Gefallene Engel

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Text: Stephan Burkoff


Der diesjährige Salone del Mobile und das Spektakel drum herum strotzen nur so von Möbeln aus Architektenhand. Kaum einer der großen Hersteller von Rang und Namen wollte in seiner aktuellen Kollektion auf diesen vermeintlichen Trumpf verzichten – darunter entgleistes Stadtmobiliar, hemmungslos kantige Leuchten und völlig aus der Zeit gefallene Möbelkollektionen.

Zaha Hadid war in Mailand mit der Tischkollektion Mercurial Table für Citco, einer amorphen Bank aus Marmor namens Serac für lab 23, dem Saalbestuhlungssystem Array für Poltrona Frau, der Leuchtenkollektion Avia für Slamp und weiteren Produkten vertreten. Sie könnten allerdings auch alle von einem Hersteller oder im Eigenvertrieb entwickelt worden sein. Libeskind war mit seiner Leuchte Paragon bei Artemide zu sehen, die unbestritten seinen Stil konsistent weiterträgt, aber im Ergebnis technoid, kalt und kantig wirkt. Tadao Ando zeigte seinen auf alten Entwürfen Hans J. Wegners basierenden Sessel für Carl Hansen & Søn. In der Ahnenreihe der Hansen-Klassiker fällt er deutlich aus dem Rahmen. OMA und Rem Koolhaas warteten mit der eigens zum 75. Geburtstag von Knoll entwickelten Kollektion Tools for Life auf, die über mechanische Spielereien verfügt und an James-Bond-Filme der 80er Jahre erinnert.

Häuser, so sagt man, sind wie die Kleider des Lebens. In dem Versuch der zeitgenössischen Architekten, dieses Kleid mit einem Innenfutter und Accessoires auszustatten und ihre eigene Formensprache auf ein möbelgerechtes Maß zu skalieren, muss man sie größtenteils als gescheitert betrachten. Oft sind die Entwürfe nur eine simple Synthese des individuellen Architektur- und Gestaltungsverständnisses, manchmal sind sie eine geradezu stereotype Reproduktion einer gewissen Ästhetik, und selten zeigen sie eine wirkliche gestalterische Novität. Vielmehr sind es Ikonen, die ein Image vermitteln sollen. In einzelnen Fällen dürften diese Kriterien zu einer Kaufentscheidung führen. Es ist den Herstellern jedoch zu unterstellen, dass sie ganz andere Ziele mit ihrem Engagement verfolgen, als einen möglichst großen Abverkauf der gezeigten Objekte.

Unbestritten haben viele Größen der Architektur in der Vergangenheit außergewöhnliches Mobiliar geschaffen. Insbesondere die Moderne, mit Corbusier, van der Rohe und anderen, hat bewiesen, dass Architektur und Möbel- und Interiordesign eine sinnvolle ästhetische Einheit bilden können – oder sogar müssen. Denn die Architekten sind immer von einem Bedürfnis, von einem Ziel oder der Lösung einer Aufgabe ausgegangen. Genau da liegt das Problem vieler der heutigen Architektenmöbel. Sie müssen nichts. Es ist ein Produkt der Marketingabteilungen, wenn Architekten und Hersteller heute zusammenfinden. Ein Versuch, mit den Göttern des Architektur-Olymps das Geschäft anzukurbeln und neue Märkte zu erschließen. Erfolg oder Misserfolg werden nicht an Verkaufszahlen, sondern am erzeugten medialen Druck gemessen.

Man fühlte sich deshalb auf dem Salone del Mobile 2013 zuweilen wie an einem Merchandise-Stand der internationalen Architektenszene. Ein Ausverkauf von Identität auf beiden Seiten. Wer hier wen instrumentalisiert, bleibt dabei ebenso unklar, wie der Nutzen, den die einzelnen Parteien wirklich daraus ziehen werden. Die Ergebnisse dieser Kooperationen finden kaum Antworten auf Fragen unserer Zeit. Die Schnelllebigkeit der Branche wird viele Entwürfe deshalb binnen kurzer Zeit in Vergessenheit geraten lassen.

Weitere Neuheiten, Trends und Berichte vom Salone del Mobile 2013 finden Sie in unserem Mailand-Special.
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