Einfälle, Reinfälle, Ausfälle – Ambiente 2011

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Text: Claudia Simone Hoff, 16.02.2011

 
Alvar Aalto, Timo Sarpaneva, Kaj Franck, Wilhelm Wagenfeld – schlenderte der Design-Aficionado dieser Tage in Frankfurt über die Konsumgütermesse ambiente und hatte vor allem Neuheiten erwartet, rieb er sich womöglich verdutzt die Augen: allerorts wieder aufgelegte oder neu entdeckte Klassiker, die noch bis vor Kurzem in Unternehmensarchiven verstaubten. Und wenn es schon kein Klassiker war, mit dem ein Hersteller glänzen konnte, dann doch wenigstens mit einer imposanten Messestandgestaltung: Während Wedgwood mit funkelnden Kronleuchtern, historistischem Mobiliar und Perlenumhangenen Figurinen seine Porzellane mit Blümchendekor feierte, huldigte Rosenthal dem 50. Geburtstag seiner Studio-Line und der Porzellanhersteller Arzberg acht Jahrzehnten Form 1382.


Die Messehallen in Frankfurt waren mit knapp 4.400 Ausstellern – davon ein Drittel aus dem Inland – komplett ausgebucht, was die Bedeutung der ambiente als weltweit größte Konsumgütermesse unterstreicht. Neben den Messeschwerpunkten living und giving war es vor allem dining – die Leitmesse für den gedeckten Tisch, Küche und Hausrat –, die das Interesse des Designliebhabers weckte. Unter den hier ausstellenden 2.131 Unternehmen waren nicht nur renommierte Porzellan-, Glas- und Besteckhersteller wie Iittala, Orrefors, Stelton, Rosenthal, Arzberg, Kahla, WMF oder Fissler, sondern ebenso Elektrokleingerätehersteller wie Kitchenaid. „Wer soll das bloß alles kaufen?“ – zugegeben, diese Frage kam einem schon in den Sinn bei den Tausenden von Produkten, die am gestressten Besucherauge vorbeizogen. Die Chancen für den Verkauf derselbigen jedoch stehen gut, denn die „Konsumbremse ist gelöst“, konstatierte optimistisch Detlef Braun, seines Zeichen Geschäftsführer der Messe Frankfurt.

Aalto, Franck, Sarpaneva & Co.

Es darf also wieder gefeiert werden und bei einigen Herstellern stand die Messe dann auch ganz im Zeichen verschiedener Jubiläen. Iittala feiert in diesem Jahr gleich drei davon und da ist es kein Wunder, dass aus diesem Anlass eher geklotzt als gekleckert wird. Das Standkonzept wurde verändert und statt großflächiger Architektur die Produkte in kleinen, mit Stellwänden abgetrennten Räumen präsentiert – quasi wie zuhause. 130 Jahre wird der finnische Hersteller in diesem Jahr alt und feiert den 100. Geburtstag von Kaj Franck mit einigen Neuheiten des wohl wichtigsten Protagonisten des Unternehmens. So wurden nicht nur dessen zarte mundgeblasene Gläser der Serie Kartio neu aufgelegt, sondern mit den Keramik-Vorratsdosen Parnukka auch die fünfziger Jahre wieder auferweckt. Die konischen, multifunktional einsetzbaren Deckeldosen sind in zwei Größen und sechs verschiedenen Farben zu haben.

Denkt man an Kaj Franck, dann unweigerlich auch an einen anderen Großen des finnischen Designs: Alvar Aalto. Zum 75-jährigen Bestehen der Alvar-Alto-Kollektion von Iittala gibt es die berühmte, organisch geformte Vase Savoy nun auch im Miniaturformat zu kaufen. Ebenfalls der Glaskunst huldigt Iittala mit einer Serie von Glasobjekten namens Claritas. Mit Verkaufspreisen zwischen 900 und 1500 Euro zwar nicht für jeden Geldbeutel geeignet, können die Entwürfe des Glaskünstlers Timo Sarpaneva jedoch erst heute technisch kongenial umgesetzt und eine größtmögliche Blase im Inneren eines Glasobjekts hergestellt werden.

Von Artefakten und Country Style

Hersteller im obersten Segment dürfen sich freuen: Wie Befragungen ergeben haben, sind fast 90 Prozent der deutschen Verbraucher bereit, für qualitativ hochwertige Produkte wieder mehr Geld auszugeben. Fündig werden konnte der solvente Käufer in Halle 4.1. Dort präsentierte die bayerische Kristallmanufaktur Theresienthal mit der auf 50 Stück limitierten Glasserie no sweets without sweat von Christian Haas ein veritables Artefakt, während die Porzellanmanufaktur Fürstenberg neben der bereits auf der Pariser Messe Maison & Objet vorgestellten Vasenkollektion Solitaire mit einem Fund aus dem Unternehmensarchiv auftrumpfte: einer schlicht-weißen Porzellanserie von Wilhelm Wagenfeld mitsamt Butterdose, Frühstücksbrett und verschiedenen Dosen.
 
