Eurocucina 2014: Meine Küche ist eine Insel

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Text: Claudia Simone Hoff

Mailand war gut gerüstet für den Küchen-Marathon. Die Hersteller hatten auf der Küchenmöbelmesse Eurocucina und in den Showrooms der Stadt alles aufgefahren, was möglich war: meterlange Kücheninseln, faustdicke Arbeitsplatten aus Marmor, Smart Kitchens, elektrisch versenkbare Holztische, nanotechnologisch gefertigte Oberflächen, gläserne Downdraft-Dunstabzugshauben und Gewächshäuser im Miniaturformat. Dennoch wurde eines deutlich: Die Küche lässt sich nicht neu erfinden.

Wer in diesem Jahr zum Salone del Mobile nach Mailand gefahren ist, um jede Menge Küchenmöbel-Neuheiten zu sehen, wurde enttäuscht. Es waren vor allem technisch avancierte Materialien, Oberflächen und Smart-Home-Features, mit denen die Hersteller aufwarteten. Über einen Trend scheinen sich jedoch alle einig zu sein: Die Küche ist das neue Wohnzimmer. Dass dieses Gestaltungsdogma nicht unbedingt nur damit zu tun hat, dass eine Wohnküche gemütlicher und kommunikativer ist, schwant dem aufgeklärten Konsumenten indes schon länger.

Die Küche als Schaltzentrale
Es geht den Herstellern und auch Designern beim Thema Wohnküche neben gestalterischen Fragen selbstredend vor allem ums Geschäft. Bleibt die Küche prestigeträchtiges Vorzeigeobjekt, so lässt sich damit viel Geld verdienen. Mit ausgeklügeltem Design, kostspieligen Materialien und technischen Features. Das wurde spätestens vor sieben Jahren klar, als Porsche zusammen mit Poggenpohl mit dem Modell P`7340 eine Küche speziell für den Mann lancierte – gestalterisch und preislich ganz auf den solventen Sportwagenfahrer zugeschnitten. Branding heißt auch heute das Gebot der Stunde. Und so prangten in Mailand wenig subtil Logos und Schriftzüge von Herstellern wie Arclinea, Leicht und Boffi auf Fronten, Griffen und Schubladen.

Weil sich die Küche in den Wohnraum ausweitet, darf so richtig Gas gegeben werden. Denn nicht nur vergrößert sich der vorhandene Raum für Küchenmöbel und Elektrogeräte. Auch ästhetisch setzt man alles auf eine Karte – mit individualisierbaren Oberflächen und Bedienelementen (gesehen bei Valcucine, Aster-Enrico Coveri, Miele), raumhohen Regalen, die als Raumtrenner und Bibliothek fungieren (gesehen bei Dada, Steininger, Ernestomeda), aufwändig gefertigten Zubereitungs- und Präsentationselementen (gesehen bei Bulthaup, Effeti, Minacciolo) oder Elektrogeräten, die entweder eins mit dem Wohnraum werden (gesehen bei Miele) oder als Eyecatcher dienen (gesehen bei La Cornue, Wolf, Minacciolo, Samsung, Elica).

Ich koche, also bin ich
Highlight jeder Wohnküche ist jedoch noch immer der Küchenblock, am liebsten mitten im Raum aufgestellt. Jeder Hersteller, der etwas auf sich hält, hat mindestens einen im Programm. Und der darf gern einmal 60.000 Euro oder mehr kosten. Doch dafür wird dem Küchenfan auch einiges geboten: Mal lässt sich die steinerne Arbeitsplatte komplett vor- und zurückschieben und verdeckt Herdplatte und Spülbecken (Dada/ Armani), mal ist die gesamte Kücheninsel nobel aus Marmor gefertigt (MK Cucine), mal ein ausgeklügeltes Aufbewahrungssystem in den Block eingelassen (Salinas von Patricia Urquiola für Boffi) oder er ist um einen Esstisch ergänzt, der ruckzuck in verschiedene Positionen gebracht werden kann (Soul von Giuseppe Barvuso für Ernestomeda). Neu ist, dass mehrere kleine Blöcke zusammengeschoben ein großes Ganzes ergeben. Steiniger zeigte mit Rock solch ein modulares System, das – gefertigt in der eigenen Manufaktur in Österreich und als Einzelmodul in Stein, Beton, Aluminium, Holz oder Melamin erhältlich – mindestens 12.000 Euro kostet. Pro Stück, versteht sich. Etwas günstiger dürften die neu vorgestellten Solitäre von Bulthaup sein, wenn auch sie sich ebenfalls im oberen Produktsegment bewegen. Während beim Vorbereitungselement noch ein praktischer Nutzen erkennbar ist – die dicke Holzplatte mit den ausziehbaren Schneidebrettern dient als zusätzliche Arbeitsfläche – scheint das gläserne Präsentationselement lediglich Distinktionsobjekt zu sein. Hier wird in einer gläsernen Schublade ausgestellt, was etwas hermacht in der Designerküche: handbemaltes Porzellan, Silberbesteck oder Kupferkochgeschirr. Wer gedacht hatte, mehr Luxus in der Küche ginge nicht, wurde beim bayerischen Hersteller eines Besseren belehrt. Im Showroom in der Via Durini drängten sich die Salone-Besucher um ein – Achtung! – Mülltrennungssystem. Das versteckt sich nicht mehr wie bisher verschämt hinter Schranktüren aus massivem Eichenholz, sondern kommt ganz offensiv daher: als rollbarer Container mit einer Oberfläche aus gebürstetem Aluminium.

