Gläser, die die Welt bedeuten

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Text: Norman Kietzmann

Eine Sonnenbrille ist kein Accessoire. Sie ist ein Schutzschirm auf Zeit. Nicht nur Hollywoodstars, Rockgrößen und Normalsterbliche verstecken sich hinter dunklen Gläsern. Schon Kaiser Nero soll sich einen grünen Smaragden vor die Augen gehalten haben, um die Spiele der Gladiatoren zu verfolgen. Ein kurzer Streifzug durch die Geschichte der Sonnenbrille. 

„Du kannst nicht cool sein ohne deine Gläser“, lautet der Werbespruch einer bekannten Sonnenbrillenmarke. Und er macht eines auf Anhieb klar: Sonnenbrillen sind viel mehr als nur ein modisches Accessoire. Sie sind Wunderwaffen für den Alltag, die ihre Träger mit der Aura des Unnahbaren umgeben. Sonnenbrillen erlauben, andere zu fixieren, ohne selbst fixiert zu werden. Wie ein Schutzschirm auf Zeit, der mit einem einzigen Handgriff wieder abgenommen werden kann. Der Charme der Sonnenbrille liegt genau in dieser Variabilität. Sie ist eine Maske, die nicht verkleidet, sondern kleidet. Und manchmal stiftet sie sogar Identität. 

Lässigkeit & Souveränität
Als Joschka Fischer seine erste Rede vor dem Bundestag mit Sonnenbrille absolvierte, war der Skandal vorprogrammiert. Und auch im Kino genügen oft zwei dunkle Gläser, um Helden wie Antihelden die nötige Lässigkeit und Souveränität zu verleihen. In gefühlten 120 Filmminuten nestelt Marcello Mastroianni in La Dolce Vita an seiner Sonnenbrille, die selbstredend auch in Nachtszenen nur selten abgesetzt wird. Die Blues Brothers gleichen zwei singenden Sonnenbrillen in schwarzen Anzügen, und auch die virtuellen Kreuzzüge der Matrix-Krieger wären ohne sportive Sonnengläser nur halb so virtuos verlaufen wie in der (ab)gedrehten Realität. 

Antike Spuren
Dass die Sonnenbrille im Gegensatz zu klarglasigen „Normalbrille“ Kultstatus erlangte, war keine Selbstverständlichkeit. Die ersten Brillen nach heutiger Bauart wurden im 18. Jahrhundert entwickelt. Mit ihren grün und blau eingefärbten Gläsern wurden sie als medizinische Instrumente für Augenleiden nicht nur belächelt. Sie galten sogar als ausgesprochen spießig. Von funktioneller Natur waren auch die Sehhilfen, die die Eskimos vor knapp 2500 Jahren als Schutz vor Schneeblindheit entwickelt haben. Aus den Rippen von Seehunden schnitzten sie konkav gekrümmte Scheiben, die die Augenhöhlen vollständig bedeckten und lediglich einen schmalen Sehschlitz in ihrer Mitte freiließen. Eine Spur Exzentrik beflügelte das alte Rom. So soll Kaiser Nero die Gladiatorenkämpfe durch einen grossen, grünen Smaragd hindurch betrachtet haben, den er sich vor seine Augen hielt.

Eskimo-Brille, 400-800
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Chinesische Eisblöcke
Bestand der Zweck dieser Gläser vor allem darin, die Augen vor zu grellem Sonnenlicht zu schützen, wurde ihre psychologische Wirkung zuerst in China ausgenutzt. Amtsrichter verbargen ab dem 14. Jahrhundert ihre Augen hinter verdunkelten Quarzkristallen, um ihre Emotionen während der Verhandlungen zu verbergen. Der Mythos der bebrillten Unnahbarkeit war damit bereits geboren, wenngleich sein Siegeszug erst im frühen 20. Jahrhundert erfolgen sollte. 

Sport & Militär
Als Auslöser dienten die neuen Formen der Mobilität: Autofahrer, Piloten, Extremsportler und Reisende benötigten nicht nur Schutz vor Staub und Wind, sondern ebenso vor grellem Sonnenlicht. Auch in Deutschland hatten Optiker wie Josef Rodenstock und Carl Zeiss an Sonnenbrillen gearbeitet, die zunächst als Ausstattung für Sportler vertrieben wurden. Als Rodenstock 1905 die ersten Gläser entwickelt hatte, die ultraviolette Strahlung vollständig herausfiltern konnten, begann sich auch das Militär für die dunklen Gläser zu interessieren.

