Fertighaus revisited

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Text: Norman Kietzmann


Wohl kaum eine Bauform des 20. Jahrhunderts wurde mehr belächelt und verachtet als das Fertighaus. Als Inbegriff von Lieschen Müllers LBS-Traum auf der einen Seite und der trostlosen Plattenbausiedlungen der 1960er und 1970er Jahre auf der anderen, verkörpert das industrielle Bauen für viele nicht gerade die Glanzpunkte der Baukultur. Dabei begann die Geschichte der Fertighäuser auf höchstem Niveau, als Stars wie Charles und Ray Eames, Frank Lloyd Wright, Jean Prouvé oder Buckminster Fuller Entwürfe für vorgefertigte Häuser entwickelten. Auf diese blickt das New Yorker Museum of Modern Art nun in seiner Ausstellung „Home Delivery“ (zu Deutsch: Lieferung frei Haus) zurück und schlägt mit Entwürfen zeitgenössischer Architekten zugleich eine Brücke in die Gegenwart.


Die Idee, Gebäude aus vorgefertigten Bauteilen zu errichten, ist im Grunde schon so alt wie die Industrialisierung an sich. Dass sich selbst Pioniere wie der Erfinder der Glühbirne, Thomas Edison, für die Idee industriell gefertigter Häuser begeistern konnte, schien in den rasanten Wachstumsjahren an der Schwelle zum 20.Jahrhundert nur konsequent. Bereits 1906 hatte Edison sich ein Patent für ein vorgefertigtes Haus aus Beton anmelden lassen, das in seiner Gestaltung jedoch noch wie ein konventionelles Gebäude wirkte. Und obwohl die Idee des industriellen Bauens schon damals die Phantasie zahlreicher Architekten beflügelte, sollte es noch bis nach Ende des Zweiten Weltkrieges dauern, bis sich das Konzept tatsächlich am Markt durchsetzen konnte. Der Bedarf an günstigen und schnell zu errichtenden Wohnungen für die Kriegsheimkehrer machte es möglich.

Geburtsstunde am MoMA

Vor allem Amerika entwickelte sich zu jener Zeit schnell zu einem Zentrum des industriellen Bauens. Dazu mag sicher auch das „House in the Garden“-Ausstellungsprogramm erheblich beigetragen haben, das Philipp Johnson als damaliger Kurator für Architektur und Design am New Yorker MoMA in den Jahren 1949 bis 1955 organisierte. Das von Marcel Breuer 1949 im Garten des Museums errichtete Gebäude mit seinem schmetterlingsartigen Dach entwickelte eine für jene Epoche besondere, ikonische Erscheinung. Doch Breuer war bei Weitem nicht der erste ehemalige Bauhäusler, der sich der Thematik Fertighaus annahm. Schon sieben Jahre zuvor hatte Walter Gropius zusammen mit Konrad Wachsmann ebenfalls ein Wohnhaus aus einem leicht montierbaren Stahlrahmen entwickelt, in das verschiedene Paneele eingesetzt werden konnten.

Case Study Houses


Wohl nicht minder einflussreich als die Ausstellung des MoMA war jener Wettbewerb, den die amerikanische Architekturzeitschrift „Art & Architecture“ in den Jahren 1945 bis 1949 unter dem Titel „Case Study Project“ ausschrieb. Darin wurden verschiedene Architekten gebeten, ihre Vorstellung von modernem und kostengünstigem Wohnen vorzustellen und dann auch zu realisieren. Vor allem die Häuser Nummer acht und neun von Charles und Ray Eames, von denen sie das erste für sich und das zweite für den Herausgeber der Zeitschrift John Entenza entwarfen, erfüllten die Kriterien auf besondere Weise. Konzipiert als leichte Stahlkonstruktion konnten Wandpaneele und Schiebetüren schnell und unkompliziert eingesetzt werden, so dass die Gebäude in nur drei Tagen per Hand montiert waren. Dass in Europa auch der französische Designer Jean Prouvé mit seinem 1949 für die Tropen entworfenem „Maison pour L’Institutrice“ die Bauform der Eames fortsetzte, überrascht dabei kaum. Schließlich arbeitete Prouvé mit seinem auf konstruktive und serienproduzierbare Details bedachten Designstil ganz ähnlich.

Wohnen in der Kapsel

Beeinflusst durch den Beginn der Raumfahrt Mitte der Fünfziger Jahre entstanden in den 1960er Jahren immer futuristischere und in sich geschlossene Gebäude, die wie Buckmister Fullers Ufo-Haus ein autarkes Leben selbst in unwirtlichen Umgebungen versprachen. Deutlich ironischer und mit einer reichlicheren Prise Pop versehen hat das britische Architekturkollektiv Archigram mit seiner „Plug-In-City“ und dem „Living Pod“-Projekt das Thema aufgegriffen und auf ganze Städte übertragen, die sich als „walking cities“ schließlich sogar selbst erheben und von einem Ort zum anderen bewegen konnten. Auch wenn diese Entwürfe bis heute Utopien blieben, zumindest der japanische Architekt Kisho Kurokawa konnte mit seinem „Nakagin Capsule“ Apartmentturm von 1972 das Leben in der Kapsel realisieren. Die vorgefertigten Ein-Zimmer-Wohnungen, die mit allen technischen Geräten und Möbeln ausgestattet waren, wurden als Ganzes an einem Gebäudekern aus Beton eingehangen. Ursprünglich als Vorbote weiterer Türme geplant, blieb der „Nakagin Capsule Tower“ doch der einzige seiner Art.

Zurück auf die Agenda


Konnten Fertighäuser in den Achtziger und Neunziger Jahren nur wenige Architekten wirklich begeistern, hat nun eine junge Generation das Thema neu für sich entdeckt. Das MoMA knüpft an dieser Stelle an die „House in the Garden“-Ausstellungen der Vierziger Jahre an und hat in einem abgetrennten Außenbereich gleich mehrere Fertighäuser junger Gestalter - auch im Original - präsentiert. Hierbei sticht vor allem das „micro compact house“ der Münchener Architekten Lydia Haack und John Höpfer heraus, das auf allerkleinstem Raum die Funktionen eines gesamtes Hauses vereint. Geplant als günstiges Zuhause für Studenten oder temporäre Unterkunft für Veranstaltungen wird das Haus bereits in Europa kommerziell vertrieben. Das „Cellophane House“ von Kieran Timberlake Architects aus Philadelphia wirkt dagegen rein äußerlich nicht wie ein archetypisches Fertighaus. Mit seiner eleganten Aluminiumfassade versprüht es stattdessen vielmehr den Charme eines seriösen Bürogebäudes und überzeugt mit seiner Bauweise über mehrere Etagen schließlich auch im urbanen Kontext.

Home Delivery: Fabricating the Modern Dwelling
Museum of Modern Art New York
Vom 20. Juli bis 26. Oktober 2008

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