Fuori Salone 2010 – Eine Frage der Perspektive

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Text: Katharina Horstmann


Das von der Umgehungsstrasse Tangenziale Est, dem Fluss Lambro und den Gleisen der Bahnstrecke nach Venedig umgebene Lambrate im Nordosten Mailands gehört zu den Bezirken der Stadt, deren Infrastrukturen durch Industrieansiedlungen geprägt wurden. Lange Zeit lag der Distrikt brach, bis Anfang 2000 ein struktureller Wandel begann, initiiert von den Architekten Mariano Pichler und Gianluigi Mutti vom Studio Mica Moca. Inzwischen hat sich die Gegend zu einem Kreativviertel entwickelt, das mit seinen weitläufigen Räumlichkeiten Designer, Architekten, Künstler sowie Galeristen anzieht und das in diesem Jahr neben der Zona Tortona zum wichtigsten Quartier der über die Stadt verteilten Randveranstaltungen des Salone Internazionale del Mobile, dem Fuori Salone wurde.
 
 
Ähnlich wie vor neun Jahren die Zona Tortona im Süden der Stadt begann, mit ihren gigantischen Fabrikhallen und alten Werkstätten einen Kontrapunkt zu dem damals noch auf dem alten Messegelände unweit des Mailänder Stadtzentrums stattfindenden Salone zu bilden, entwickelt sich nun die Gegend um die Via Ventura zu einem neuen Pendant – doch nicht nur zur Messe in Rho, sondern auch zur Zona Tortona selbst. Denn seit einigen Jahren scheinen dort kommerzielle Ziele vor dem Qualitätsanspruch zu stehen. Die Mietpreise sind in die Höhe gegangen, die Aussteller wirken oftmals willkürlich zusammengestellt, und es fehlt zwischen Tohuwabohu, Würstchenbuden und Straßenfest immer mehr Raum für Experimente, kleine Labels und junge Designer.
 
Neuer Designdistrikt
 
Mit der Initiative Ventura Lambrate wollen die beiden Holländerinnen Margo Konings und Margriet Vollenberg das wieder ändern und fanden mit dem Quartier Lambrate den richtigen Ort dafür. Sie luden eine abwechslungsreiche Mischung an jungen sowie etablierten Designern, Designschulen und Produzenten ein, sich in der Gegend in verschiedenen neuen und alten Gebäuden zu präsentieren. Das Resultat war eine lebendige Plattform mit Ausstellungen, die dazu tendierten, den Geist der nordeuropäischen, insbesondere holländischen und belgischen Designgemeinde zu reflektieren. So stellte zum Beispiel die renommierte Design Academy Eindhoven unter dem Titel „?“ konzeptionelle Arbeiten ihrer Studienabsolventen vor; die belgische Designgalerie Z33 zeigte einen Einblick in ihre aktuelle Ausstellung „Design by Performance“; und das Turiner Projekt IN Residence präsentierte die Resultate seines Workshops mit Arbeiten von Pieke Bergmans, Julia Lohmann sowie Formafantasma.
 
Ein weiterer Anlaufspunkt für zahlreiche Installationen von bekannten sowie jungen Gestaltern und innovativen Unternehmen war, wie in jedem Jahr, der Spazio Rossana Orlandi in der Innenstadt. In der alten Krawattenfabrik fielen die diesjährigen Präsentationen noch kleinteiliger aus als sonst. So gab es neben wenigen spartanischen Entwürfen von Studenten der Stockholmer Kunsthochschule Konstfack, aktuellen Projekten von Piek Hein Eek oder neuen Produkten von dem finnischen Möbelhersteller Artek oftmals nur Einblicke in andere Ausstellungen wie zum Beispiel „Mindcraft“, eine von Danish Crafts organisierte Schau über zeitgenössisches dänisches Design, die in ihrer gesamten Form in der Zona Tortona zu sehen war. Ein Novum war die von Rossana Orlandi kuratierte erste große Einzelausstellung mit dem Titel „Diversity“ des in Holland ansässigen spanischen Designers Nacho Carbonell, die ausquartiert im Spazio Gianfranco Ferré im Brera-Viertel präsentiert wurde.
 
Experimentelle Labors
 
In der Zona Tortona gab es neben dänischem Kunsthandwerk und trotz berechtigter Kritik noch manches Innovatives zu entdecken. Zu den Highlights zählte „Contemplating Monolithic Design“, die erste konzeptionelle Installation von Sony in den Officine Stendhal. Der japanische Elektronikhersteller hatte das Londoner Designerduo BarberOsgerby eingeladen, sich von konventionellen Archetypen zu lösen und zu erforschen, wie Raumklang in zeitgenössische Objekte und Möbel als auch in die Architektur integriert werden könnte.
 
