen fliegende Händler eilig herbei und verkaufen billige Regenschirme, winzig kleine Hocker und Tische dienen als Sitzplätze für ein Glas schwarzen Tee und die Zigarette zwischendurch, auf der Galata-Brücke wird im brackigen Gewässer nach Fischen geangelt, die Granatapfelsaft-Stände drohen unter dem Gewicht der glutroten Früchte zusammenzubrechen und 20-Liter-Wasserkanister werden umfunktioniert zu Fressnäpfen für die Katzen der Stadt. Die flauschigen Wesen sieht man in Istanbul übrigens überall. Denn wie sagt man am Bosporus: Eine Stadt ist so reich wie die Katzen genährt sind.


Mehr zur Istanbul Design Biennial 2012 finden Sie in unserem Special.



Wohnen, Essen & Trinken, Shopping und Sightseeing – zu Besuch in Istanbul



Hotel Sumahan on the water
Die türkische Designerin Defne Koz hat einen Übernachtungstipp für alle, die Istanbul fern vom hektischen und lauten Großstadt-Trubel kennenlernen möchten. Das Hotel Sumahan on the water liegt in Çengelköy auf der asiatischen Seite der Stadt. Untergebracht in einer ehemaligen osmanischen Destillerie, bestechen die schlicht und luftig eingerichteten luxuriösen Zimmer und Suiten durch fantastische Blicke auf den Bosporus.
www.sumahan.com

Café Gram

Schräg gegenüber vom Hotel Pera Palace mitten im quirligen Stadtteil Beyoğlu liegt das Café Gram. Hier werden lauter frische Köstlichkeiten serviert: Kuchen, Cookies, Salate, Suppen und türkische Meze. In der offenen Küche werkeln die Mitarbeiter – das Interieur ist clean und ohne orientalischen Schnickschnack gestaltet.
www.grampera.com

Bar Mikla
Ein paar Schritte entfernt vom Café Gram liegt ein Bijou des Istanbuler Nachtlebens: die 360-Grad-Dachterrasse des Hotels The Marmara Pera. Am Schönsten ist es hier zur blauen Stunde, danach darf getanzt werden über den Dächern der Stadt. Wer Abkühlung sucht von der Hitze der Nacht, springt einfach in den Swimmingpool.
www.themarmarahotels.com

Restaurant X/ Shop des IKSV
Ein Geheimtipp ist das Restaurant X in Şişhane. Von außen leicht zu übersehen, liegt es im obersten Stock des Gebäudes der Istanbul Design Biennale (IKSV). Hier wird eine feine Küche mit türkischem Einschlag serviert, während der Blick gelegentlich durch eine grandiose Aussicht auf das Goldene Horn abgelenkt wird. Im Erdgeschoss des Gebäudes befindet sich der Designshop des IKSV, in dem man gut gestaltete Mitbringsel findet.  
www.iksv.org

Lightwork Design
Designer Hüseyin Turgut stellt Leuchten her und bedient sich dabei alter Handwerkstechniken. Turgut liebt Kupfer, kann aber auch knallig. Und so kommen seine formschönen Leuchten auch in Gelb, Rot und Türkis daher. Unweit des Galata-Turms liegt sein charmantes Ladengeschäft samt Atelier und Werkstatt.
www.lightwork-design.com

Museum der Unschuld
Wer Istanbul und die türkische Gesellschaft besser verstehen möchte, liest am besten die Romane des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk. Sein Museum der Unschuld ist nicht nur ein Roman, sondern seit kurzem auch ein veritabler Ort. Wer das Museum besucht, taucht nicht nur ein in die einzelnen Kapitel des Romans, sondern auch in die türkische Ding-Geschichte. Versammelt in gläsernen Vitrinen sind Teegläser, Zigarettenkippen, Fotografien, Broschen und anderer Krimskram – quer durch die Jahrzehnte.
www.masumiyetmuzesi.org
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