Eurocucina 2016: Endstation Küche

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Text: Claudia Simone Hoff, 15.04.2016

Die Küche ist das neue Wohnzimmer – das war während des Salone del Mobile überall zu sehen. Gestalterisch und technisch scheint die Branche am Ende angelangt, denn sie ergeht sich in Variationen, Ergänzungen und Spielereien. Wer und was uns aufgefallen ist, erfahren Sie in unserer Analyse. Plus: drei Bildstrecken voller Neuheiten, Inszenierungen und Überraschungen.

Der Andrang auf der Mailänder Küchenmöbelmesse Eurocucina und der Sonderschau FTK (Technology for the Kitchen) mit Einbauelektrogeräten war groß am ersten Messetag. Insbesondere in den Hallen 9 und 11 – dort, wo traditionell die designaffinen Hersteller ausstellen – bekam man den Eindruck, dass Wohnen und Küchen geradezu ein Synonym geworden sind. Doch das kann über eines nicht hinwegtäuschen: Die Küche ist gestalterisch an ihrem Ende angelangt. Und das, obwohl die Branche boomt. Allein in Deutschland setzte die Küchenmöbelindustrie im letzten Jahr 4,6 Milliarden Euro um und auch in Italien geht es endlich wieder aufwärts, glaubt man Alberto Scavolini, Mitglied des Vorstands des Dachverbands der Italienischen Möbelindustrie (Federlegno Arredo).

Möglichkeiten Ausgeschöpft
Egal, wen man fragt, die Antwort gleicht einem Mantra: Die Küche wird zum Wohnraum – da sind sich Küchenmöbel- und Elektrogerätehersteller einig. Kaum verwunderlich also, dass an beinahe jedem Messestand ausufernde Wohnküchen aufgebaut waren, auch wenn die Wirklichkeit in den Wohnungen europäischer Großstädte anders aussehen dürfte. Zur Grundausstattung der repräsentativen Küche gehören: ein massiver Küchenblock mit Kochfeld, Spülbecken und Arbeitsfläche, raumhohe Schränke, in denen die Elektrogeräte auf Augenhöhe untergebracht sind und zusätzlicher Stau- und Präsentationsraum in Form von offenen Regalen, Glasvitrinen und Solitären. An dieser Disposition hat sich in den letzten Jahren nicht viel geändert, im Gegenteil. Sie scheint geradezu festgemeißelt, was ein Problem offenbart: In der Küche wie in der gesamten Möbelbranche scheinen die Möglichkeiten der Gestaltung und technischen Innovationen ausgeschöpft.

Die Messe geht los!
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Design & Detail
Was man in Mailand – egal ob auf der Messe oder in den Showrooms und Veranstaltungsorten in der Stadt – sehen konnte, waren deshalb weniger echte Neuheiten als Variationen von Bestehendem. Details spielen eine große Rolle, ganz nach Charles Eames: „The details are not the detail, they make the design.“ Dieses Motto hat besonders das italienische High-End-Segment mit Küchenmöbelherstellern wie Ernestomeda, Arclinea, Boffi, Rossana und Schiffini verinnerlicht. Hier steht neben der Gestaltung die handwerkliche Verarbeitung im Fokus. Wie beides kongenial zusammenspielt, war bei Dada zu sehen. Vincent van Duysen hat als neuer Art Director des italienischen Labels nicht nur den Messestand gestaltet, sondern auch das Modell Hi-Line überarbeitet. Der belgische Architekt und Designer, bekannt als extremer Minimalist, arbeitet mit Kontrasten zwischen feingliedrigen Stärken von Seiten und Abschlusselementen sowie massiven Arbeitsplatten.

In Stein gemeißelt
Die Kombination von Holz und Naturstein – zwei visuell sehr schönen, aber auch haptisch ansprechenden Materialien, war überall zu sehen. Und: Viele Hersteller zeigten extrem luxuriöse, sehr massiv wirkende Küchenblöcke, komplett aus Naturstein gefertigt – Rossana, Steininger und Strasser Steine beispielsweise. Edelstahl indes, eigentlich ein Evergreen in der Küche, scheint auf dem Rückzug zu sein und in seiner kühlen Anmutung nicht zum Ich-will-eine-Wohnküche-haben-Traum zu passen. Stattdessen sind dunkle Hölzer auf dem Vormarsch, wie Ulrike Kolb bestätigt. Die Architektin arbeitet für den deutschen Hersteller Leicht und hat den 500 Quadratmeter großen Messestand gestaltet. Sie wünscht sich mehr Farbe in deutschen Küchen, wo immer noch Weiß in matter Anmutung dominiert. Stattdessen bei Leicht wie auch anderswo: fein abgestimmte Oliv-, Schlamm- und Brauntöne, die der Küche Eleganz und Wohnlichkeit verleihen, kombiniert mit Akzentfarben wie Orange.

