Gaumenleid und Gaumenfreud

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Text: Pauline Klünder


Die Welt ist klein geworden und wir haben einen Begriff für dieses Phänomen: Globalisierung. Wirtschaft, Politik, Wissenschaft oder Kultur – die globalen Beziehungen haben sich in allen Bereichen für jeden spürbar intensiviert und sind komplex miteinander verzahnt. Wirtschaftspolitische Außenorientierung und weltweite Handelsbeziehungen führen zur Annäherung der Kulturen. Dabei reisen wir nicht nur quer durch die Welt, sondern auch quer durch das Internet. Im besten Fall wächst unser Bewusstsein für das Globale, im Zuge damit rückt aber auch das Lokale wieder in den Fokus. Eine besondere Leidenschaft packt uns, wenn die Globalisierung auf unseren Gaumen trifft. Denn sie hat verschiedene Geschmacksnuancen: Dem einen zergeht sie süß auf der Zunge, für den anderen hat sie einen bitteren Beigeschmack.


Coca-Cola-Süß

Kaum ein anderes Getränk verkörpert die Globalisierung eindrucksvoller als Coca-Cola. 1886 erfand der Apotheker John Pemberton aus Atlanta jene braune zuckersüße Kreation, die mit Sodawasser aufgemischt zunächst als nichtalkoholisches medizinisches Stärkungsmittel verkauft wurde. Das neue Getränk kam gerade rechtzeitig, als in Atlanta der Verkauf von Alkohol gesetzlich verboten wurde und bot sich als „Prohibitionsgetränk für Intellektuelle“ an: ein wertvolles Gehirntonikum und Heilmittel für alle nervösen Beschwerden mit den tonischen und nervenstimulierenden Eigenschaften der Kokapflanze und Kola-Nüsse. Vor allem der geschickten Vermarktung durch Asa Candler, der sich nach Pembertons Tod die Rechte an Coca-Cola gesichert hatte, ist es zu verdanken, dass der Absatz des Präparats rasant anstieg, das Getränk sein Image wandelte und nunmehr als Erfrischungsgetränk zum Nationalgetränk der US-Amerikaner avancierte.

Zwar wurde die koffeinhaltige Limonade bald auch außerhalb Amerikas verkauft, doch erst als sich das Land mit dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg von seiner Politik des Isolationismus endgültig verabschiedete, entwickelte sich die Marke zu einer globalen Handelsmarke. Der Angriff der Japaner auf die US-amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor 1941 traf das patriotische Herz tief. Die USA erklärte Japan den Krieg und mit den Soldaten zog Coca-Cola in die weite Welt. Der damalige Konzernchef Robert Woodruff verkündete: „Wir werden dafür sorgen, dass jeder Mann in Uniform für fünf Cent eine Flasche Coca-Cola bekommt, wo immer er gerade ist und was immer es die Firma kostet.“ Woodruff hielt sich an sein Versprechen und da es sich als unökonomisch erwies, die Truppen mit Flaschen zu versorgen, wurden an den Militärstützpunkten Abfüllwerke und Soda-Bars errichtet. Nach dem Sieg der Alliierten und der Phase des Wiederaufbaus ging die Produktion in zivile Hände über. Mit Ausnahme der Antarktis hatte sich die Coca-Cola inzwischen auf allen Kontinenten bis in die hintersten Winkel etabliert. Für die einen schmeckt Coca-Cola nach Freiheit, für die anderen symbolisiert das Getränk den weltweiten Vormarsch multinationaler Konzerne – die Globalisierung des Geschmacks.

Essen als Kulturerhalt

Als McDonald’s in den 1980er Jahren die Eröffnung seiner ersten Filiale in Rom plante, entbrannte darüber eine heftige Diskussion. Ausgerechnet an der Spanischen Treppe – historisches Vorzeigestück der Stadt und eine der bekanntesten Freitreppen der Welt – wollte sich die Schnellrestaurant-Kette niederlassen. Der Protest folgte auf dem Fuße und gipfelte in einer Bewegung, die sich schon einige Jahre darauf internationalisierte. 1986 gründete eine Gruppe italienischer Gastronomen die Organisation „Slow Food“, die sich für den Schutz und das Recht auf Genuss einsetzt. Dahinter steht das Bemühen, regionale kulinarische Traditionen und Produktionsweisen zu erhalten – und zu fördern: „Für Slow Food wird das Essen damit zu einem politischen Akt, der diejenigen auszeichnet, die für eine nachhaltige Entwicklung, die Erhaltung der Landwirtschaft, die Wahrung der Traditionen, die Verteidigung der Umwelt sowie für Biodiversität, für den Respekt vor Identität und für soziale Gerechtigkeit eintreten,“ so Carlo Petrini, Mitbegründer der Bewegung und Präsident von Slow Food International. Mittlerweile zählt die Vereinigung über 85.000 Mitglieder in über 130 Ländern.