Selbst wenn die deutschen Hersteller führend sind bei der Herstellung von qualitätvollem, hochwertigen Porzellan, gab es auch einige ausländische Hersteller, die mit ihren Arbeiten positiv auffielen. Der englische Traditionshersteller Wedgwood punktete mit einer Standgestaltung, die auf wunderbare Weise die verspielten Dekore der ausgestellten Porzellanservice hervorhob. Einige neue Entwürfe gab es dort auch zu sehen: ein rustikales, in Nude-Tönen gehaltenes Porzellanservice der Modedesignerin Vera Wang und zwei Kreationen von Jasper Conran: die Essservice Kilim und Mosaic. Der portugiesische Hersteller Vista Alegre stellte die asiatisch inspirierte Linie Silk Road mit Bestandteilen aus Porzellan und Glas vor, für die der deutsche Designer Carsten Gollnick verantwortlich zeichnet.

Einerseits puristisch wie in diesem Fall, andererseits verspielt und in die Nähe des Country Styles rückend – so könnte man zwei gegenläufige Trends beschreiben, die auf der ambiente bei verschiedenen Herstellern zu beobachten waren. Villeroy & Boch, wie im Vorjahr mit einem riesigen Stand in Frankfurt vertreten, setzt ganz auf einen reduzierten Country Look und präsentierte das neue Porzellanservice Farmhouse Touch. Entworfen von Stefanie Hering, die übrigens mit ihrem eigenen Unternehmen Hering Berlin lieber auf der Maison & Objet als auf der ambiente ausstellte, ist Farmhouse Touch sowohl im Indoor- als auch im Outdoor-Bereich einsetzbar und mutet fast wie handgefertigt an.
 
Habenwollen oder Konsumverzicht?
 
Emotional ansprechende Produkte wie dieses Porzellanservice sind groß im Kommen und da darf es ruhig auch einmal etwas kostspieliger sein. Der Konsument besinnt sich wieder auf das Wesentliche, achtet auf Qualität und interessiert sich für das Thema Nachhaltigkeit. Zwar spielt für viele Hersteller Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle – zumindest in der marketinggesteuerten Kommunikation –, doch beim Durchstreifen der riesigen Messehallen mit dem schier unerschöpflichen Angebot, fällt es einem wie Schuppen von den Augen: All diese Dinge werden produziert und sollen demnächst in unseren Küchen und Wohnzimmern stehen. Nachhaltigkeit hingegen ist gegeben, wenn ein Produkt lange hält und gestalterisch auch nach Jahren noch überzeugt. Solch ein Klassiker ist die von Erik Magnussen in den siebziger Jahren entworfene Thermoskanne für Stelton – dieses Jahr erhältlich in etwas gewöhnungsbedürftigen Pastelltönen wie Rosa oder Lindgrün. Der dänische Hersteller präsentierte auf der ambiente auch ein Messerset namens Pure Black. Es ist aus einem einzigen Stück Chromnickel-Edelstahl mit schwarzem Soft-Überzug gefertigt und zeichnet sich durch einen fließenden Übergang vom Griff zur Klinge aus. Ähnlich durchdacht und funktional gestaltet sind die Lunchbox von Tools Design für Eva Solo und die Pfeffer- und Salzmühlen Bottle Grinder von Menu. Der dänische Designer Jakob Wagner hat sich eine Flasche als Vorbild genommen und die Mühlen zudem mit einem leistungsfähigen Mahlwerk ausgestattet.
 
Flops und Highlights

Neben den skandinavischen waren auch die italienischen Hersteller mit 326 Partizipierenden gut vertreten. Beim Design-Tausendsassa Alessi war entgegen der hochgesteckten Erwartungen neben dem Espressokocher Moka Alessi von Alessandro Mendini – den der Hersteller bereits letztes Jahr in der Ausstellung Oggetti e Progetti in München als Prototypen vorgestellt hatte – sowie der minimalistisch anmutenden Topfserie Shiba von Naoto Fukasawa jedoch eher Enttäuschendes zu sehen. Insbesondere das Tafelservice Dressed von Marcel Wanders wirkt mit den üppigen Verzierungen etwas unbeholfen und kommt in Qualität und Ausführung nicht heran an Patricias Urquiolas Entwurf Landscape für Rosenthal, an den man beim Betrachten unweigerlich denken muss.

