Ein Rausch aus Farben und Düften

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Text: Norman Kietzmann


Seit 1992 gilt der Schlosspark von Chaumont-sur-Loire als erste Adresse für zeitgenössische Gartengestaltung. 24 Parzellen werden für das alljährliche Gartenfestival von interdisziplinären Teams gestaltet, denen nicht nur Landschaftsplaner und Botaniker angehören, sondern ebenso Architekten, Designer, Musiker oder Schriftsteller. Jardins des Sensations (Gärten der Empfindungen) lautet das diesjährige Festivalthema, das die Sinne zu umgarnen versucht.



Für den Wandel auf der Domaine de Chaumont-sur-Loire sorgt nicht nur eine wechselnde Auswahl der Gartengestalter, sondern ebenso die Bestimmung des Jurypräsidenten. Wurde das Festival 2012 vom Pariser 3-Sterne-Koch Alain Passard geleitet, der Gemüse und Nutzpflanzen gleichberechtigt neben Blumen zum Einsatz kommen ließ, übernahm in diesem Jahr Bernard Pivot die Leitung. Der 78-jährige gilt als Frankreichs bekanntester Literaturkritiker und sitzt in der zehnköpfigen Jury des Prix Goncourt, dem wichtigsten Preis für französischsprachige Literatur.

Wechselspiel der Sinne

Mit Jardins des Sensations (Gärten der Empfindungen), so seine Vorgabe, sollen die Sinne in einen Rausch aus Farben und Düften versetzt werden. Während das Festivalgelände in den vergangenen Jahren mit Anbruch der Dunkelheit geschlossen wurde, sorgen Gelder eines Sponsors aus der Lichtindustrie für eine Verlängerung der Öffnungszeiten. Zwischen zehn Uhr abends und Mitternacht können die Gärten im illumierten Zustand bewundert werden, der die Empfindungen von Farben, Formen und Schatten bewusst verändern soll.

Die Klänge sehen, die Farben hören lautet der Titel eines Gartens, den die Landschaftsgestalter Julie Aviron, Jérôme Levallard und Alice Gounet zusammen mit der Grafikerin und Farbexpertin Sarah Schrader umgesetzt haben. Ein Steg führt die Besucher über einen Teppich aus leuchtenden Blumen und Pflanzen hinweg. Aus einer Wasserfläche steigt Nebel empor und vermischt sich mit der optische Wahrnehmung zu einer atmosphärischen Wolke. Ganz am Ende des Stegs wartet ein geflochtener Kokon, in dem sich die Sinne beruhigen können, bevor sie beim Rückweg erneut in Aufruhr gebracht werden.

Duftende Glocken und kolossale Heuberge


Wie die Flora vor allem mit der Nase erkundet werden kann, zeigt der Schniefgarten des Architekten Anniethi sowie des Bildhauers Hervé Fourgeray. Um dem nach ihrer Meinung meist vernächlässigten aller menschlichen Sinnesorgane mehr Geltung verschaffen, platzierten sie sieben bewachsene „Glocken“ auf ihrer mit Kieselsteinen belegten Parzelle. Die Besucher erfahren den Garten nicht mit den Augen, sondern allein durch ihre Nase. Dazu müssen sie sich unter die Glocken stellen und können im Halbdunkel die Dürfe der lebenden Bouquets tief inhalieren.

Um die Wahrnehmung von Farben zu intensivieren, erweist sich die Reduktion der Formen als wirkungsvolles Mittel. So zieht der Bildhauer Robin Godde die Besucher in keinen mit Blumen prunkenden Garten, sondern türmt sieben große Strohballen mitten in seiner Parzelle auf. „Maler wie Claude Monet waren in der Lage, mit jedem Heuschober unsere Aufmerksamkeit auf flüchtige Momente zu lenken und Phänomene farblicher Vibrationen zu bemerken“, beschreibt der französische Künstler seinen Ansatz. Die Faszination von Strohballen liegt im Widerspruch ihrer kolossalen Formen, die sich aus unzähligen, feinen Halmen zusammensetzen. Ihre Wirkung erfolgt in zwei Richtungen: Während die Helligkeiten und Farben der Strohballen mit einfallendem Sonnenlicht leicht variieren, wirkt ihre monochrome Erscheinung wie ein begehbarer Filter, aus dem sich heraus die Farben der angrenzenden Vegetation beobachten lassen.

