Ein neues Leben für die Totgesagten

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Text: Jasmin Jouhar


Je kürzer die Vergangenheit zurückliegt, desto kritischer scheinen wir sie zu beurteilen. Während Gebäude aus den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts nach und nach Anerkennung finden und in die Denkmallisten aufgenommen werden und Vorkriegsbauten ohnehin über jeden Zweifel erhaben sind, tun wir uns mit der jüngeren Architektur schwer. Vor allem die späten Sechziger und Siebziger haben einen schlechten Ruf. Die Gebäude aus dieser Zeit gelten als grob und unansehnlich. Häufig fallen sie aus dem Rahmen des städtischen und menschlichen Maßstabs. Zudem verkraftet ihre Bausubstanz das fortschreitende Alter nur schlecht. Ihr Schicksal lautet daher oft: Abriss. Aber gerade bei den Geschäfts- und Gewerbeimmobilien ändert sich die Situation. Anstatt sie durch Neubauten zu ersetzen, werden sie revitalisiert, also zu neuem Leben erweckt.

Die Gründe für den Perspektivwechsel sind relativ einfach: Zum einen gibt es in einer Zeit, in der die Wirtschaft gar nicht oder nur wenig wächst, kaum Bedarf und nur wenig Spielraum für Neubauten. Und da die Altbauten nun mal bereits vorhanden sind, kann es wirtschaftlicher sein, sie zu sanieren anstatt neu zu bauen. Auch das Thema Nachhaltigkeit kann eine Rolle spielen, denn Vorhandenes weiter zu nutzen, schont die Ressourcen. Außerdem gibt es vergleichsweise viele Büro- und Geschäftsbauten aus dieser Zeit – allerdings genügen sie heute den technischen Anforderungen, etwa der mobilen Kommunikation, nicht mehr und werden zum Sanierungsfall. Oft passen auch die Grundrisse nicht mehr mit gegenwärtigen Arbeitsabläufen zusammen, denn die heutige Wissensarbeit ist flexibler, team-orientierter und zugleich individualisierter als noch vor dreißig Jahren. Großraumbüros beispielsweise sind ein ungeliebtes Erbe aus dieser Zeit und werden zuweilen zu Ladenhütern des Immobilienmarktes.

Außen alt, innen neu

Ein herausragendes Beispiel für ein zu neuem Leben erwecktes Gebäude ist das von Karl Schwanzer entworfene BMW-Hochhaus (1968-72) in München. Die Konzernzentrale des Autobauers wurde vom Hamburger Architekturbüro Schweger Associates von Grund auf saniert und auf den neusten Stand der Technik gebracht. Die äußere Gestalt des markanten Hochhauses mit dem kleeblattartigen Grundriss blieb dabei unangetastet – die Ikone, auch „Vierzylinder“ genannt, unterliegt als Denkmal einem besonderen Schutz. Aber innen gab es viel zu tun: Nicht nur die veraltete Haustechnik musste erneuert werden, auch die Büroräume wurden an die veränderte Arbeitswelt angepasst. Anfang der Siebziger saßen die Sekretärinnen und Sachbearbeiter im Großraumbüro an winzigen Schreibtischen mit Schreibmaschine, hölzernen Ablagekästen und Telefon. In einer Umfrage vor dem Umbau beklagten sich die Mitarbeiter vor allem über die akustische Situation in den offenen Etagen des Hochhauses. Sie fühlten sich durch Gespräche und herumgehende Kollegen gestört.

Gute Atmosphäre trotz offener Räume


Die Architekten beließen es zwar zum großen Teil bei den offenen Grundrissen, ordneten die neuen Arbeitsplätze aber sternförmig in den runden Räumen an. Auch fassten sie Treffpunkte, Besprechungsplätze, Garderobe und die übliche Technik für alle gut erreichbar in der Etagenmitte zusammen. So lassen sich die Laufwege bündeln und Störungen reduzieren. Die Architekten verzichteten zudem darauf, an den Arbeitsplätzen zusätzliche Stühle aufzustellen. Die Schreibtische sollen allein der konzentrierten Arbeit dienen. Schallabsorbierenden Schrankoberflächen und Sichtblenden tragen ihren Teil zu einer angenehmen Geräuschkulisse bei. Grünpflanzen und ein ausgeklügeltes System zur Tageslichtleitung verbessern ebenfalls die Atmosphäre in den offenen Etagen.

