Eleganz auf dem Wasser: 175 Jahre Riva

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Text: Norman Kietzmann, 15.08.2017

Am Iseosee in Norditalien gibt es gleich doppelten Grund zum Feiern: Vor 175 Jahren wurde dort die Bootswerft Riva gegründet, die in den Fünfzigern mit ihren schlanken Mahagoni-Flitzern zum Inbegriff des Dolce Vita avancierte. Auf eine Schnapszahl blickt indes die berühmteste Baureihe zurück: Die vor 55 Jahren vorgestellte Aquarama, die bis heute sämtliche Riva-Kreationen beeinflusst – sogar die, die längst in hochseetaugliche Dimensionen vordringen.

Es gab einen lauten Knall. Dann noch einen und noch einen. Immer wieder zitterten die Fensterscheiben des Fürstenpalastes in Monaco, als würden sie jeden Moment in tausend Stücke zerspringen. Der Auslöser für die Erschütterungen lag direkt am Fuße des Grimaldi-Felsens an der Südflanke des Port Hercule. Dort ließ der Bootshersteller Riva einen Tunnel in den Berg sprengen, um fortan bis zu 100 Mahagoni-Preziosen in den Wintermonaten einzulagern.

Die Erlaubnis für die Bauarbeiten kam von Fürst Rainier III. persönlich. Er besaß ein Boot aus der Tritone-Serie, die Riva in den frühen Fünfzigerjahren produzierte. Schon damals waren Liegeplätze in Monte Carlo Mangelware und so wandte er sich 1958 an Carlo Riva für eine Lösung des Problems. Der italienische Bootsbauer installierte daraufhin mehrere Ponton-Reihen im Hafenbecken, aus denen 1959 der Monaco Boat Service hervorging. Bis heute ist dort die höchste Dichte an Riva-Booten zu finden, die im mondänen Fürstentum alsbald zum unerlässlichen Wasserspielzeug avancierten.

Wellenrausch im Breitbandformat 
Den Grund dafür lieferte das zweimotorige Modell Aquarama, das 1962 von Carlo Riva entworfen und entwickelt wurde. Mit seinem schlank zulaufenden Heck, seiner rotbraunen Mahagoni-Beplankung sowie seinem gepolsterten Sonnendeck galt das Boot als schwimmendes Pendant zum fast zeitgleich vorgestellten Jaguar E-Type. Der Name Aquarama ist übrigens ein Verweis auf die schmale, durchgehende Windschutzscheibe, die an das in den Fünfzigerjahren eingeführte Breitband-Kinoformat Cinerama erinnert und dem Boot eine elegante wie sportive Erscheinung gleichermaßen verleiht.

Riva Ariston, 1950, Foto: Riva

Jetset auf dem Wasser 
Sean Connery, Gunter Sachs, Elizabeth Taylor, Ingrid Bergman und Jean-Paul Belmondo: Sie alle besaßen eine Aquarama und jagten mit ihr über die Wellen zwischen St. Tropez und Portofino. Dass der Jetset kaum widerstehen konnte, lag nicht nur an der Unterstützung durch Fürst Rainier III., sondern an einem kaum minder einflussreicheren Fürsprecher: Gianni Agnelli. Als Carlo Riva den Prototypen der Aquarama im Sommer 1962 in Monaco testete, wurde der Fiat-Boss aufmerksam. Er fragte, ob er das Boot fahren dürfe und drehte mit voller Geschwindigkeit seine Runden um den Grimaldi-Felsen. Im Anschluss legte nicht nur er sich ein Modell zu, sondern auch fast alle seiner berühmten Freunde.

Von der Werkstatt zum Rennstall
Die Aquarama gab dem Unternehmen Riva, das 1842 in Sarnico am Iseosee gegründet wurde, eine neue Richtung. Pietro Riva, der Urgroßvater von Carlo Riva, reparierte anfangs in seiner Werkstatt lediglich die Holzboote der Fischer. Erst sein Sohn Ernesto begann mit der Konstruktion von Ruder- und Segelbooten für den Warentransport, bis sein Enkel Serafino in sportliche Gefilde vordrang. Er baute die ersten Motorboote unter dem Namen Riva und gewann mit ihnen in den Zwanziger- und Dreißigerjahren zahlreiche internationale Rennen. In der Sportwelt war die kleine Werft danach zwar ein Begriff. Doch erst als Serafinos Sohn Carlo die Fertigung von Einzelstücken zu Serienmodellen umstellte, avancierte Riva zur erkennbaren Marke.

Schwimmendes Rassepferd
Die erste Modellreihe hieß AR und wurde von 1946 bis 1955 produziert. Ab 1953 wurde sie in den griffigeren Namen Corsaro umbenannt. Der Rumpf aus Honduras-Mahagoni-Holz nahm bereits die Konturen der späteren Riva-Modelle vorweg. Jedoch war das 4,8 Meter lange Boot mit lediglich einer Sitzreihe und fehlender Liegefläche noch klar als Rennboot ausgelegt. Um ein Sonnenbad zu nehmen, musste eine Matte auf der gewölbten Motorhaube ausgebreitet werden – was auf Dauer wenig Komfort versprach. Das 1950 vorgestellte Modell Ariston beschrieb Carlo Riva als „ein reines, starkes Rassepferd, mein Lord of the Sea“. Es war der Prototyp für alle folgenden Riva-Boote, das mit 6,8 Metern Länge genügend Platz für eine zweite Sitzreihe bot. Die Tritone-Baureihe (1950–1966) wuchs auf stattliche acht Meter an und war als erste Riva mit zwei Motoren ausgestattet. 

