Fuori Salone 2012 – Hinter alten Mauern

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Text: Katharina Horstmann


Ein neues Jahr, ein neuer Salone Internazionale del Mobile und mit ihm über 400 über das Mailänder Stadtgebiet verteilte Randveranstaltungen. Wie gewohnt gab es drei maßgebliche Design-Distrikte, doch anders als in den vergangenen Jahren boten weniger die Industriegebiete Zona Tortona und Ventura Lambrate, sondern die Innenstadt eine attraktive Alternative zum Messerummel: Ein Grund dafür waren die zurückhaltenden Inszenierungen der Marken und Ausstellungen, die insbesondere die großen Industriegebäude in banale Messehallen verwandelten. Ein weiterer die vielen historisch bedeutenden Bauten im Stadtzentrum, die teilweise zum ersten Mal für die Öffentlichkeit zugänglich waren und in einem interessanten Kontrast zu den temporären Ausstellungsstücken standen, wenn sie diese nicht gleich überstrahlten.
 
 
Was passiert, wenn ein Auto wie eine Zwiebel Schicht für Schicht auseinandergenommen und dabei analysiert wird? Kann es, in seine einzelnen Bauteile zerlegt, eine neue Perspektive auf seine Struktur erlauben, die selbst ein Nicht-Autobauer versteht? Tatsächlich ließ die Installation Colour One for MINI, die von den Niederländern Stefan Scholten und Carole Baijings für BMW entworfen und während der Mailänder Möbelmesse in der Universität „Statale“ präsentiert wurde, einen freien und von allen Konventionen gelösten Blick auf das Fahrzeugdesign erkennen. Und das mit einer offensichtlichen Experimentierfreude, die dem weltweit wichtigsten Designfestival ansonsten ein wenig abhanden gekommen zu sein scheint.
 
Salone della Macchina
 
Auch in diesem Jahr liefen die Möbelhersteller in Mailand Gefahr, von Automobilkonzernen und Technologieunternehmen in den Schatten gestellt zu werden. Denn diese nutzten erneut die Aufmerksamkeit, um sich nicht nur in attraktiver Gesellschaft in der Stadt zu präsentieren und das Publikum von ihrer Nähe zum Design und ihrem Bewusstsein für Gestaltung zu überzeugen. Sie engagierten vielmehr Möbeldesigner und Architekten, um mit modernen Technologien zu experimentieren und neue, oft spannende Blickwinkel auf die eigenen Produkte zu schaffen. So war neben BMW auch das Ingolstädter Unternehmen Audi präsent, das einen Stuhl-Prototypen von den Designern Clemens Weisshaar und Reed Kram anlässlich der von Paola Antonelli kuratierten Ausstellung The Future in the Making im Palazzo Clerici vorstellte.
 
Mailänder Prachtbauten
 
Der Stadtpalast der Familie Clerici, der bekannt ist für seine von dem Maler Giovanni Battista Tiepolo geschaffenen Deckenmalereien aus dem 17. Jahrhundert, gehörte zu einer Reihe historisch bedeutender Bauten, die – vielleicht als positive Nebenerscheinung der wirtschaftlichen Krise Italiens – in diesem Jahr zum ersten Mal als Ausstellungsstätte vermietet wurden. Boten zuvor Zona Tortona im Süden und in den letzten zwei Jahren Ventura Lambrate im Nordosten der Stadt eine wirkliche Alternative zum etablierten Messekirmes, waren 2012 auch hier zwischen Studentenshows und kleinen Firmen große Marken wie Ikea oder Modelabels wie Cos zu finden. Dadurch verloren die Quartiere ein wenig ihre Anziehungskraft, so dass das Stadtzentrum als Ausstellungsort mit seinen unterschiedlichen Bauten wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte.
 
Intime Stadtführungen
 
Neben dem Palazzo Clerici öffnete auch die Casa degli Atellani zum ersten Mal der Öffentlichkeit ihre Türen: In dem Prachtbau aus dem 16. Jahrhundert, der in den 1920er Jahren von Piero Portaluppi zu einer Privatresidenz umgebaut worden war, zeigte der Leuchtenhersteller Fontana Arte eine Übersicht seiner Kollektionen. Ebenfalls nicht verpasst werden durfte – allein schon wegen der Räumlichkeiten, die Projekte selbst waren teilweise keine Neuheiten – die Ausstellung „Trial & Error“ des japanischen Designstudios Nendo im Palazzo Visconti. Und die Galerie Nilufar wählte für ihre limitierten Editionsobjekte neben den eigenen Galerienräumen in der Via della Spiga gleich zwei weitere Schauplätze: den Palazzo Durini aus dem 16. Jahrhundert sowie Gio Pontis Palazzo Garzanti aus den 1940er Jahren. Besonders sehenswert waren hier die im 3D-Druck hergestellten Schalen Paper Objects von Nendo und Tische Multithread von Clemens Weisshaar und Reed Kram.
 
Komplexe Museen
 
Ein weiterer, nicht ganz unbekannter Veranstaltungsort, der jedoch in diese Jahr in größerem Maßstab bespielt wurde, war das Museo Nazionale della Scienza e della Tecnologia. Tom Dixon organisierte hier die Ausstellung Most, in der er neben einer Vielzahl von Arbeiten von kleineren Labels und Jungdesignern seine eigenen Entwürfe zwischen Fresken und U-Booten zeigte. Allerdings waren die Räume des Museums nicht immer der Präsentation zuträglich: Manche Ausstellungsstücke verloren sich in der Weite des Areals und gerieten auf der Suche nach dem Rundgang schnell in Vergessenheit. Andererseits bot es eine spannende und kontrastreiche Umgebung, was sich insbesondere bei der Demonstration von Dixons neuen, in Zusammenarbeit mit dem deutschen Maschinenhersteller Trumpf hergestellten Stühlen und Leuchten zeigte: Sie wurden aus Metallplatten produziert, stimmungsvoll direkt neben altertümlichen Lokomotiven.
 
Was bleibt?
 
Was bleibt nach sechs Tagen im Mailänder Ausnahmezustand? Vielleicht ein zwiespältiger Eindruck angesichts der zurückhaltenden Entwürfe und dominierenden Architekturen? Oder die Befürchtung, trotz der zahlreichen Produktneuheiten kaum etwas wirklich gesehen zu haben? Vielleicht aber auch die Hoffnung, dass sich nach einem stilleren 2012 die weniger lauten, dafür aber technisch ausgefeilteren Projekte im nächsten Jahr weiter durchsetzen werden.


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