Auch der Eingangsbereich des Hochhauses wurde verändert. Die beiden vormals voneinander getrennten Foyerebenen sind jetzt verbunden – das Entree wirkt großzügig und hell. Die Zwischendecke wurde aufgebrochen und eine weit ausschwingende Treppe eingezogen. Der angrenzende Flachbau nahm ursprünglich das Rechenzentrum der Konzernzentrale auf. Dank des Fortschritts der Computertechnologie konnten diese Flächen besser genutzt werden: Dort findet sich heute ein weitläufiges Konferenzzentrum mit Besprechungsräumen in verschiedenen Größen und einem Saal.

Bestand im neuen Gewand

Die charakteristische Aluminiumfassade des Vierzylinders zeigt sich heute unverändert – ganz anders bei einem Sanierungsprojekt von Bolwin Wulf Architekten aus Berlin. Sie gestalteten beim Umbau des Sparkassengebäudes in Bad Reichenhall aus den Siebzigern auch das Äußere neu. So entfernten sie den alten, massiven Sonnenschutz und die zeittypische Verkleidung aus dunklem Metall. Die freigelegte Glasfassade verleiht dem Haus nun einen offenen, zeitgemäßen Charakter. Auch innen griffen die Architekten stark ein: Sie vereinfachten die Grundrisse und ordneten sie neu. Zwei verglaste Innenhöfe wurden in die Substanz eingeschnitten, um mehr Tageslicht in das Erdgeschoss zu bringen.
Viel Glas kommt auch in den Etagen zum Einsatz, etwa bei den Trennwänden der Büros. Besprechungsbereiche und Teeküchen bieten die Möglichkeit zu informellen Treffen und Austausch unter den Mitarbeitern. Besonders ins Auge fällt das Farbspektrum, das das Bild in der Kundenhalle und den Büroetagen prägt. Angelehnt an die natürlichen Farben des Salzes, dem wichtigsten Rohstoff der Region, leuchten Trennwände, Beschriftungen und die Möbel der Kundenhalle in Abstufungen von Rosa, Lila und Rot. Die Substanz der Sparkasse stammt zwar aus den siebziger Jahren, aber sowohl technisch als auch gestalterisch präsentiert sich das Haus fast wie ein Neubau – auf der Höhe der Zeit. Zugleich ist die Sanierung ein Musterbeispiel für Revitalisierung, die sich idealerweise nicht darauf beschränkt, das Gebäude zu unterhalten, sondern seinen Wert zu bewahren und sogar zu steigern.

Ein Raubein, schick gemacht


Das Umbauprojekt von Gus Wüstemann in Zürich ist ein eindeutiges Bekenntnis zu den rauen Qualitäten der Architektur der Sechziger und Siebziger. Für die Werbeagentur TBWA baute das Architekturbüro zwei Etagen in einem Geschäftshaus im Zürcher Seefeldquartier um. Von außen besticht das Gebäude mit dem ganz eigenen Charme einer Fassade aus Waschbetonplatten. Innen veredelte Wüstemann mit kleinem Budget die Räume zu unterkühlt-schicken Arbeitslofts. Die ursprüngliche Substanz des Gebäudes wurde freigelegt, etwa die rohen Betonwände, die dem Ganzen den industriellen Charakter verleihen. Die Akustikplatten an der Decke wurden lediglich weiß gestrichen. Die Böden aus weißem Polyurethan und mit Epoxidharz fixiertem Sand passen in das Bild der farblich gedeckt gehaltenen Räume. Die vielen und großen Fenster gewähren Ausblicke auf das quirlige Seefeldquartier und lassen Tageslicht in die Büros einfallen. Eine auffällige Zutat sind die Verkleidungen aus durchscheinenden Stegplatten: So ließ Wüstemann unliebsame Installationen an den Wänden und Decken verschwinden. Ebenso erging es den Heizkörpern. Die Stegplatten kamen auch als Raumtrenner und Wandverkleidung in den Bädern zum Einsatz. Dank der eingebauten Lichtquellen wirken die Verkleidungen schicker, als es die preisgünstigen Polycarbonatplatten eigentlich erwarten lassen und tragen ihren Teil zur coolen Arbeitsatmosphäre bei. Der Umbau ist mit seiner eigenwilligen Ästhetik sicher kein Maßstab für große Unternehmen, aber gerade in der Werbe- und Kreativbranche setzen die Verantwortlichen gern auf ungewöhnliche Gestaltungskonzepte, um sich vom Mainstream abzuheben und durch ein junges und experimentelles Image aufzufallen.


Buchtipps zum Thema:

Enrico Santifaller/Jürgen Engel/Michael Zimmermann (Hrsg.):
Transform. Zur Revitalisierung von Immobilien
Prestel Verlag, München 2008

Gerwin Zohlen (Hrsg):
Modernisierung einer Ikone. Die Revitalisierung des BMW Hochhauses in München
Niggli Verlag, Sulgen/Zürich 2008

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