Euroluce 2013: Eine Frage der Form

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Text: Jasmin Jouhar


Das Licht ist in der Zukunft angekommen. Die Messe Euroluce 2013 hat vergangene Woche in Mailand gezeigt, dass sich LEDs durchgesetzt haben auf dem Markt. Nicht nur waren viele der Neuheiten mit diesem Leuchtmittel ausgestattet. Die Hersteller verwenden mittlerweile auch bei Reeditionen von Klassikern Leuchtdioden oder bieten ihre Bestseller als LED-Version an, um gerüstet zu sein für eine Lichtwelt ohne Glühbirne und Halogen.

Alle zwei Jahre geht dem Salone del Mobile ein Licht auf: Dann ergänzt die Euroluce die ohnehin schon lange Ausstellerliste der Mailänder Möbelmesse noch um ein ganzes Kapitel von Herstellern aus den Bereichen dekorative und technische Leuchten. Zur 27. Ausgabe der Lichtmesse präsentierten in diesem Jahr rund 480 Aussteller auf insgesamt 38.000 Quadratmetern ihre Neuheiten. Auch in der Stadt war in den Galerien, Showrooms und Ausstellungen manch Erhellendes zu sehen. Allerdings wirkte ausgerechnet der Designnachwuchs zögerlich in Sachen neuer Technologien. Während die großen Unternehmen offensichtlich bereit sind, innovative Leuchtmittel einzusetzen, begnügen sich Studenten und Absolventen bei ihren Entwürfen oft noch mit der Birne.

Ohne Atmosphäre

Mit dem Aufstieg zum Marktstandard ist das Thema LED noch nicht am Ende: Denn nun müssen die Designer Antworten finden auf die Frage, in welcher Form Licht künftig in Erscheinung treten soll. Anders als Glühbirnen haben LED-Leuchtmittel praktisch keinen Körper, und ihr Schein bildet keinen Raum. Für das Design von technischer Beleuchtung ist das kein Problem; Spots, Raster- oder Einbauleuchten lassen sich mit LEDs gut gestalten. Zahlreiche ultraflache Pendelleuchten und in Wand oder Decke eingelassene Lichtlinien, -rechtecke und -kreise haben das in Mailand bewiesen. Doch wenn es um dekorative Leuchten für eine wohnliche Umgebung geht, wird es schon schwieriger: Häufig sieht man gegenwärtig dürre Leuchten in Form von Stangen, Ringen oder Rahmen, an denen die Leuchtdioden in Reihe montiert sind. Die Objekte sehen anorektisch aus und haben kaum Präsenz im Raum. Zudem ist das punktförmige Strahlen der LEDs nicht besonders angenehm. Fazit: Die atmosphärische Wirkung ist gleich null, die anhaltende Sehnsucht nach der Glühbirne mehr als verständlich.

Das Licht ist eine Scheibe

Flos hat zur Euroluce zwei Wege eingeschlagen, um dem LED-Licht eine Form zu geben. Auf dem Messegelände präsentierte der italienische Hersteller eine Reihe von Neuinterpretationen von klassischen Leuchtenformen, die in die richtige Richtung wiesen: Zwar schlanker als ihre Vorbilder, zeigten sie trotzdem Präsenz und bildeten Raum. Der italienische Designer Piero Lissoni beispielsweise stellte eine an die Gestaltung industrieller Hängeleuchten angelehnte Lampe vor, die jedoch dank glatter und transparenter Materialien zeitgenössisch wirkt. Ron Gilad hat auf ähnliche Weise mit seinem Entwurf Goldman die traditionelle Bibliotheksleuchte in die Gegenwart überführt – mit dem für ihn typischen, ironischen Ergebnis. Und Konstantin Grcic durfte mit Pio Manzùs und Achille Castiglionis Parentesi eines der wichtigsten Flos-Modelle in die Jetztzeit holen: Seine Leuchte OK hängt ebenfalls beweglich am Seil, hat aber statt Kopf eine flache Scheibe. Das Licht der Dioden wird mit einem Diffusor gestreut. Grcic dazu: „Eine Leuchte zu entwerfen, beschränkt sich nicht mehr darauf, um eine Glühbirne herum zu arbeiten. Heute bedeutet das, die Lichtquelle selbst zu entwerfen.“

In seinem Showroom in der Innenstadt wiederum huldigte Flos einem der wichtigsten Leuchtendesigner überhaupt: dem 1985 verstorbenen Italiener Gino Sarfatti. Zu sehen waren fünf Reeditionen seiner wegweisenden Leuchten – alle mit LED ausgestattet. Flos hatte 1973 Sarfattis Firma Arteluce übernommen und verfügt damit über die Rechte an seinen Entwürfen. Auch die große Sarfatti-Ausstellung kürzlich in der Mailänder Triennale hatte Flos als Hauptsponsor unterstützt.