Begehbare Wasserflächen

Nachdem der chinesische Architekt und Pritzker-Preisträger Wang Shu 2012 seinen Jardin des Nuées qui s‘attardent als dauerhafte Arbeit auf dem Gut von Chaumont-sur-Loire realisieren durfte, folgte in diesem Jahr sein Landsmann Yu Kongjian. Der Pekinger Gartengestalter, der zugleich den Posten als Chefredakteur der Zeitschrift Landscape Architecture bekleidet, erhielt vom Festival-Komitee eine Carte Vert zur freien Gestaltung. Sein Garten ist eine quadratische Wasserfläche, über die sich ein Steg mit vier Windungen hinüberschlängelt. Die Passage von einer Uferseite zur nächsten wird durch hölzerne Stäbe akzentuiert, die mit ihrer knallroten Farbe wie tanzenden Flammen auf der Oberfläche des Wassers wirken.

Die zweite „grüne Karte“ wurde dem Pariser Designer Patrick Jouin zugesprochen. Anstatt in immaterielle, schwebender Farbwelten zu entführen, nähert er sich der Natur auf überaus bodenständige Weise. Seine aus Baumstämmen gefertigten Loungebänke und Sessel reichen über den rustikalen Charme von Holzfällerarbeiten zwar hinaus. Dennoch können auch sie eine gewisse Plumpheit nicht leugnen, da die Möglichkeiten des Materials weder auf konstruktivem, formalem oder gar funktionalem Wege ausgeschöpft wurden. Dass an dieser Stelle einer der meist beachteten französischen Möbelgestalter am Werk war, dessen 2010er Einzelausstellung im Pariser Centre Pompidou satte 350.000 Besucher anzog, ist nicht im Ansatz zu erkennen.

Gläserne Einblicke

Dennoch muss die Liaison aus Natur und Design nicht zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sein, wie Andrea Branzis Arbeit Recinto Sacro (zu deutsch: Heiliger Zaun) beweist. Der Mailänder Architekt, Theoretiker und einstiger Gründer der Avantgarde-Gruppe Archizoom bringt ein in der Gartengestaltung eher ungewöhnliches Material ins Spiel: Glas. Auf einem Grundstück etwas außerhalb der 24 Gartenparzellen der Festivalgeländes ersann er ein Zusammenspiel aus Chaos und Kontrolle: Ein runder, gläserner Zaun umschließt einen geschützten Garten, in dem sich die Vegetation frei entfalten kann.

Der Charme der Arbeit liegt in der Raffinesse ihrer Komponenten. Anstelle einer plumpen Glasmauer verwendet Branzi ein Geflecht aus transparenten, vertikalen Säulen, die von gewellten, horizontalen Paneelen umschlungen werden. Ihre Oberflächen zeigen einen alternierenden Verlauf zwischen transparent und transluzent, der einer konstruktiven Regel folgt: Während die Flächen zwischen den Säulen den Blick unscharf werden lassen, wirken die Überschneidungen aus Säulen und Paneelen transparent. Die Stellen, an denen der Zaun der höchsten statischen Belastung ausgesetzt ist, offenbaren die Natur auf unmittelbare Weise. Den grundlegenden Gedanken des Festival des Jardins bringt die Arbeit damit auf den Punkt: Der Garten wird nicht als romantischer Ausflug in eine unberührte Natur verklärt. Es ist der menschliche Eingriff, der die Schönheit der Vegetation zur Geltung bringt.

Festival International des Jardins
Chaumont-sur-Loire, noch bis 20. Oktober 2013

Mehr zum Thema Blüten in allen erdenklichen Formen finden Sie in unserem Frühlingsspecial.
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