Formsache: Vom Ende der Dinge

Text: Max Scharnigg, 28.12.2018

Einige Jahre lang bin ich fast jeden Tag in die Halle 2 gegangen. Das ist eine Einrichtung der Münchner Abfallwirtschaftsbetriebe, in die jeden Morgen das vom Sperrmüll geliefert wird, was den Mitarbeitern in den Wertstoffhöfen der Stadt noch verwendbar scheint. Es gab vieles, was mich an dieser Halle faszinierte, allen voran die Auswahl der Produkte, die dort landete. Gegenstände, die zunächst von den Münchnern ausgemustert worden waren und dann wieder im Affekt von den (mäßig interessierten) Mitarbeitern vor der Hydraulikpresse gerettet. Eigentlich der ultimative Härtetest für gutes Design: Schrott or not?

Es dauerte aber eine Weile, bis ich ein System in der Auswahl erkannte. Vintage-Wissen spielte dabei kaum eine Rolle, stattdessen wurde gerettet, was wertig aussah oder eben sehr deutlich gestaltet war. Bedeutete, dass kitschige, gerahmte Kunstdrucke („Pierrot“) und Fake-Kronleuchter, zackige Beistelltische mit gefrosteten Glasscheiben, wacklige Deckenfluter in Messing und staubige Klavierlack-Möbel zu den häufigsten Stücken dieses Gnadenhofes gehörten. Dinge also, die kraft ihrer Wertigkeits-Mimikry dem Sperrmülltod von der Schippe gesprungen waren. Dinge, die nach gehobenem Wohnen aussahen, egal wie mies eigentlich ihre Qualität war. Dazu gab es aber auch noch viele vermeintlich massive Möbel aus der Eiche-Rustikal-Furnierzeit unserer Eltern, mit Butzenglas-Vitrinenschrank und Abdrücken vom Röhrenfernseher. Als würde dieses Mobiliar immer noch so etwas wie eine qualitätsvolle BRD-Wohnlichkeit erzeugen können. Es war faszinierend. Ikea-Sachen schafften es aus Prinzip fast nie in die Halle 2, dafür aber zum Beispiel stets Ledersitzgarnituren von äußerst zweifelhafter Hygiene.

Emaille, Zink- und Blechgegenstände und anderes Metall landete ebenfalls kaum dort, weil die Aufpasser nur beim Sperrmüll standen, aber nicht beim Altmetall-Container. Dafür fanden sich regalweise billiges Steingut-Geschirr und abgenudelte Kuscheltiere in der Halle 2 und eine wirklich erstaunliche Menge an Golfschlägern und Golftaschen, die nie jemand mitnahm, die aber dennoch immer weiter gesammelt wurden. Als wäre der inhärente Luxus des Golfsports Argument genug, nichts davon je wegzuwerfen. Der wachsende Berg ungeliebter Golfschläger in der alten Fabrikhalle war eigentlich das schönste Bild – lachhaft funktionslose Objekte, die jedermann dennoch respektvoll musterte.

Ich wartete jahrelang darauf, dass sich mal ein passionierter Golfspieler einfand und für ein paar Euro ein Traumset zusammenstellte, aber das geschah nie. Jedenfalls – es war imposant, was für eine Menge Freizeit- und Wohlstandsmüll eine Stadt wie München jeden Tag ausspuckte. Oft genug ging ich nach zehn Minuten mit leeren Händen nach Hause, weil nur grauenvolle Fitnessgeräte aus den Neunzigerjahren oder brutalistische braune Plastikgartenmöbel geliefert worden waren. Objekte von solch überflüssiger Hässlichkeit, dass man sich kaum vorstellen konnte, dass sie bis vor Kurzem tatsächlich in menschlichen Behausungen herumstanden.

Was die Nachhaltigkeit dieser Sammlung anging, so ließ sich leicht eine Faustregel ableiten: Was vor 1950 hergestellt worden war, war im Schnitt wertiger und vor allem auch designstabiler als das Zeug aus den 50 Jahren danach. Mit dem Einzug von Plastik, Pressspan und Billigfurnier in die Haushalte waren die Alltagsmöbel nicht nur seelenloser und schlichter geworden, die Sachen erzählten auch meistens nichts mehr. Die Zeit hatte sich in diesen Materialien nicht liebenswert niedergeschlagen, ihre Patina war einfach nur Schmutz und Kaputtness. 

Aber mit viel Glück stand dazwischen eben auch mal ein Mauser-Stahlrohrstuhl oder ein altes Schreibpult. Einmal fand ich eine Kandem-Lampe von Marianne Brandt, einmal einen Beistelltisch von Mario Bellini. Nachts träumte ich manchmal davon, wie viel von diesen Schätzen Tag für Tag einfach im Container landeten, weil niemand sie sah. Nach ein paar Jahren emsiger Schatzsuche schlichen sich Zweifel ein: Hatten diese Sachen wirklich mehr Wert, nur weil ich ihre Designer kannte? Hortete ich im Keller nicht ein ebenso willkürliches und olles Sammelsurium wie die Mitarbeiter der Halle 2? Die Antwort tat weh. Seitdem gehe ich nicht mehr in die Halle 2 und träume nicht mehr von Containern voller Bauhaus-Lampen. Vielleicht, ganz vielleicht, hätten wir mit Golf anfangen müssen. 

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