Ebenfalls sehenswert waren das LED-Lichtkunstwerk Lucéste des Elektronikherstellers Toshiba oder der von Jules Wright kuratierte Swarovski Crystal Palace in der Via Tortona. Die Gründerin des Londoner Ausstellungsprojektes The Wapping Project präsentierte für Swarovski die von Kristallen inspirierten visionären Werke der Designer und Architekten Tokujin Yoshioka, Nicolas Gwenael, Vincent van Duysen, Rogier van der Heide und Yves Béhar. Doch dem nicht genug: Der österreichische Kristallhersteller war zudem mit 9x10 – Swarovski Elements at Work in der Triennale zu sehen, wo er in Kooperation mit verschiedenen Möbelunternehmen und Designern, unter ihnen Moroso und das Londoner Büro Doshi Levien, die diversen Möglichkeiten für den Einsatz von Kristallen im Industriedesign zeigte.
 
Perspektiven und Effekte
 
In der Innenstadt unweit des Doms bewies der dänische Textilhersteller Kvadrat mit einer außergewöhnlichen Installation die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Textilien. Die Designer Patricia Urquiola und Giulio Ridolfo verwandelten einen BMW 5er Gran Turismo in ein so genanntes „Dwelling Lab“. Sie ließen fünf geometrische Kegel aus dem Auto heraustreten, die mit Kvadrat-Stoffen verkleidet und mit jeglichen erdenklichen Reiseutensilien ausgestattet waren. So schien der Innenraum des Vehikels nach Außen zu treten, mit der Folge, dass sich dem Betrachter fünf ungewöhnliche Perspektiven auftaten.
 
Um Perspektiven ging es auch bei der von Design Miami initiierten Ausstellung „Design Vertigo“ im Spazio Fendi. Neben Arbeiten der sich an der Grenze zwischen traditionellem Design und Kunst bewegenden Gestaltern Beta Tank, Graham Hudson und rAndom International wurde dort die Installation „Elisse nel trapezio“ von dem Schweizer Künstler Felice Varini gezeigt, eine ortsbezogene anamorphotische Wandmalerei, die mit zwei- und dreidimensionalen Effekten spielte.
 
Verschiedene Bestandsaufnahmen
 
Weitere Themen des Fuori Salone waren Ausstellungen, die sich ganz klassisch der Bestandsaufnahme des zeitgenössischen Designs widmeten. Der Rat für Formgebung beispielsweise zeigte mit „Design Deutschland 2010“ einen Einblick in das aktuelle deutsche Design. Im Spazio Romeo Gigli wurden neben hundert Neuheiten etablierter Unternehmen und Designer zweidutzend teilweise noch nie gezeigter Prototypen von jungen Gestaltern wie Mark Braun, Uli Budde, Reinhard Dienes oder llot llov präsentiert. Der Messeveranstalter Cosmit hingegen organisierte gemeinsam mit der Stadt Mailand die Ausstellung „Unexpected Guests – Yesterday’s Houses, Today’s Design", für die der italienische Kurator Beppe Finessi über 200 zeitgenössische Designobjekte in vier historischen Villen der Stadt inszenierte und damit geschichtliche Zusammenhänge zwischen Gegenwart und Vergangenheit schuf.
 
Auf der Suche
 
Ob in Ventura Lambrate, in der Zona Tortona oder anderswo in der Innenstadt Mailands: In diesem Jahr waren weniger exzentrische oder prunkvolle Inszenierungen auf dem Fuori Salone zu finden. Die Präsentationen sind spürbar leiser geworden. Im Mittelpunkt stand weniger der mediale Effekt als die Produkte, Projekte oder Experimente selbst. Auch die Zeitschrift Interni widmete sich mit den im Rahmen des Projektes „Think Tank“ entstandenen experimentellen Installationen renommierter Architekten und Designer dem aktuellen Bedürfnis nach Erneuerung und Veränderung. So wurde in 2010 vieles infrage gestellt; vieles war zu erforschen – sei es, um auf fremden Arealen der Stadt neue Ausstellungsflächen zu finden, zu erkennen was neu und was alt ist oder um gegenwärtige Konventionen und althergebrachte Archetypen zu hinterfragen.
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