Ein Fest für den Gaumen

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Text: Katja Neumann


Die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes ruft jedes Jahr von Neuem Kritik hervor. Auch christliche Traditionen müssen heute hinter Geschenkbergen meist zurückstehen. Einzig beim Essen werden, bewusst oder unbewusst, nach wie vor Traditionen gepflegt, denn die meisten der althergebrachten Weihnachtsgerichte gehen auf Geschichten, Mythen oder alte Bräuche zurück. Während sich hierzulande – von regionalen Unterschieden abgesehen – wohl alle auf die gute alte Weihnachtsgans einigen können, gibt es in Frankreich traditionell einen Kuchen in Holzklotzform, in Luxemburg kommt in der Regel Blutwurst auf den festlich gedeckten Tisch, und in Polen bevorzugt man zwölf vegetarische Gänge. So wird zu Weihnachten in christlichen Ländern zwar das gleiche Fest gefeiert; hinsichtlich der Weihnachts-Menüs gibt es jedoch erstaunliche Unterschiede. Grund genug für eine kleine Reise durch die Weihnachtsmenüs und -Traditionen Europas.



Es wird gebacken, gekocht, gebraten: Schließlich läutet das Weihnachtsfest – wie auch Ostern – in der christlichen Tradition das Ende einer Fastenzeit ein. Kein Wunder also, dass die traditionellen Weihnachtsmenüs besonders reichhaltig sind, und dass in Süßigkeiten geschwelgt wird wie zu keiner anderen Zeit im Jahr.

Süßes aus Benelux und Frankreich

So ist es in Luxemburg beispielweise üblich, zu Weihnachten Blutwurst mit Kartoffelbrei und einer Apfelsauce zu essen. In Holland und Belgien sind sich die Weihnachtsbräuche sehr ähnlich: Hier ist es Sinterklaas beziehungsweise Sint Niklaas in Flandern, der bereits am 6. Dezember die Geschenke bringt. Im französischsprachigen Belgien orientiert man sich hingegen eher an den Traditionen des Nachbarlandes. Am Weihnachtsabend steht hier eine gefüllte Pute auf dem Tisch und der „Bûche de Noël“, ein weihnachtlicher, mit Buttercreme gefüllter Baumkuchen in Form eines Holzklotzes. Dieser geht auf einen ländlichen Brauch zurück, bei dem im Kamin ein Holzscheit verbrannt und dessen Asche auf den Feldern verstreut wurde in der Hoffnung auf reichhaltige Ernte. Überhaupt besitzt Frankreich – wen überrascht es – eine große Tradition an weihnachtlichen Speisen und Bräuchen. Ein traditionelles Festtagsgericht ist die „Dinde aux marons“, eine mit Maronen gefüllte Pute. Wer es kulinarischer mag, bevorzugt das ausgiebige Festmahl genannt „La Reveillon“, das meist aus Austern, Pute, Pasteten, süßen Maronen und natürlich Champagner besteht. Offiziell beendet ist die Weihnachtszeit in Frankreich am Dreikönigstag, dem 6. Januar. Und auch hier darf der süße Abschluss nicht fehlen und zwar in Form der „Galette des rois“, einem Kuchen aus Blätterteig, Marzipan und Mandelcreme. Ein besonderer Spaß für Kinder: In dem Kuchen wird traditionell ein kleines Figürchen versteckt. Wer dies findet, darf sich an diesem Dreikönigstag die Krone aufsetzen.

Weihnachtsspezialitäten aus Skandinavien

Einen ähnlichen Brauch gibt es in Dänemark: Nach dem Weihnachtsessen, meist bestehend aus Gans oder Pute mit Rotkohl und in Zucker angebratenen Kartoffeln, steht traditionell ein Milchreis aus Mandeln mit Kirschen auf dem Tisch, darin versteckt eine ganze Mandel. Wer sie findet, bekommt ein zusätzliches Geschenk, meist in Form eines Marzipanschweins. Überhaupt stößt man in Skandinavien auf zahlreiche Weihnachtsbräuche, auch beim Essen. So besteht beispielsweise das norwegische Festessen „Julebord“ aus bis zu 60 Gerichten, darunter der „Lutefisk“, ein eingelegter, gesalzener Dorsch oder der traditionelle Reispudding, den die Kinder am 24. Dezember für die Weihnachtswichtel vor die Tür stellen. Selbstredend macht sich nicht jeder die Mühe, 60 Gerichte zu kochen, und so wird auch in den meisten norwegischen Häusern lediglich ein Menü serviert. Eines der beliebtesten ist hier Kabeljau mit Speck, Kartoffeln und Erbsenpüree. Gereicht wird dazu das speziell zu Weihnachten gebraute „Julbier“, und zum Nachtisch gibt es bevorzugt Weihnachtsgebäck, von dem es nach altem Brauch ebenfalls mindestens sieben Sorten geben sollte.