Im Startblock
Man hatte es schon immer geahnt, doch spätestens hier wurde klar: Für Ottonormalverbraucher ist die Eurocucina nicht gedacht. Und so waren bis auf einige Ausnahmen auch nur wenige Massenhersteller auf die Mailänder Messe gekommen – darunter Elektrogerätehersteller wie Candy, Liebherr, Bosch, Neff und Siemens im Sonderausstellungsbereich FTK (Technology For the Kitchen), aber auch der größte europäische Küchenhersteller Nobilia, von dem immerhin jede dritte in Deutschland verkaufte Küche stammt. Auch Alno hatte sich nach den wirtschaftlichen Turbulenzen der letzten Jahre nach Mailand gewagt, auch wenn die gesunkenen Umsatzzahlen erneut Anlass zur Sorge geben. Am Messestand war von dieser Bedrohung allerdings nichts zu spüren, ganz im Gegenteil: Stolz wurde mit Alnoinox eine neue Marke des Unternehmens präsentiert. Küchenkennern unter dem Namen Forster Küchen bekannt, hat Alno den Schweizer Spezialisten für hochwertige Stahlküchen aufgekauft und drängt nun mit neuem Namen und frischen Produkten auf den internationalen Markt.

Ein Geburtstagskind als Zugpferd
Warum Alno so viele Hoffnungen auf das Material Edelstahl setzt, war auf höchstem Niveau bei Boffi zu sehen. Die von Piero Lissoni entworfene Küche Open Outdoor kann man getrost als eines der Highlights der diesjährigen Möbelmesse bezeichnen. Sehr clean, sehr kantig – um nicht zu sagen männlich, gibt sich das handwerklich perfekt gearbeitete Stück. Aufgelockert wird der geradlinige Küchenblock aus Edelstahl durch hölzerne Elemente und schön gestaltete Drehknöpfe. Der italienische Hersteller feiert dieses Jahr übrigens seinen 80. Geburtstag. Alles hatte mit einem simplen Küchenbuffet aus Holz begonnen, das zur Feier des Tages im Boffi-Showroom in der Via Solferino ausgestellt war. Vielleicht auch deshalb gab es gleich noch ein zweites neues Küchensystem zu bestaunen – entworfen von einer Frau: Patricia Urquiola. Deren Entwürfe stehen bekanntlich nicht in dem Ruf besonders minimalistisch zu sein. Und genau deshalb ist Salinas so interessant, fügt sich die Küche doch nicht so recht ein in das ewige Einerlei von geradlinigen Blöcken aus Edelstahl mit grifflosen Fronten und der zuweilen angestrengten Vermeidung jeglichen Schnickschnacks. Urquiola indes wildert ungehemmt in einer übervollen Stilkiste und fügt zusammen, was nicht unbedingt zusammengehört: Materialien, Farben, Formen. Das gefällt sicherlich nicht jedem, ist keineswegs zeitlos und vielleicht sogar modisch. Doch als Impulsgeber einer zuweilen gelangweilt wirkenden Küchenmöbelbranche ist Salinas mehr als willkommen.   

Piero Lissoni oder Design trifft Kunst
Und was war sonst noch zu sehen in Mailand? Neben praktischen Dingen für die Küche – wie ein Aufbewahrungscontainer von Cecilie Manz für Iittala, ein Glasset von Scholten & Baijings für Verreum und ein Brotbehälter von Andrea Berton für Kartell – glücklicherweise auch echte Kunst. Auch die war – typisch für Mailand, möchte man sagen – mit einem Schuss Design versehen. Bernardino Luino e i suoi figli heißt die Ausstellung im Palazzo Reale, für die sich Piero Lissoni ins Zeug gelegt hat. Begeistert vom Werk des Renaissancemalers erklärte der italienische Designtausendsassa in den imposanten Sälen des Palastes seine fulminante Ausstellungsgestaltung samt stoffbezogenen Wänden, metallenen Rahmen und einer ausgeklügelten Lichtinstallation. Mitten zwischen den Kunstwerken der Luini-Familie, Leonardo da Vinci & Co. fand sich übrigens ein Kleinod: Cena in Emmaus – ein Ölgemälde des lombardischen Renaissance-Malers Giovanni Agostino di Lodi. Darauf konnte der Kunst-Aficionado etwas entdecken, das auch das Herz des Küchenliebhabers höher schlagen lässt: Gläser, Karaffen und Schalen – gemalt mit feinem Pinselstrich und kunstvoll arrangiert zu einem wunderbaren Stillleben. So hat sich der Kreis geschlossen in Mailand dieser Salone-Tage. Manchmal sind es eben die kleinen, scheinbar nebensächlichen Dinge, die von einer Messewoche bleiben. Und nicht technisch aufgerüstete High-End-Küchen, überflüssiger Luxus und nach Aufmerksamkeit heischende Neuheiten.

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