Ettore Sottsass – Veteran der Avantgarde

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Text: Franziska Horn

„Es gibt keine Grenzen zwischen Architektur, Skulptur, Design und Malerei“, hat Ettore Sottsass, Zentralfigur des italienischen Designs, einmal gesagt. Und sich ein Leben lang erfolgreich an diese Devise gehalten. Diesem Leben widmet das Design Museum London nun eine Ausstellung. „Ettore Sottsass – A Life in design“ zeigt ab dem 29. März die wichtigsten Entwürfe aus einem halben Jahrhundert Krea(k)tivität. Der Anlass: Am 14. September feiert der Grenzgänger und Aktivist der Memphis-Bewegung seinen 90. Geburtstag.
Dass die Exponate der Ausstellung zugleich wie eine Chronik italienischen Designs anmuten, ist kein Zufall. Der Architekt und Stadtplaner, Kurator, Künstler, Industrie- und Möbeldesigner prägte seine Epoche wie kaum ein anderer, über fünf Jahrzehnte gaben die Entwürfe des vieldiskutierten Designers und Memphis-Mitbegründers den Ton an. Als Gestalter von Büro-Einrichtungen verstand er es, Schubladen – nebst Drumherum – zu entwerfen, doch stecken wollte er selbst in keiner. Sottsass schaffte immer wieder den Spagat zwischen Kunst und Industrie und startete gezielt Angriffe auf den sogenannten guten Geschmack, das Bel Design, seiner Zeit. Dahinter steckte eine schlüssige Philosophie: „Design sollte nicht nur funktionell sein, sondern zudem sinnlich und aufregend. Es ist eine Art und Weise, sich mit seiner Existenz auseinander zu setzen, und wenn man etwas über Design weitergeben will, muss man etwas über das Leben weitergeben.“ Für seine Arbeit bedeutete dies, Regeln zu brechen, Traditionen zu hinterfragen und mit Materialien ebenso unbefangen wie mit Proportionen oder Leitsätzen zu experimentieren.
Kreation und Karriere
1917 in Innsbruck geboren, geht Sottsass nach Turin, um dort 1939 sein Studium am Politechnikum abzuschließen. Nach Ende des Kriegsdiensts – „reine Zeitverschwendung“ kommentiert er später – steigt er ins Architekturbüro des Vaters ein, der zu den Protagonisten des Rationalismus zählt. „Form follows function“ lautet (nicht nur) hier die Devise. Nicht lange. Zu Beginn der 50er gründet Ettore junior ein Studio in Mailand und geht eigene Wege. Er beschäftigt sich mit Keramik, Glas, Malerei, Schmuck-, Möbel- und Industriedesign, gestaltet Büro-Einrichtungen und Ausstellungen. Als künstlerischer Leiter der Firma Poltronova bei Florenz entwirft er Leuchten und Möbel, darunter die „Superbox“-Schränke und experimentiert erstmals mit Fiberglas. Bis der Industrie-Konzern Olivetti ihn 1958 als Chefberater für Büromöbel engagiert: Mit dem Großcomputer „Elea 9003“ gestaltet er die Anfänge des Computer-Zeitalters in Europa. Es folgen Ikonen seiner Karriere: die Schreibmaschinen „Tekne 3“ von 1964, „Lettera de Luxe“ von 1965 und 1969 zusammen mit Perry A. King die Kofferschreibmaschine „Valentine“, welche als Must-have der Pop-Generation in den Design-Olymp, das MoMA in New York, aufsteigt. Später distanziert sich der Avantgardist von Valentine, findet sie „zu offensichtlich, wie ein Mädchen mit zu kurzem Rock und zu viel Make-up“.
Alchimie und Anarchie
Neben den Objekten selbst ist es die Auseinandersetzung mit Design, die ihn interessiert: Er fotografiert, schreibt für das Architekturmagazin Domus und gründet 1973 die alternative Designschule „Global Tools“, ein Labor für freies Experimentieren. Mitte der 70er Jahre initiiert er zusammen mit Alessandro Mendini, Michele de Lucchi und Andrea Branzi das Studio Alchimia, das gegen zu formal gedachtes Design antritt. Dann der Durchbruch: Mit Jungdesignern wie Matteo Thun und Aldo Cibic hebt er 1981 die Design-Kollektive Memphis aus der Taufe. Schon das Eröffnungs-Event auf der Mailänder Messe gerät zur Mega-Party. Ihr Name ist Programm: So, wie Memphis gleichzeitig für die ägyptische Stadt der Könige als auch für Elvis Presley’s Wohnhaus in Texas steht, mischt man Hehres und Triviales, mixt knallige Farben, Kitsch-Motive aus der Alltagskultur und billige Materialien mit dem berüchtigten Bacterio-Dekor. Berühmtester Vertreter ist das mit Laminaten beklebte Regal „Carlton“. Die Botschaft von Memphis kommt sofort an. Sie ist Anti: ein Affront gegen den guten Geschmack, gegen das Möbel als Prestige-Objekt und gegen die Gültigkeit bestehender Regeln. Ab sofort gilt ihr Anführer als Mentor des Anti-Design. Das Aufsehen, das Memphis in den Massenmedien erregt, bedeutet internationalen Erfolg, doch der Hype missfällt dem Design-Anarchist. 1988 wendet er sich ab und kehrt zur 1981 gegründeten Profi-Truppe SottsassAssociati zurück, dem der Industriedesigner James Irvine und die Architektin Johanna Grawunder angehören. Trotz dieser Abkehr bleibt sein Name eng mit der Epoche der Postmoderne verbunden, die für einen spielerischen Umgang mit Design und Architektur steht und das Stilverständnis der 80er Jahre prägte. SottsassAssociati kreieren Privathäuser, öffentliche Bauten wie den Malpensa Airport in Mailand und arbeiten in den Bereichen Architektur, Grafik- und Industriedesign. Die Kundenliste des Büros entspricht dem Who-is-Who der internationalen Konsumgüterindustrie: von A wie Apple über Alessi, Coca-Cola, Cassina, Mitsubishi und Olivetti bis Z wie Zumtobel. Viele dieser Designs mutierten zu Klassikern, die bis heute unser alltägliches Leben als auch die Sortimente hochwertiger Design-Labels bereichern. Wer die Bandbreite und Tragweite der Ideen von Ettore Sottsass persönlich erleben will, tritt mit der Reise zur Londoner Ausstellung zugleich eine Reise in den Fundus der Designgeschichte an.
Ausstellung: “Ettore Sottsass – A Life in design”, 29. März bis 10. Juni 2007
Design Museum London, Shad Thames, London SE1 2YD.

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