Platz an der Sonne 
Eine geschützte Liegefläche kam erst mit der Baureihe Sebino (1952–1957) in Serie, die mit schnellen V8-Motorn der amerikanischen Werft Chris Craft ausgestattet war. Carlo Riva stellte mit diesem Modell auf wirkliche Serienproduktion um und ökonomisierte die einzelnen Arbeitsschritte. Zum Erfolgsschlager wurde das etwas längere Nachfolgermodell Florida (1952–1964), von dem auch Brigitte Bardot ein Exemplar erwarb und dieses Nounours (zu deutsch: Teddybär) taufte. Kultstatus erhielt das Modell Aquarama, das in vier Baureihen in den Jahren 1962 bis 1996 gebaut wurde. Gut erhaltene Modelle sind heute in Sammlerkreisen heiß begehrt und schlagen mit 500.000 Euro oder mehr zu Buche.

Wandelnde Besitzer  
Den Anstoß für diesen Preisanstieg liefert ein Richtungswechsel in den Neunzigerjahren, als vielen Kunden der Pflegeaufwand der Mahagoni-Flitzer einfach zu hoch war. Das Nachfolgemodell der Aquarama heißt Aquariva und wird aus Kunststoff gefertigt. Mahagoni-Planken auf dem Deck versuchen das Feeling der frühen Boote zwar aufzugreifen. Doch Holz- und Kunststoffboote spielen einfach nicht in derselben Liga. Ein weiterer Grund für die Materialumstellung lag an den veränderten Besitzverhältnissen. 1969 hatte Carlo Riva die Werft an die amerikanische Whittaker Corporation verkauft, die auf die Fertigung von Fiberglasbooten spezialisiert war. In den Neunzigerjahren wurde Riva von der Vickers Group übernommen, der damals auch Rolls-Royce gehörte, bevor die Werft in den 2000er-Jahren zur Ferretti-Gruppe überging.

Riva 56' Rivale, 2017, Foto: Riva

Vom See ans Meer 
Sämtliche Riva-Boote wurden zwischen 1970 und 1996 von Chefdesigner Giorgio Barilani gezeichnet. Danach übernahm Mauro Micheli vom Büro Officina Italiana Design die Leitung und entwirft bis heute alle Riva-Modelle. Eine Veränderung fand seitdem nicht nur in der Materialität, sondern ebenso in den Dimensionen statt. Die derzeitigen Modelle 63’ Virtus (19,2 Meter), 76’ Bahamas (23,2 Meter) und 88’Florida (26,8 Meter, mit verschließbarem Deck) sind doppelt bis dreimal so lang wie die Aquarama, wenngleich deren Silhouette noch immer als klar erkennbare Stilvorgabe dient. „Wir wollen die Eleganz der kleinen Rivas auf die großen übertragen“, bringt Mauro Micheli seinen Ansatz auf den Punkt. Um noch größere Boote produzieren zu können, ist 2004 eine zweite Werft in La Spezia eröffnet worden, die anders als der Stammsitz in Sarnico direkt am Meer liegt und aufwändige Überlandtransporte überflüssig macht. 

Dreifaches Jubiläum 
Anlässlich des 175. Firmenjubiläums sind nun zwei neue Modelle vorgestellt worden: Die 56’ Rivale (17,27 Meter) ist nicht nur mit einer im Heck versteckten Garage für ein Williams-325-Schlauchboot ausgestattet. Die hintere Schwimmplattform kann zum Baden unter Wasser abgesenkt werden und gibt eine in den Rumpf eingelassene Leiter frei – um den Ein- und Ausstieg ins Wasser noch angenehmer zu machen. Deutlich großzügiger ist die 29,9 Meter lange 100’ Corsaro, die über eine „fliegende“ Brücke, drei Decks und acht Kabinen verfügt und Platz für 20 Personen bietet. Wohnzimmer und Essbereich auf dem Oberdeck öffnen sich mit breiten, umlaufenden Panoramafenstern, um das Meer selbst beim Lümmeln auf dem Sofa erlebbar zu machen. 

Hoch hinaus 
Noch im Herbst soll das dritte Jubiläumsmodell Riva 110’  (33,52 Meter) vorgestellt werden, bei dem die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum sich weiter auflösen. „Nicht alle Boote können Ikonen werden. Vielleicht ist es leichter für kleine Modelle. Das ist dasselbe wie bei der Kelly Bag, die zur Ikone von Hermès wurde. Dennoch ist es wichtig, dass man auch bei größeren Baureihen dieselbe Qualität und denselben Touch fühlen kann wie bei den kompakten Modellen“, meint Mauro Micheli. Auch wenn der Markt längst nach deutlich muskelbepackteren Booten als einer Aquarama verlangt: Die lässige Eleganz, die der im April 2017 verstorbene Carlo Riva aufs Wasser gebracht hat, wird auch die Zukunft die Messlatte jeder neuen Riva sein.

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