Elmgreen & Dragset: The Whitechapel Pool

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Text: Stephan Burkoff, 17.10.2018

Der Pool und die Kunst pflegen eine besondere Beziehung. Mit ihrer aktuellen Installation verwandeln Michael Elmgreen und Ingar Dragset die Räume der White Chapel Gallery in London in ein verlassenes Schwimmbad, das demnächst renoviert werden soll. Das Künstlerduo setzt damit einen dramaturgisch durchdachten Kommentar zur Gentrifizierung. Über eine Ausstellung, die verstörend betörend ist.

Michael Elmgreen und Ingar Dragset arbeiten seit über zwanzig Jahren an Raumszenarien, mit denen sie soziale, zwischenmenschliche und politische Machtstrukturen erforschen. In ihren oftmals subtilen Arbeiten treten Spannungen dort zu Tage, wo sie in scheinbar alltägliche Elemente eingebettet sind. Mit ihren Installationen verwandelt das Künstlerduo Räume in Metaphern individueller Wünsche und kollektiver Identitäten.



Für ihre aktuelle Ausstellung This Is How We Bite Our Tongue in der Whitechapel Gallery in London haben die beiden Wahlberliner einen Pool gebaut. Er ist trocken und verwittert, Trümmer und Laub liegen herum, Fliesen sind gesprungen. Der verlassene Pool soll die fiktionale Geschichte von Aufstieg und Fall eines Schwimmbads erzählen. Demnach wurde The Whitechapel Pool im Jahr 1901 als philanthropische Idee gegründet, 1953 renoviert und seit Jahrzehnten täglich von Bewohnern des Viertels Aldgate genutzt. Es ist angeblich der Ort, an dem der Künstler David Hockney seine ersten Zeichnungen von der Wasseroberfläche eines Schwimmbeckens zeichnete. Die Inszenierung der Künstler erzählt, wie das Bad während des Thatcherismus seine Finanzierung einbüßte, schließen musste und schließlich 2016 während Boris Johnsons letztem Jahr als Bürgermeister von London an einen Entwickler verkauft wurde. Als nächstes soll der Pool renoviert werden, um das wichtigste Feature eines neuen Luxushotels zu werden. Zusammengefasst ist das Ausstellungsprojekt als Gentrifizierungskritik zu verstehen. Elmgreen & Dragset beziehen im Pressestatement klar Position. „East London erlebte in den letzten zehn Jahren eine intensive Gentrifizierung. Bars, in denen Künstler einst geschlossene Künstlerateliers trafen, wurden in luxuriöse Loft-Apartments umgewandelt. Zur gleichen Zeit erlebten die ärmeren Bezirke die Auswirkungen der Sparpolitik.“

Elmgreen & Dragset, The Whitechapel Pool, 2018, Installationsansicht, Courtesy of Whitechapel Gallery, Foto: Doug Peters


Im Obergeschoss zeigen Leinwände die Namen und Ausmaße bekannter Kunstwerke, nicht aber die Kunst selbst. Dazu Figürliches: Ein Baby in einem Korb wurde vor einen Geldautomaten geworfen, ein kleines Kind starrt auf ein gerahmtes Gewehr, ein schwangeres Dienstmädchen (ebenfalls ein wiederkehrendes Bild in der Elmgreen & Dragsets Arbeit) wacht über ein Kind, das sich in einem Kamin versteckt. „Unser verlassenes Schwimmbad bezieht sich auf diese Metamorphose der lokalen Gemeinschaften. Es ist auch ein sentimentales Bild von schmerzhaften Übergängen im Allgemeinen – die Verschiebung von Werten – und wie es als Mensch und Bürger schwierig sein kann, sich auf solche Herausforderungen einzustellen“, erklären die Künstler ihr Konzept.

This Is How We Bite Our Tongue ist ein facettenreicher Überblick über das Werk von Elmgreen & Dragset kombiniert mit einer groß angelegten ortsspezifischen Installation, die insgesamt sehr direkt den Finger in die Wunde vieler Metropolen legt. Nicht nur für Architekten ein Grund für eine Londonreise.

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