Formsache: Tagtraum

Text: Max Scharnigg, 03.03.2018

Ich glaube, wenn man heute alle Einträge in Designblogs, sämtliche Pinterest-Wunschzettel sowie die heimlichen Gelüste urbaner Menschen zu einem einzigen Produkt verschmelzen würde, wäre es ein Daybed. Dieses Möbelstück ist so ungefähr der Dalai Lama unter den Objekten, alle finden es gut, und wenn es irgendwo rumsteht, will man hin und es anfassen. Es ist kein Möbel, es ist ein Sehnsuchtsort. Und wie zu jedem guten Sehnsuchtsort gehört auch zum Daybed, dass viele eines wollen, aber nur wenige wirklich eines haben und fast niemand es seiner eigentlichen Bestimmung zuführt. Schön ist eben vor allem die Idee Daybed, und die geht so: Man arbeitet in einem kreativen Beruf mit viel Tagesfreizeit, und wenn man vom Denken erschöpft ist, wandelt man ein bisschen in seiner 300-Quadratmeter-Altbauwohnung herum, hört draußen das sanfte Summen einer Weltstadt und solcherart hoch umweht schläft man dann auf dem Daybed nach der Lektüre französischer Feuilletons unter einer Kaschmirdecke für eine feine halbe Stunde ein. Eine halbe Stunde, in der man weder sabbert noch sich die Frisur zerdrückt und nach der man erfrischt und voller neuer Ideen federnd zur Bezzera spaziert und sich einen Espresso zubereitet. Es ist immer noch erst halb vier, durch die Fenster fällt leichtes Sonnenlicht und bei gedämpftem Jazz denkt man: Jetzt werde ich ein bisschen Fenchel kaufen!

Ja, ganz sicher, so wäre es mit einem Daybed, es wäre der Angelpunkt einer entspannt-eleganten Welt, man wäre ein besserer Mensch mit Daybed und irgendwie ganzheitlich ausgeruhter. Dazu kommt, dass es wirklich viele schöne Daybed-Entwürfe gibt, was auch ein Hinweis auf seine schlichte Funktionalität sein könnte. Jeder kann ein Daybed entwerfen, weil es eigentlich nix können muss. Es verhält sich trotzdem zum richtigen Bett wie eine Sauteuse zum Kochtopf, ist immer irgendwie von Adel und von allem Überflüssigen befreit, genau deswegen finden wir es so charmant. Und dann noch der Name! Ein Bett für den Tag, ein Ort, der sich scheinbar der ganzen Leistungsgesellschaft und der großen Erschöpfung entgegenstellt – wer würde dafür nicht unterschreiben? Es hat die Work- Life-Balance quasi eingebaut, von der wir alle ständig reden. Irgendwann, so hofft man, hat man dieses Leben, in dem ein Daybed Platz hat. Bald!

Vor allem bräuchte man aber erst mal ausreichend Wohnung dazu, denn so richtig gut wirken Daybeds nur dann, wenn sie frei und leicht an einer hohen Wand stehen und man nie auch nur in Versuchung kommt, sie als Zwischenlager für Haushalts- oder Bürotreibgut zu nutzen. Die meisten mir bekannten Daybeds meiner Bekannten wurden zwar mit großen Ambitionen angeschafft, verschwanden aber dann zügig unter Kleiderhaufen und Bücherstapeln. Zur Rede gestellt, hatten die Besitzer dafür oft eine Ausrede parat, die gar nicht zum Idealbild des Möbels passt. Bequem nämlich sei so ein mittleres Daybed nicht besonders und, das Nickerchen würde sich im richtigen Bett irgendwie leichter einstellen. Dort dann aber freilich nur mit zerdrückten Haaren und schlechtem Gewissen wegen Leistungsgesellschaft etc.

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