Die weißen Nächte von Dessau

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Text: Norman Kietzmann


Die Londoner Barbican Art Gallery widmet dem Bauhaus zurzeit die umfassendste Ausstellung in Großbritannien seit vier Jahrzehnten. Der Fokus der Schau mit mehr als 400 Exponaten liegt nicht nur auf den Arbeiten der Studierenden und Professoren. Unter dem Titel art as life rückt vor allem das Leben an der Schule selbst in den Mittelpunkt, wo die Moderne weniger mit Dogmen, als vielmehr mit Humor, Charme und Jazz aus der Taufe gehoben wurde.



An einem Dezembermorgen des Jahres 1929 donnerte eine silberne Junkers F 13 über das Meisterhaus von Paul Klee in Dessau hinweg. Als dieser verdutzt in den Garten hinaustrat, drehte das Flugzeug eine weitere Runde, bis aus der offenen Kabine am Fallschirm ein Paket in der Gestalt eines Engels abgeworfen wurde. Was sich darin befand: Geschenke seiner Schüler und Professorenkollegen – darunter eine Leuchte von Marianne Brandt sowie ein Druck von Lyonel Feininger –, die ihm zum 50. Geburtstag gratulierten. Gechartert hatten die Maschine die Studenten der Textilwerkstatt, bei denen sich der flugbegeisterte Klee mit einem Gemälde bedankte.

Es sind Anekdoten wie diese, die die Londoner Ausstellung erzählt und damit beleuchtet, was in der Berliner Schau anlässlich des Bauhaus-Jubiläums 2009 größtenteils ausgelassen worden war: Die Arbeiten der Schule nicht nur in ihrem kunsthistorischen Kontext zu betrachten, sondern ebenso die Lebensumstände mit einzubeziehen, unter denen sie entstanden sind. Entworfen wurden am Bauhaus schließlich nicht nur die Vorboten künftiger Produkte: Auch das Leben selbst – von Einladungen, Grußkarten bis hin zu rauschenden Kostümfesten – wurde in den Gestaltungsprozess einbezogen.

Die Kamera immer dabei

Vor allem Theodore Lux Feininger wurde zu einem wichtigen Chronisten des Hochschullebens. Als der Sohn von Lyonel Feininger 1926 an die Schule kam, war er gerade sechzehn Jahre alt und damit einer der jüngsten Studenten, denen der Zutritt zum Bauhaus gewährt wurde. Noch bevor Fotografie 1929 offiziell in den Lehrplan aufgenommen wurde, installierte er 1927 eine Dunkelkammer im Keller des Gebäudes und begann als Autodidakt, die Arbeiten seiner Mitstudenten sowie die Aufführungen von Oskar Schlemmers Bühnenwerkstatt festzuhalten. Bald schon legte er den Schwerpunkt auf die Dokumentation des Alltags an der Schule selbst und trug seine Glasplattenkamera im 9x12-Format Tag und Nacht bei sich.

Auch Lászlo Moholy-Nagy, Josef Albers oder Herbert Bayer begannen in dieser Zeit, zu fotografieren und wählten häufig Gropius‘ Hochschulgebäude als Motiv. Wenn Menschen auf ihren Aufnahmen zu sehen waren – zumeist auf Balkons oder Fluren arrangiert –, waren es stets das Gebäude und seine räumlichen Qualitäten, die im Vordergrund standen. Der junge Feininger wählte genau den umgekehrten Weg. Mit seiner Linse rückte er nah an das Leben der Bauhäusler heran und hielt ebenso Gymnastikübungen auf dem Dach des Prellerhauses, Fußballspiele auf umliegenden Feldern oder scheinbar noch so unwichtige Details fest. Als er die Mitglieder der Bauhaus-Band auf dem Dach des Schulgebäudes fotografierte, blieb die Architektur im Hintergrund bis zur Unkenntlichkeit verschwommen. Zu sehen sind die spielenden Musiker in einer Direktheit und Nähe, die noch heute das Foto beinahe zum Tanzen bringt.


Kreativität Tag und Nacht

„Das Leben am Bauhaus war undenkbar ohne den musikalischen Hintergrund seiner vielen Parties – einige von ihnen improvisiert, andere sorgfältig und schön in Szene gesetzt“, bemerkte Theodore Lux Feininger später in seinen Memoiren, der selbst für einige Jahre in der Bauhaus-Jazzband spielte. Mit seiner Kamera fing er ebenso die legendären Feste ein, die sich nach dem Umzug von Weimar nach Dessau 1926 zu immer spektakuläreren Produktionen wandelten und von ihren Gästen phantasievolle Kostüme abverlangten. „2/3 weiß, 1/3 farbe, diese gewerfelt, gedippelt, gestreift“, wurde auf der Einladung zum „Weißen Fest“ 1926 vermerkt. Nach dem „Bart-Nasen-Herzens-Fest“ 1928 folgte im Jahr darauf das metallische „Glocken-Schellen-Klingel-Fest“, bei dem die Gäste umgeben von Silberkugeln zu scheppernden Klängen bis in den Morgen tanzten.

