Domestizierter Weltenbaum

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Text: Norman Kietzmann


Sieben Regale, sieben Bäume: In der Pariser Designgalerie Carpenters Workshop präsentiert der Mailänder Architekt, Designer und Querdenker Andrea Branzi seine Serie Trees. Zergliederte Birkenstämme werden inmitten kühler Rahmen aus Aluminium wie in Schaukästen in Szene gesetzt. Das Ziel dieser wandgehangenen Hybride: Sie domestizieren die Natur und bringen ein Stück Mystik in die heimischen vier Wände.



Ein Baum ist mehr als eine Pflanze. Er gehört zu den Urbildern der Mythologie und nimmt in Gestalt des heidnischen Weltenbaums sogar selbst eine religiöse Rolle an. Noch bestimmender ist jedoch seine physische Präsenz, der die einstigen Protagonisten der Postmoderne nicht ohne Zufall erlegen sind. Ob Matteo Thun, Michele De Lucchi oder Andrea Branzi: In der unberechenbaren wie individuellen Maserung des Holzes und seiner Rinde erahnen die früheren Memphis-Mitglieder eine logische Weiterführung des berühmten Bakterienmusters, das Ettore Sottsass einst über seine Möbel und Objekte krabbeln ließ. Anders als die poppige Druckgrafik verheißt die Materialität der Bäume eine Sinnlichkeit, die nicht nur mit den Augen, sondern ebenso mit den Fingern und mit der Nase erfahren wird.

Geheimnisvolle Präsenz


Während sich Matteo Thun und Michele De Lucchi bevorzugt der Gestaltung von Möbeln aus Massivholz widmen, legt Andrea Branzi den Fokus auf die ursprüngliche Erscheinung der Bäume, genauer gesagt ihrer Rinde. Vor allem die weiße Haut der Birke hat ihn fest in den Bann gezogen und ist seit Mitte der achtziger Jahre zum durchgehenden Bestandteil seiner Arbeit geworden. „Sie verfügen über eine geheimnisvolle, vielfältige, einzigartige, unwiederholbare und ein Stück weit heilige Präsenz“, ist Andrea Branzi überzeugt. Damit nicht genug: Seit Jahrtausenden gilt die Birke als Symbol des Reinen und Fruchtbaren, deren Saft dem Körper Vitalität verspricht. Birkenzweige, die direkt auf der Haut getragen werden oder in Häusern ihren festen Platz einnehmen, sollen vor bösem Zauber und Hexerei beschützen.

„Ich war immer fasziniert von diesen Teilen der Natur, deren Ausdruckskraft noch stärker wird, wenn sie mit modernen, perfekten und industriellen Materialien kombiniert werden“, erklärt Andrea Branzi, der in der Pariser Designgalerie Carpenters Workshop zurzeit seine Serie Trees präsentiert. Sieben Regale mit teils vorgesetzten Schrankkuben ersann der Mailänder Architekt und Mitbegründer der Sechziger-Jahre-Avantgarde-Gruppe Archizoom aus Aluminium und setzte der metallenen Kälte die physische Präsenz von Birkenstämmen gegenüber. Wie ein dreidimensionales schwarz-weißes Muster zeichnen sie sich vor den mattschwarzen Anlagen und Fächern ab, die sie umrahmen wie die Exponate in einem Schaukasten.


Domestizierte Wirklichkeit


Dabei erscheinen die Stämme nie als Ganzes, sondern werden stets als Ausschnitte in unterschiedlichen Höhen von horizontalen und vertikalen Metallblenden eingefasst. Losgelöst von ihrer ursprünglichen Höhe und Gestalt, wird die Natur domestiziert wie die zu strengen Kuben geschnittenen Baumkronen des französischen Barocks. Doch Andrea Branzi – in dieser Haltung durch und durch Architekt – schneidet gleich das ganze Astwerk weg und konzentriert sich auf den tragenden Stamm. Der Urpfeiler der Architektur wird nicht nur in seiner statischen Kraft zur Schau gestellt, sondern definiert mit seinem Durchmesser zugleich die Tiefe der Regale.

Nur das Regal mit der Nummer fünf schert aus der Farbigkeit der übrigen sechs Entwürfe aus. Statt über eine mattschwarz patinierte Oberfläche verfügen die elf horizontalen Böden über eine verspiegelte Oberfläche. Wie eine Reihung von Klingen ragen sie aus der Wand heraus und zerschneiden den dünnen Birkenstamm in elf Segmente. Das unterste von ihnen steht direkt auf dem Boden und gibt dem Entwurf eine Erdung, während der Ansatz der Astgabel über das Regal hinausragt. „Bäume, Stämme und Äste sind ein Teil der alten wie gegenwärtigen Kultur, weil das Design im Zeitalter der Globalisierung nach erkennbaren anthropologischen Plattformen sucht“, erklärt Andrea Branzi weiter.

Neoprimitiver Stil

Trees ist zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Thema des Stilllebens an sich, das im Italienischen Natura Morta – gestorbene Natur – heißt. Die Gegenüberstellung von Natur und Geometrie hat Andrea Branzi bereits mit seiner Serie Animali Domastici (1985-1986) thematisiert. Auf der Suche nach „neuen Formen der häuslichen Zivilisation“ führte er einen Begriff ins Feld, der seine Wirkung nicht verfehlte: „Neoprimitiv“ sollten die Dinge des Alltags sein und Emotionen durch archetypische Symbole und Materialien entfachen, die Branzi mit einem „Kanon der Mythen“ gleichsetzte. Die „neoprimitiven“ Sessel und Stühle, die er daraufhin ersann, waren Hybride sonderbarer Art: Aus rechteckigen Sitzflächen mit geraden, zylindrischen Füßen ragten Äste von Birken heraus, deren Rinde sich wirkungsvoll von den lackierten Oberflächen des Sockels abhob. Kombiniert mit grob gestrickten Decken blieb offen, ob es sich bei ihnen um Relikte aus grauer Vorzeit oder Zeichen einer fernen und womöglich düsteren Zukunft handelte.



Dialoge mit Duchamp



Dabei ist die Wirkung der Arbeiten nicht absolut. „Trees ermuntert, einfache, alltägliche Gegenstände, Bücher und Bilder neben die seltsame Anwesenheit von Ästen und Stämmen zu platzieren, wie in der Wirklichkeit der Welt“, erklärt Andrea Branzi. Wie sich die Zwischenräume auf ganz und gar nicht banale Weise füllen lassen, kam der Kuratorin Catherine Thieck sofort in den Sinn. Denn in den Räumen, in denen sich heute die Pariser Dependance der Londoner Designgalerie Carpenters Workshop befindet, war einst die Galerie de France ansässig.

Die 1942 eröffnete Institution war Hauptumschlagplatz für den Verkauf von Werken der klassischen Moderne und wurde 1981 von Catherine Thieck übernommen. Auch wenn sie 2008 mit der New Galerie de France einen neuen Standort in Paris bezog, fühlt sie sich den alten Räumen noch immer verbunden und fügte einige kleinformatige Arbeiten von Marcel Duchamp, Constantin Brancusi, Meret Oppenheim und anderen Künstlern in die Regale Andrea Branzis ein. Die Bäume sind somit nicht nur exponiert in Szene gesetzt. Sie befinden sich auch kulturell in bester Gesellschaft.


Andrea Branzi – Trees
Carpenters Workshop Gallery
54 rue de la Verrerie – 75004 Paris
noch bis zum 16. Mai 2012

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