Im Nachbarland Schweden wird dagegen der 13. Dezember besonders gefeiert, der Tag der heiligen Luzia. An diesem Tag wird zum Frühstück traditionell ein skandinavisches Safranbrot gegessen. Abends gehört der Saunagang ebenso zum Ritual wie das anschließende Essen mit „Julschinken“ und der Tanz um den Weihnachtsbaum. Island zeigt sich zur Weihnachtszeit hell erleuchtet. Typisch isländisch sind zum Advent kleine, leckere Backwerke wie Plätzchen mit Ingwerschnaps oder das traditionelle „Laufabraud“, ein aus Mehl und Wasser bestehender Teig, der in heißem Öl ausgebacken und anschließend kunstvoll belegt wird.

Very British: Plum Pudding und Mince Pie

Die Reise geht weiter nach Großbritannien. Dass die Briten gern und ausgelassen feiern, ist bekannt, und Weihnachten bildet da keine Ausnahme. Eine der unabdingbaren Leckereien zum Weihnachtsfest braucht jedoch eine gewisse Reifezeit und wird daher bereits Anfang November hergestellt: Der berühmte „Plum Pudding“. Dieser besteht in der Regel aus Trockenobst, Nüssen, Rindernierenfett sowie Alkohol, klassischerweise Brandy. So lässt er sich auch besonders gut flambieren. Das Fest selbst feiert man in Großbritannien am 25. Dezember. Morgens wird beschert, bevor mittags Rosenkohl, Bratkartoffeln und der obligatorische Truthahn auf dem Tisch stehen. Das Dessert besteht neben dem bereits erwähnten „Plum Pudding“ oft auch aus „Mince Pie“, ein mit getrockneten Früchten gefüllter, kleiner, süßer Kuchen.

Christliche Traditionen in Osteuropa

In Osteuropa sind die Traditionen – auch hinsichtlich des Essens – noch weitaus christlicher orientiert als in Westeuropa, das in der Regel stärker von kommerziellen Traditionen geprägt ist. So werden in Polen, gemäß den zwölf Aposteln, zwölf verschiedene, fleischlose Speisen aufgetischt, darunter traditionell Suppe, Fisch und Gebäck. In Tschechien überliefert ein Brauch sogar, je mehr Gänge es am Weihnachtsabend gibt, desto mehr Getreide wird im Folgejahr auf dem Feld stehen. In der Ukraine gilt „Kutia“ als die wichtigste Speise des Weihnachtsmahls. Diese „Speise Gottes“ wird aus Weizen gekocht und mit Mohn und Honig angereichert. Eine weitere Besonderheit ist hier, den Tisch mit gleich zwei Tischtüchern zu bedecken: eines für die Familie und eines für die Ahnen. Vielfach werden sogar Plätze für die Verstorbenen am Tisch frei gehalten, da der Volksglaube sagt, dass diese am Heiligabend-Mahl teilnehmen. In der Mitte des Tisches werden drei „Kolach“ übereinandergelegt, traditionelle Weihnachtsbrote als Symbol für die Dreifaltigkeit. Anschließend beginnt das wie in Polen, Bulgarien und einigen anderen osteuropäischen Ländern ebenfalls ein aus zwölf Gängen bestehendes Weihnachtsessen.

Diese kulinarische Weihnachtsreise könnte noch endlos fortgesetzt werden, denn jedes Land verfügt über seine eigenen Bräuche, Rituale und Gerichte, die in alten Traditionen wurzeln und denen neue hinzugefügt werden. Doch ganz gleich, in welche Himmelsrichtung man blickt, eines ist doch allen Weihnachten feiernden Ländern gemein: Das gemeinsame Essen ist der Mittelpunkt der häuslichen Feierlichkeiten. Es gibt Süßigkeiten und Kuchen, Fisch und Fleisch, Suppe und Brot, und so kann man sich in diesen Tagen guten Gewissens der Völlerei hingeben – und zwar europäisch-gemeinschaftlich.

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