Diva aus Glas und Holz: 25 Jahre Sammlung Goetz

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Text: Jeanette Kunsmann, 07.02.2018

Die wahre Qualität eines Architekten, seine Ideen, seinen Verstand, erkennt man bereits im Frühwerk: Man muss nur gut zuhören, was es zu erzählen hat. Eines der ersten realisierten Projekte des Baseler Büros Herzog & de Meuron findet man im Münchner Nordosten: den Neubau für die Sammlung Goetz. Schon 25 Jahre alt, sieht er so frisch und jung aus, als wäre er erst kürzlich errichtet worden.

Etwas stimmt hier nicht. Sind es die Fensterbänder, die oben an der Attika und unten an der Grasnarbe abschließen? Ist es das helle Birkenholz? Oder die Lage? Dass diese simple, aber elegante Kiste aus Holz und Milchglas inmitten einer gutbürgerlichen Wohngegend im Münchner Stadtteil Oberföhring steht, hat einen einfachen Grund: Sie wurde nämlich im Vorgarten von Ingvild Goetz gebaut. Der Entwurf kommt aus Basel von Herzog & de Meuron, die zu der Zeit eher Unbekannte waren. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis sich die Schweizer Architekten 2001 mit dem Pritzker-Preis in die internationale Baugeschichte einschrieben. Waren die Nachbarn 1993 ganz und gar nicht begeistert von diesem fremden Neuling für moderne Kunst, haben sich Gebäude und Sammlung schnell zu einer internationalen Adresse für Kunst und Architekturtourismus etabliert. 2018 feiert die Sammlung Goetz ihren 25. Geburtstag.

„Wichtig wäre ein Flachdach, um die hohen Bäume dahinter noch sehen zu können. Das Haus sollte nicht nur einen Museumscharakter haben, wir wollen auch ab und zu darin spartanisch leben“, schrieb Ingvild Goetz in einem Brief im Oktober 1989 an den damals 39-jährigen Jacques Herzog.¹ Die Kunstsammlerin war zu diesem Zeitpunkt selbst gerade 49 Jahre alt und konnte sich seit der Schließung ihrer Galerie 1984 allein auf die Kunstsammlung konzentrieren. Rückblickend sagt Ingvild Goetz  über ihre Jahre als Galeristin: „Ich war eine schlechte Verkäuferin, denn am liebsten hätte ich alles selbst behalten.“²

Dass Herzog & de Meuron mit dem Entwurf der Sammlung Goetz beauftragt wurden, verdanken die Architekten unter anderem dem Schweizer Maler Helmut Federle. Er stellte das Duo der Kunstsammlerin vor, die Mitte der Achtziger ein Haus für ihre wachsende Anzahl von Arbeiten bauen wollte und von den vorigen Architektenentwürfen enttäuscht war. Jacques Herzog und Pierre de Meuron präsentierten dem Ehepaar Goetz ein Modell, das die Bauherren sofort überzeugte. Das Vorgängerhaus in der Oberföhringer Straße 103 wurde abgerissen, 1991 beginnen die Bauarbeiten. Die Ausführungsplanung und Bauausführung übernimmt der Münchner Architekt Josef Meier-Scupin, die Ausstellungsräume gestalten Herzog & de Meuron in Zusammenarbeit mit Helmut Federle. Als die Sammlung Goetz am 6. März 1993 eröffnet wird, herrscht große Begeisterung: „Stilles Wunder“ titelte Die Zeit, „Klare Kanten für radikale Kunst“ lobte das Feuilleton der Münchner Abendzeitung, „Architektur der Ruhe“ schrieb die Rheinische Post. Glaubt man den Besucherumfragen, ist die Sammlung zu einem Großteil auch durch ihre Architektur bekannt geworden.

Ingvild Goetz

Man kommt hier nicht zufällig vorbei, zur Sammlung Goetz wird gepilgert – und zwar mit Termin. Und wer dann aus dem Bus oder dem Taxi aussteigt, wundert sich vielleicht. Etwas stimmt an diesem Gebäude nicht. Richtig, es ist ein Haus mit Fenstern, aus denen man nicht schauen kann. Diesem Gedanken von Ingvild Goetz haben Herzog & de Meuron eine Form gegeben. Goetz stellte sich ein Untergeschoss und ein Erdgeschoss vor, „wobei das Untergeschoss Tageslicht haben sollte“. Alles ist ein paar Meter tiefer gedacht: Die Fensterbänder im Erdgeschoss sind die Oberlichter des Untergeschosses, während sich das Konzept in der oberen Etage wiederholt. Diese Doppelung ermöglicht erst den eigenwilligen wie einfachen Entwurf der Kunstsammlung; nur deshalb lässt sich kaum sagen, wo man sich befindet. Der Besucher verliert die Übersicht, die Orientierung. Von außen schwebt der massive Kern ein paar Meter über der Wiese, der gläserne Sockel mit seiner milchigen Transparenz hebt ihn in die Höhe und rahmt ihn zusammen mit dem oberen Glasabschluss: eine Diva aus Holz und Glas, die mit den Jahren auch schon mal das ein oder andere Makeover brauchte. Es sei ihr gegönnt.

Der Garten war dem Ehepaar Goetz so wichtig, dass ihr Sammlungsgebäude leicht und nicht zu dominant sein sollte – dennoch mit der Vorgabe, dass etwa 150 Meter Hängefläche benötigt werden. Zur Straße begrüßt eine geschlossene Front, der Eingang befindet sich auf der Gartenseite. Die Erschließung gibt den Rundgang vor, die semitransparenten Oberlichter sorgen für ein blendfreies und gleichmäßiges Tageslicht. Die doppelte Hülle erweist sich bis heute als Clou: Der Spalt zwischen der Holzfassade außen und der Betonwand innen dient als Puffer und natürliche Lüftung. Im Sommer kann die Luft her abkühlen und in die Räume geleitet werden.

Von dem Zusammenspiel zwischen Bauherrin und Architekten haben beide Seiten profitiert: Ingvild Goetz mit einem zeitlosen, aber richtungsweisenden Neubau von damals jungen, kaum bekannten Architekten, Herzog & de Meuron mit einem Frühwerk, das sich heute als solider und kluger Grundstein ihres Œuvres erweist, das sie 25 Jahre später unbestritten an der Spitze internationaler Ranglisten ihrer Zunft verortet.

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¹ Zitat aus einem Brief von Ingvild Goetz an Jacques Herzog vom 18. Oktober 1989, aus: Karsten Löckemann, Happy Birthday Goetz Collection, in: Happy Birthday. 20 Jahre Sammlung Goetz, Hirmer Verlag, München 2013, Seite 10–15, hier Seite 11

² Zitat aus einem Interview mit Ingvild Goetz von Cornelia Gockel, in: Happy Birthday. 20 Jahre Sammlung Goetz, Hirmer Verlag, München 2013, Seite 22–26, hier Seite 23

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