Update für Bestseller

Foscarini gab ebenfalls ein eindeutiges Bekenntnis zur LED ab. Der Hersteller zeigte auf der  Messe seine vier Bestseller in zwei Versionen zum Vergleichen: einmal mit herkömmlichen Leuchtmittel, einmal neu entwickelt mit Dioden. Und tatsächlich: Der Unterschied war bei Twiggy, Caboche & Co. kaum auszumachen. Auch bei Nemo denkt man nach vorne und hat erfolgreiche Modelle mit LED-Update im Programm. Eine der schönsten Foscarini-Neuheiten allerdings, die Tischleuchte Yoko von den norwegischen Designern Andersson & Voll, strahlt nicht mit LED. Vielleicht in einigen Jahren ein weiterer Bestseller-Kandidat fürs Redesign?

Ein Aufbruch mit der jungen Generation

Einen regelrechten Kraftakt bewältigte der traditionsreiche italienischer Hersteller Fontanaarte zur Euroluce. An einem von dem zurzeit omnipräsenten Designer Luca Nichetto gestalteten Stand präsentierte das Unternehmen zehn Neuheiten, die gemeinsam mit einer jungen Generation von Gestaltern entstanden sind. Fontanaarte, 1932 von Gio Ponti gegründet, will mit dieser durchweg gelungenen und wohnlichen Kollektion den Aufbruch wagen. „Wir haben eine starke Geschichte“, erklärte Sonia Guareschi von Fontanaarte. „Aber wir möchten zeitgenössicher werden.“ Mit dabei sind unter anderem Form us with Love, Gamfratesi, Andreas Engesvik und Studio Drift. Ein schönes Beispiele für die Möglichkeiten von LED ist die tragbare, kabellose Außenleuchte Koho, die dank der sparsamen Dioden bis zu sieben Stunden Licht auf der Terrasse und im Garten gibt.

Drei in einer

Die Geschichte des Designs ist auch eine Geschichte von Produkten aus Architektenhand. Beim diesjährigen Salone sind zu diesem Kapitel eine ganze Reihe von neuen Entwürfen dazugekommen; allerdings nicht alle so gelungen wie der Prototyp Objective von Jean Nouvel für Artemide. Die kleine LED-Arbeitsleuchte besteht aus einer schlicht schwarzen, dreigliedrigen Säule, deren geriefte Oberfläche an Kameraobjektive erinnert. Der untere Teil verströmt gleichmäßiges, indirektes Licht zu allen Seiten. Darüber sitzt ein dreh- und schwenkbares Segment, das direktes Licht nach unten abstrahlt. Der eigentliche Kopf wiederum kann seitlich gekippt werden. Objective bietet so in einem Leuchtenkörper ganz unterschiedliche Lichtformen. „Die Art zu arbeiten hat sich sehr verändert“, sagte Jean Nouvel anlässlich der Präsentation. „Darauf muss das Design reagieren.“

Ausweg Contract?

Die neuen Leuchtmittel treiben Gestalter und Industrie zweifellos zu Innovationen. Doch ebenso entscheidend ist die geschäftliche Seite, und die prägt vor allem der seit einigen Jahren anhaltende Rückgang der Umsätze bei den Händlern, sprich: Endkunden. Viele Hersteller suchen ihr Heil stattdessen bei den Planern im Contract-Business, was sicher auch die große Zahl von Architektenentwürfen in diesem Jahr erklärt. Doch in diesem Markt geht es weniger um Atmosphäre und Form, sondern vor allem um die große Stückzahl und damit um Wirtschaftlichkeit. Für das Design sind das nicht unbedingt die besten Aussichten.

Weitere Neuheiten, Trends und Berichte vom Salone del Mobile 2013 lesen Sie in unserem Mailand-Special.

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