Frank Lloyd Wright: von innen nach außen

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Text: Katharina Horstmann, Hannah Bauhoff


Die große Retrospektive über den Architekten Frank Lloyd Wright (1867-1959) ist von New York weiter nach Bilbao gereist – und damit für alle europäischen Architekturfans ein Muss. Nicht nur, weil die rund 200 teils nie zuvor gezeigten Originalpläne und die über ein Dutzend oft neu nachempfundenen Architekturmodelle einmal über den Atlantik von einem Guggenheim ins andere transportiert worden sind, sondern weil die Ausstellung in ihrer Gesamtheit anschaulich demonstriert, wie Architektur, Menschheit und Natur für Wright in einem großen Ganzen miteinander verbunden waren. Die Ausstellung ist ab morgen bis 14. Feburar im Guggenheim-Museum in Bilbao zu sehen.


Es hat schon seinen besonderen Reiz, sich die nüchtern präsentierte Schau von der New Yorker Fifth Avenue in der spanischen Dependance in Bilbao vorzustellen. Zwar können Frank Lloyd Wrights Pläne, Skizzen und Modelle seines spektakulären Museumsbaus mit der Rotunde nicht umgehend mit dem Originalgebäude verglichen werden wie es vor kurzem in New York der Fall war. Aber Bilbao gibt dem Besucher einen anderen Denkanstoß: die Visionen und Ideen Wrights mit Namens- und Berufskollegen Frank O. Gehry in Beziehung zu setzen und gegenüberzustellen. O. Gehry, der von sich sagt, dass er „früh mit Le Corbusier und Frank Lloyd Wright bombardiert“ wurde, hat zwar planerische Visionen, doch diese sind geradezu bescheiden, wenn man Wrights Utopien und Ideen betrachtet. Wie viele das waren, zeigt die von Thomas Krens und David van der Leer kuratierte und in einer chronologischen Reihenfolge angeordnete Ausstellung auf eine sehr übersichtliche Weise – von den neuen Siedlungen in den Vorstädten, über seine Besessenheit vom Automobil bis hin zu seiner Vision einer idealen Gesellschaft.

Übergreifend

Wrights Projekte beziehen sich nicht nur auf ein Gebäude, sein Interieur und seine Möblierung. Er bindet die umgebende Landschaft oder Stadt, das Außen und Innen, in seine Entwürfe mit ein. Schön ist dieser Ansatz beispielsweise bei dem extra für die Ausstellung angefertigten Gipsmodel von dem gewölbeartigen Interieur seines ersten Kirchenbaus, der Unitarierkirche (1905-1908) in Oak Park in Illinois, zu erkennen. Die kompromisslos industrielle Konstruktion aus Stahlbeton des sakralen Baus sowohl als auch der Verwaltungsbau der Larkin Company (1902-1906) in Buffalo im bundesstaat New York stellen ein Kontinuum ineinander übergreifender Außen- und Innenbereiche dar. Der Gebäudetyp des Unternehmens ist ein „großer Raum“, der alle Verwaltungstätigkeiten des Betriebes zusammenfasst. Daran schließt sich ein Nutzraum an und verbindet die Arbeitsfunktionen und sozialen Einrichtungen für die Angestellten fortschrittlich miteinander. Diese idealistische Version für eine moderne Unternehmensarchitektur baute Wright später beim Entwurf des Johnson Wax Headquarters aus.

Leitbilder

Doch für Frank Lloyd Wright stand nicht das einzelne Meisterwerk im Vordergrund. Sein Ideal war vielmehr eine organische Architektur, die sich, befreit von den Zwängen der Stadt, in die Landschaft einfügt und den Bewohnern individuelle Freiheit und ein besseres Leben ermöglichte und Teil einer allgemeinen Ordnung war. Dies erprobte Wright erstmals beim Bau von „Taliesin“ (1911) und später bei dem Haus „Fallingwater“ (1935/37). Und es führte ihn zu seinen so genannten Usonia-Häusern – Usonia war Wrights persönliches Synonym für Amerika – und dem exemplarischen Beispiel des „Jacobs House“ (1936-1937) in Madison in Winsconsin. Besonders mit letzterem erforschte Wright die formalen Möglichkeiten seiner „Broadacre City“ und späteren „Living City“.