Clever gelöst
Während Piero Lissoni mit seinem neuen Entwurf Code für Boffi lediglich sein bekanntes Formenvokabular dekliniert, geht bulthaup einen Schritt weiter. Der bayerische Hersteller ist seit jeher bekannt dafür, sich Gedanken über die Küche zu machen, die weit über gestalterische und funktionale Themen hinausreichen und die Küche als soziales Ganzes begreifen. In Mailand legte bulthaup einen fulminanten Auftritt hin. Gleich eine ganze (säkularisierte) Kirche wurde angemietet und zwei Wochen am Aufbau gearbeitet. Das Ergebnis: eine Inszenierung mit einer Atmosphäre, die zwischen diffus-schummrig, karg und sinnlich changierte. Gleich drei Neuheiten hatte der deutsche Hersteller im Gepäck, allesamt ziemlich überraschend.
La vita è bella!
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bulthaup b1 Mailand 2016 heißt die Weiterentwicklung des Küchenmodells b1. Basis ist der Werkblock, der auf einem schwarzen Metallgestell aufliegt und – einem Baukastensystem gleich – individuell bestückt werden kann: mit einem Induktionskochfeld, einer Spüle aus Edelstahl oder Zubereitungsmodulen aus Marmor und Holz. So entsteht beispielsweise ein massiver Küchenblock mit praktischen Unterschränken oder eine luftige Küchenwerkbank. Durchdacht ist auch bulthaup b3 Mailand 2016, ein System von sogenannten Funktionsscheiben. Bis zu vier solcher Scheiben können übereinandergelegt an einer Wand montiert und mit Funktionen wie Wallwasher-Licht, Gewürzborden oder einer Reling für Küchenwerkzeuge versehen werden. Je nachdem, welche Funktion man gerade braucht: Man zieht einfach an einer Lederschlaufe und das jeweilige Element erscheint oder verschwindet in einem Zwischenraum. Bulthaup verabschiedet sich von der b3 Multifunktionswand und damit auch von klassischen Oberschränken. Stattdessen soll Wohnlichkeit erzeugt werden – mit raumhohen Schränken und japanisch inspirierten Paneelen, mit denen sich Räume frei gliedern lassen. Die Wohnküche steht auch im Fokus der bulthaup b+ solitäre. Die 2014 in Mailand als Prototypen vorgestellten Objekte wurden überarbeitet und zu einer umfangreichen Kollektion ausgebaut, die unabhängig ist von spezifischen Küchensystemen. Mit dabei: Vorbereitungstische, Regale, einzelne Solitäre mit Glas-, Edelstahl- oder Holzablagen, ein kombiniertes Licht-/Dunstabzugselement.

Nirgendwo sonst
Ist man während des Salone del Mobile in der Stadt unterwegs und lässt sich treiben, kann man echte Designschätze heben. Was nicht verwundert: Gerade zur Eurocucina findet man an beinahe jedem Ausstellungsort schöne Dinge für die Küche und den gedeckten Tisch. In diesem Jahr fiel vor allem ein Projekt ins Auge: 2016/ Arita. Caroline Baijings vom niederländischen Designstudio Scholten & Baijings hat 16 Designer versammelt, ist mit ihnen nach Japan gereist und hat in der Gegend von Arita Töpfereien besucht. Die Idee: Designer wie Christian Haas, Stefan Diez, Pauline Deltour und Big-Game erarbeiten zum 400. Geburtstag der Region gemeinsam mit den alteingesessenen Töpfereien vor Ort Objekte für den gedeckten Tisch und Accessoires. Entstanden sind verschiedene Kollektionen, die westliche und fernöstliche Traditionen vereinen. Beeindruckend ist vor allem die handwerkliche Raffinesse der Stücke. „Wenn etwas nicht in Arita hergestellt werden kann, dann auch nirgendwo sonst auf der Welt“, schwärmt Caroline Baijings und posiert fröhlich vor einer Wand mit dekorativen Tellern, die allesamt sie entworfen hat. Christian Haas, der sich für eine Becherkollektion entschieden hat, die wie gefaltetes Papier aussieht und an der Unterseite der Objekte mit einem schönen Relief versehen ist, betont: „Für mich stand von Anfang an fest, dass es sich nicht einfach nur um ein Kunstprojekt handeln sollte. Die Manufakturen in Arita sind klein, sie müssen ihre Produkte verkaufen und setzen große Hoffnungen in diese Zusammenarbeit.“

Bedingt zukunftsfähig
Produkte verkaufen müssen auch die Küchenmöbel- und Elektrogerätehersteller, die sich diese Woche auf der Eurocucina und dem Fuorisalone versammelt hatten. Man darf sich durchaus Gedanken machen, ob das in Mailand Vorgestellte den hochgesteckten wirtschaftlichen Zielen standhalten wird, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Zwar waren gerade bei den High-End-Herstellern viele Produkte zu sehen, die gut gestaltet und handwerklich auf höchstem Niveau gefertigt sind. Doch was zuweilen als Innovation verkauft wird, ist bei genauerem Hinsehen nicht mehr als alter Wein in neuen Schläuchen. Das ist auch insofern bedenklich, weil immer mehr Architekten und Tischler eigene Küchen entwerfen und fertigen, sich freimachen von der Industrie und so zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die klassischen Küchenmöbelhersteller geworden sind. Ende gut, Küche gut? Nur bedingt.

Die schönsten Küchenneuheiten aus Mailand finden Sie in der Bildergalerie über diesem Text.

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