„Das Bewusstsein für das Regionale ist ein weltweiter Trend," beobachtet auch die Ernährungswissenschaftlerin, Trendforscherin und Unternehmensberaterin Hanni Rützler. „Eigentlich ist kaum eine Generation so viel gereist wie die heutige. Wir wissen wie Europa schmeckt, wir wissen wie Amerika und Asien schmecken. Wir können in den Restaurants der Großstädte rund um die Welt essen. Da ist es auch spannend, wieder herauszufinden, wie es in der Heimat schmeckt.“ Das neue Interesse an der Region habe dennoch nichts mit einem Rückzug auf die Scholle zu tun, sondern mit der Suche nach neuen Orientierungsgrößen. Wir probieren viel und bleiben im Überfluss verunsichert. „Wenn die Grundnahrungsmittel aus Ländern kommen, in denen wir selbst vielleicht noch nie waren, beginnen wir sehr wohl am Sinn zu zweifeln.“ Unsere Neugierde bleibt uns trotzdem erhalten.
Rützler ist Autorin verschiedener Publikationen, die die Zukunft unserer Essgewohnheiten thematisieren. Die globale Sehnsucht nach Geschmack begründet sie unter anderem mit einem Verlustgefühl, das im Zusammenhang mit den sich ändernden Lebens- und Arbeitsgewohnheiten steht. Wir arbeiten geistig und bewegen uns wenig. Unser Leben steht unter Zeitdruck. Wir essen am Geschmack vorbei. Was bleibt ist die Sehnsucht – aber die kann befriedigt werden.

Qualität dank Internet

Wen der Appetit auf die Welt packt, der ist bei Sascha Rimkus und Andreas Klöckner richtig. Vor zweieinhalb Jahren eröffneten der Bar- und Restaurantmanager und der viel durch die Welt gereiste Koch ein Geschäft, das den sensiblen Geschmacksnerv des Publikums im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg an der richtigen Stelle kitzelt. Die beiden Ladenbesitzer verkaufen nicht nur Brot nach alten Rezepten, Gemüse und Obst nach Saison sowie Getränke und regionale Spezialitäten aus allen Ecken der Welt, sie servieren auch Kaffee, führen einen Kochbuchladen und veranstalten Kochkurse mit internationalen Gastköchen. Wer bei „Goldhahn & Sampson“ vorbeischaut, kauft nicht nur ein, sondern teilt die Leidenschaft der beiden Geschäftsinhaber für gutes Essen. Das Sortiment ist qualitätsbewusst und ausgesucht ungewöhnlich – und wäre ohne die Informations- und Vertriebsmöglichkeiten, die das Internet bietet, kaum auf diese Weise zusammenstellbar.

„Bevor wir den Laden aufgemacht haben, sind wir viel in der Welt umhergereist“, erklärt Klöckner, der zehn Jahre in Australien lebte. „Mittlerweile reisen wir im Grunde nur noch im Internet.“ Gerade kleinen Händler und Produzenten biete das Internet die Möglichkeit, ihre Produkte gezielt anzubieten. Sie forschen nach, suchen ihre Kunden und kommen dann zum Beispiel zu „Goldhahn & Sampson“ direkt in den Laden. „Eine positive Entwicklung,“ urteilt Klöckner. „So werden zum Beispiel alte Brotrezepte gerettet. Das Mailorder-Geschäft bietet den kleinen Bäckereien die Chance, kompromisslos weiterzumachen. Sie müssen nicht industrialisieren und die Rezepte, nach denen sie seit Generationen backen, können bewahrt werden.“

Die bequemen Informationsmöglichkeiten, die das Internet bietet, setzen auch die auf großem Fuße agierenden Produzenten unter Druck. Der Konsument sei mündiger und kritischer geworden, gibt die Zukunftsforscherin Rützler zu bedenken. „Jene Produzenten, denen es gelingt, das Vertrauen der Konsumenten zu erobern oder auch zurück zu erobern, werden die Nase vorn haben.“


Bücher zum Thema:

Tom Stadage:
Sechs Getränke, die die Welt bewegten.
Artemis & Winkler Verlag (Düsseldorf/Zürich) 2006

Hanni Rützler:
Was essen wir morgen? 13 Food Trends der Zukunft.
Springer-Verlag (Wien) 2005

Petra Hagen Hodgson und Ralf Toyka (Herausgeber):
Der Architekt, der Koch und der gute Geschmack.
Birkhäuser Verlag (Basel) 2007

Christoph Wagner:
Fast schon Food. Die Geschichte des schnellen Essens.
Campus Verlag (Frankfurt am Main) 1995

Wolfgang Schivelbusch:
Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genussmittel.
Fischer Taschenbuch Verlag (Frankfurt am Main) 1990

Manuela Mahn:
Gewürze. Geschichte, Handel, Küche.
Philipp Reclam (Stuttgart) 2001

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