Grüne Ideen

Hinter „Broadacre City“ stand der Plan, usonische Gemeinschaften über ein unbegrenzt anfassungsfähiges Grundmuster von Autobahnen und Ackerland zu verstreuen, denn „in der Übersteigerung der Großstadt offenbart sich keinerlei klares Denken oder gesundes Gefühl für das menschliche Wohl mehr,“ wie der Städtehasser Frank Lloyd Wright es einmal formulierte. Für ihn war die Stadt ein Gräuel und das Auto eine Möglichkeit, dieser zu entkommen. Im Nachhinein kann an sich alles, was er je entworfen hat, als Beitrag zu der Verwirklichung von „Broadacre City“ angesehen werden – einem Konzept, das sich ständig weiterentwickeln sollte und das er später „The Living City“ nannte.

Gesteigerte Phantasien

Neben dem Bau des New Yorker Guggenheim Museums gehörte zu seinen letzten Projekten ein Auftrag der irakischen Regierung für den Entwurf eines Kulturzentrums und einer Oper in Bagdad im Jahr 1957. Der nie realisierte Entwurf spiegelt sein Faible für die Zikkurat und Spirale. Er wird dominiert von einem Netz aus Schnellstraßen und Parkplätzen und wirkt wie ein Teil der „Living City“. Im Zentrum steht die spektakuläre „Crescent Opera“, die von einer halbkugelförmigen Kuppel überspannt und im goldenen Dachkäfig von einem Standbild des Alladin gekrönt war. „Ein Zeichen, dass Wright zum Gefangenen seiner eigenen ungezügelten Phantasien geworden war, und dass das ganze Projekt eher ein vergeistigter Traum war als ein wirklich ausführbarer Plan,“ meint der Architekturtheoretiker Richard Joncas und sagt weiter: „Gerade das Übersteigerte der Bagdader Oper ist ein schönes Zeugnis für die wunderbar fruchtbare Phantasie, die Wright bis ans Ende seines Lebens und Schaffens erhalten blieb.“

Eindrucksvoll

Insgesamt sind in der Ausstellung 63 Entwürfe aus der über 70 Jahre dauernden Karriere von Frank Lloyd Wright zu sehen. Doch dank der unaufdringlichen Präsentation kommen die Pläne besonders zu Geltung. Gerade im Zeitalter der Renderings ist es ein Genuss, die groben Linien und Bleistiftstriche im Original zu sehen – und zu bestaunen, wie mit Tusche, Tempera oder Buntstiften die Grundrisse und Perspektiven verschönert und handcoloriert wurden. Neue, extra angefertigte Modelle sowie Originale aus Pappe, großformatige schwarz-weiß Fotos sowie 3-D Animationsfilme ergänzen die Ausstellung. Doch nicht nur visuelle Eindrücke nimmt der Besucher mit. An einzelnen Modellen hängen Kopfhörer und flüstern dem Besucher O-Töne von Wright und seinen Freunden und Kollegen ins Ohr.

Zutreffend

„Frank Lloyd Wright machte sich gegen Ende seines über neunzigjährigen, produktiven Lebens ein besonderes Vergnügen daraus, sich selbst zum größten Architekten der Welt zu erklären,“ so der Architekturhistoriker David G. De Long. Sein frühes Eigenlob wurde zur "self fullfilling propecy", die sich in den letzten Jahren insbesondere durch das Interesse an Wrights Schriften bestätigte. Und auch eine Ausstellung wie diese zeigt, dass es nicht mehr so provokant wie damals ist, ihn als größten Architekten der Welt zu bezeichnen.


Die Ausstellung „Frank Lloyd Wright“ ist vom 22. Oktober 2009 bis zum 14. Februar 2010 im Guggenheim Museum im nordspanischen Bilbao zu sehen.

Zur Ausstellung gibt es den Katalog „Frank Lloyd Wright. From Within Outward" von den Autoren Hillary Ballon, Neil Levine und Joseph Siry, erschienen bei Thames & Hudson, London. Als Hardcover und als Softcover erhältlich.

Wer es nicht nach Bilbao schafft, dem sei die Trilogie über Frank Lloyd Wrights Gesamtwerk vom Taschen Verlag ans Herz gelegt. Eine ausführliche Rezension des ersten, bereits erschienenen Bandes finden Sie in der BauNetzWoche 130.

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