Formsache: Rosy Starck

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Text: Max Scharnigg, 20.02.2018

Eine meiner liebsten Stehleuchten zu Hause nennt sich Rosy. Das passt zu dem immer leicht wehenden Röckchen, das ihr Philippe Starck einst zusammen mit dem klangvollen Namen Rosy Angelis verpasst hat. Warum soll eine mannshohe Stehleuchte nicht einen Vor- und Nachnamen haben? Ich sage also manchmal: „Rosy, calm down, das ist jetzt wirklich ein wenig zu hell!“ (Sie ist dimmbar.) Natürlich ist ihr das aber vollkommen egal, sie kann mich nicht hören, sie ist eine Stehleuchte, und ich bin ein Sitzmensch. Ich muss also aufstehen, selbst runterdimmen und frage mich: Ist es angesichts solcher Unzulänglichkeiten überhaupt sinnvoll, dass unsere Möbel Namen tragen? Oder anders: Sollen wir uns diese Namen merken?  Klar, irgendwie muss man das ganze schöne Zeug voneinander unterscheiden. Es ist zwar wunderbar puristisch, aber doch mühsam, das mit Zifferncodes zu machen. Wie bei den frühen Thonets oder Arteks, wo zwischen Sessel 400 und 404 schon eklatante Unterschiede liegen. Typischer Feierabenddialog bei Architekten: „Schatz, bringst du mal den 404 mit in die Küche?“ – „Den von Thonet oder von Artek oder den Internetfehler?“

Deshalb wahrscheinlich haben viele dieser nüchternen Ikonen auch Spitznamen bekommen. Der Mensch will seinen Hausrat persönlich anpöbeln können. Folgerichtig hat Ikea jeden Hocker und jeden Badvorleger mit einem schwedischen Wörterbuch zwangsgetauft, und nahezu alle Designer sind auch dazu übergegangen. Mit wechselndem Erfolg. Ivar und Billy und Twiggy – darüber kann man sich heute gut verständigen. Bei anderen Designikonen aber hat der Name überhaupt nicht verfangen – beim Geburtsnamen von Starcks Zitronenpresse muss man schon lange überlegen oder bei der Artemide-Lampe Tolomeo. Steht auf jedem Schreibtisch, aber der Name klingt immer noch fremd. Und von Stefan Diez fällt mir zum Beispiel als einziger Produktname der Houdini ein, was ich wiederum einen doofen Namen für einen schönen Stuhl finde und deshalb gleich wieder vergesse. Grundsätzliches Gefühl – viel zu viel Durcheinander, jede Möbelmesse ist mittlerweile ein babylonisches Namensgewirr. Das mag auch daran liegen, dass wir seit 15 Jahren mit Entwürfen überschwemmt werden und selbst die größten Online-Möblierer heute stur jede Gardinenstangenaufhängung personalisieren. Das ist absurd, denn da gibt es ja nicht mal ein Geschäft, in dem ein Idealkunde sagen könnte: „Die Gardinenstangenaufhängung LARISSA, bitte.“ Online wird nonverbal geshoppt, ausgepackt, aufgebaut und fertig. Der Name des Möbels steht nur noch auf der Rechnung, er ist egal, warum nicht einfach durchnummerieren? „Grässlich bunter Sessel Nr. 4“ etc. Wobei das dann auch wieder klingt wie beim letzten Existenzialisten-Label aus Berlin. Also, es ist schwierig.

Der angenehme Leuchtenhersteller Nemo hat unlängst einen rohen Eisenträger vorgestellt, der dank der Gestaltung von Rudy Ricciotti zur Lichtquelle wurde. Der Name des massiven Teils ist Mais plus que cela je ne peux pas. Das ist manieriert! Bevor das Mode macht und man sich zu jedem Sessel eine ganze Operette merken soll, plädiere ich dafür, dass jedes neue Stück verpflichtend den Namen seines Designers als Nachname trägt. Bei den Vornamen dürfen sich die Gestalter weiterhin austoben, wie es gutes Elternrecht ist. Die Nemo-Leuchte könnte also: Rusty Ricciotti heißen, meine Stehleuchte wäre dann Rosy Starck. Und für den kleinen Houdini Diez finden wir bestimmt auch noch einen Platz.

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