Schon Wochen vorher liefen sämtliche Werkstätten der Schule zu Hochform auf und schufen ein Gesamtkunstwerk für einen Abend. Auch hier zeigt die Ausstellung Protagonisten wie Marianne Brandt nicht einsam schraubend in der Metallwerkstatt, sondern als lebenslustiges Partygirl, das sich selbstironisch zu kostümieren (mit seitlich sitzender Schelle als Hut und Heiligenschein mit einer Rassel um den Hals) und vor der Kamera zu inszenieren wusste. Was die Fotos dokumentieren, ist weit mehr als der Moment, in dem sie entstanden sind. Sie zeigen, wie die Schüler am Bauhaus rund um die Uhr kreativ sein mussten und diese Rolle gern annahmen. Gestaltung war keine Tätigkeit für einige wenige Stunden. Sie wurde zu einer Haltung, die das gesamte Leben umfasste und damit auch die Mechanismen der heutigen Kreativindustrie frühzeitig vorwegnahm.

Gesamtes Spektrum

Es tut gut, dass solche Momente in der Ausstellung zu sehen sind, anstatt der immer gleichen Aufreihung von Freischwingern. Gewiss, auch der Lauf der Geschichte und die Widrigkeiten, denen die Schule bis zu ihrer Auflösung 1933 ausgesetzt war, werden mit eingebunden. Doch die Schau, die von Catherine Ince und Lydia Yee kuratiert wurde, sucht ganz bewusst nach Qualitäten jenseits des Stahlrohrs und wird fündig. Die wenigen Möbel, darunter ein großartiges Set farbiger Beistelltische, die Josef Albers 1927 entworfen hat, erhalten denselben Raum wie die originalen Kostüme (und nicht nur Fotos) aus Schlemmers Triadischem Ballett, die Arbeiten der Textilwerkstatt, die Experimente des Vorkurses oder die Werke der anderen Fakultäten.

Die Stärke der Ausstellung liegt darin, die handwerkliche Frühphase des Bauhauses bewusst nicht als reinen Übergang zur strengen Moderne der letzten Jahre in Berlin abzutun, sondern ihre Qualitäten gleichberechtigt mit dem Spätwerk zu präsentieren. Vor allem der Bau der Villa Sommerfeld in Berlin (1920 bis 1921) wird dabei als ein bislang unterbewertetes Schlüsselwerk gezeigt, das von Walter Gropius und Adolf Meyer als eine Mischung aus dem Prärie-Stil Frank Lloyd Wrights und den Kulissen aus dem Film Das Cabinet des Dr. Caligari entworfen wurde. Auch wenn Architektur in den ersten beiden Jahren am Weimarer Bauhaus noch nicht als eigener Studiengang existierte, waren sämtliche Werkstätten der Schule mit Ausnahme der Töpferwerkstatt in die Inneneinrichtung involviert. Sowohl die Studenten als auch Professoren wie Josef Albers und Marcel Breuer steuerten Entwürfe für die geometrischen Wandverkleidungen, Türen, Möbel und Stoffe bei, die trotz ihrer individuellen Ausprägung eine gestalterische Einheit bildeten.

Nah am Leben

Wie eng die Arbeiten mit den eigenen Lebensumständen verbunden sind, zeigt eine Wand mit den Marionetten von Paul Klee, die er zwischen 1916 und 1925 für seinen Sohn Felix entwarf. Überlebensgroß thront etwas weiter ein Foto von Marcel Breuer und seinem Harem (den Geliebten Martha Erps, Katt Both und Ruth Hellos-Consemüller) über dem Ausstellungsparcours, die mit ihren kunstvoll verstrubbelten Haaren wie die Vorgänger der Band The Cure erscheinen. Charmant wirkt auch die Grußkarte von Herbert Bayer anlässlich des 44. Geburtstags von Walter Gropius. Der Großteil der Professoren und Studierenden hinterließ auf ihr mit farbiger Tinte einen Abdruck ihrer Lippen, die mithilfe einer Nummer mit den dazugehörigen Unterschriften verbunden wurden. Die Botschaft des Ganzen: Das Bauhaus macht Spaß. Und wie.


Bauhaus: Art as Life
Barbican Art Gallery, London
noch bis zum 12. August
 2012

Mehr zum Thema Bauhaus in unserem Special.

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