Apropos Rosenthal: Der vom italienischen Unternehmen Sambonet übernommene Hersteller fokussierte mit seinem Messestand ganz auf den 50-jährigen Geburtstag der legendären Studio-Line. Lange bevor Design en vogue war, arbeitete man in Selb mit zeitgenössischen Designern zusammen und schuf Produkte mit einem hohen Gestaltungsanspruch. Dies bedeutete Anfang der sechziger Jahre nichts Geringeres als einen radikalen Bruch mit der traditionellen Porzellangestaltung. Rosenthal hat nun 50 Vasen der letzten fünfzig Jahre neu aufgelegt, um damit Vielfalt und Innovationskraft der Linie widerzuspiegeln. Und dabei wird eines deutlich: Auch heute noch überzeugen die Entwürfe von Tapio Wirkkala, Timo Sarpaneva oder Jasper Morrison – um nur ein paar der insgesamt 150 Künstler zu nennen, die an der Studio-Line mitgewirkt haben. Zwei aktuelle Entwürfe stammen übrigens von Christophe de la Fontaine: eine Vase und das Porzellanservice Format.
 
Wenn der Hobbykoch zum Profi wird
 
Das Paradies auf Küchenerden erwartete den Hobbykoch in Halle 3 mit Koch-, Brat- und Backgeschirr, Besteck und Schneidewaren in allen möglichen Funktionen, Farben, Formen und Materialien von Herstellern wie WMF, Alfi, Le Creuset, Silit, Tefal oder Zwilling. Auffällig war die große Auswahl an Schneidwaren, was noch unterstrichen wurde durch die Sonderschau „Faszination Messer“ des Deutschen Klingenmuseums Solingen im Foyer der Halle 4.1. Farbe spielt nicht mehr nur bei den Porzellandekoren – hier sei die technisch innovative, farbige Innenglasur der im letzten Jahr präsentierten Serie Papyrus von Rosenthal erwähnt – sowie bei Glaswaren eine herausragende Rolle, sondern ist nun auch beim Messer Trumpf. Der Schweizer Hersteller Kuhn Rikon beispielsweise präsentierte eine Serie von Antihaft-Rüstmessern namens Colori, die in Gelb, Lila, Rot, Grün, Acqua, Blau, Silber oder Schwarz daherkommen. Beim österreichischen Topfhersteller Riess entdeckten wir die neue Farbvariante Hellgrau bei den wunderbar geformten Emailletöpfen Aroma Pots und beim italienischen Hersteller Lagostina den fast 300 Euro teuren Risotto-Kocher Risottiera. Dieser ist mit einem Deckel aus der ungewöhnlichen Materialkombination Edelstahl/ Kirschbaumholz versehen und hält das Reisgericht länger warm. Zudem kann er gleichzeitig als Topfuntersetzer genutzt werden.

Neben Risotto ist Pasta der kulinarische Klassiker aus Italien schlechthin. Und sodann stellte der deutsche Hersteller Silit mit Vitaliano einen Pastatopf vor, der mittels eines speziell konstruierten Siebs dem Überkochen des Nudelwassers endgültig den Garaus macht. Und der italienische Hersteller Serafino Zani hat einen Coup gelandet und mit Subito von Konstantin Grcic einen Schnellkochtopf lanciert, der auch höchsten Designansprüchen gerecht wird. Gefertigt aus Edelstahl, verfügt dieser neben zwei Ventilen über einen einfach zu bedienenden Bajonettverschluss.

Wie jedes Jahr wurde auf der ambiente der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland vergeben. Je eine Auszeichnung in Silber erhielten der faltbare Seiher von Thomas Amann für Rösle, die Salatschleuder von Tools Design für Eva Solo, der Bürostuhl On vom Designbüro Wiege für Wilkhahn sowie das Waschbecken von Patricia Urquiola für Axor/ Hansgrohe. Für ein Schmunzeln indes sorgte zwischen all den ambitionierten Preisen, technischen Innovationen, erhabenen Klassikern und angestrengten Designbemühungen ein auf den ersten Blick eher unscheinbares Produkt namens Funnel Friends. Das weiße Trichter-Set, das sich Roger Arquer für Royal VKB ausgedacht hat, bringt eine Prise Humor und vielleicht auch ein paar Aaaahs und Oooohs in den Alltag: Wie eine putzige Entenfamilie gestaltet, warten die verschieden großen Kunststofftrichter auf ihren Einsatz in der Küche. Und sicherlich nicht nur Konrad Lorenz hätte seine Freude daran gehabt.

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