Glamour für den Alltag
In der Öffentlichkeit wurden Sonnenbrillen vor allem durch die Filmstars der 1920er Jahre bekannt. Wollten diese zunächst nur ihre Augen in den Drehpausen vor dem grellen Scheinwerferlicht schützen, ergab die distinktive Wirkung der dunklen Gläser eine keineswegs unerwünschte Nebenwirkung. Einmal aufgesetzt, erlaubten Sonnenbrillen einen Moment der Intimität und Ruhe am hektischen Set. Und wer wollte es seinerzeit schon wagen, den Träger oder die Trägerin einer Sonnenbrille anzusprechen? Vom Massenartikel waren die hochpreisigen Brillen allerdings noch weit entfernt. Erst in den dreißiger Jahren brachte die Marke Foster Grant die ersten erschwinglichen Modelle an der amerikanischen Ostküste auf den Markt.

Befreites Lebensgefühl
Der eigentliche Durchbruch verdankt sich dem Militär. 1937 hatte die US-Air-Force den Auftrag zur Entwicklung einer Fliegerbrille gegeben, die unter dem Namen Aviator Geschichte schreiben sollte. Der Umstand, dass die Brille die schädlichen UV-Strahlen vollständig bannen konnte, wurde zum Namensgeber des eigens gegründeten Herstellers: Ray-Ban. Als offizielle Brille der Air Force gelangte das Modell schließlich auch nach Europa und gehörte neben Cola, Kaugummi und Rock‘n‘Roll zu den Insignien eines befreiten Lebensgefühls nach Ende des Zweiten Weltkriegs.
Modell Peru Bambu von Oliver Goldsmith, 50er Jahre
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Zeitloser Klassiker
Den Übergang von Metall- zu Kunststoffgestellen markiert die 1952 vorgestellte Wayfarer (zu deutsch: Reisender), die ebenfalls von Ray-Ban entwickelt wurde. Anders als die betont maskuline Aviator konnte das Modell von beiden Geschlechtern getragen werden und wurde in unterschiedlichen Größen angeboten. Ganz gleich ob James Dean, Audrey Hepburn oder die Blues Brothers: Mit ihren spitz aufsteigenden Ecken und der weich abgerundeten Unterkante gab die Wayfarer jedem Outfit den richtigen Schliff. Männer mit Krawatte wirkten locker. Damen im kleinen Schwarzen wirkten frech. Und auch die Uniform der ewigen Rebellen – die Kombination aus T-Shirt und Jeans – wurde erst durch das Tragen einer Sonnenbrille vollendet.

Alle Zeichen auf Retro
Immer wieder haben Designer, Architekten und Künstler in den letzten 50 Jahren an neuen Formen gearbeitet. „Auch wenn schon extrem viel gemacht wurde, sind die Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. Die Brillen der A-Frame-Linie, die ich für PQ Eyewear entworfen habe, lassen sich in der Distanz zwischen den Augen genau justieren. Warum hat das noch keiner gemacht?“, erklärt Ron Arad. Auch Kollegen wie Philippe Starck oder jüngst Marc Newson haben eigene Brillenkollektionen lanciert. Doch schaut man in die Geschäfte, stehen auch in puncto Brillen die Zeichen auf Retro. Auch dies ist keine neue Entwicklung. Nachdem die Wayfarer in den 70er Jahren an Popularität verloren hatten, erlebte sie durch geschicktes Product Placement von Blues Brothers bis Miami Vice ein Revival. 

Film Noir trifft Camouflage
Auch bei anderen Marken wird Klassik groß geschrieben. Die Marke Persol, deren Erfolgsmodell 649 im Jahr 1957 für die Ausstattung der Turiner Straßenbahnfahrer entworfen wurde, wandelt derzeit mit einer Sonderedition auf den Spuren des Film Noir. Der britische Brillenbauer Oliver Goldsmith schwelgt ganz in den fünfziger und sechziger Jahren, als er Gläser für Christian Dior und Givenchy entwickelt hatte. Und selbst Valentino zeigt Variationen der Wayfarer in Camouflage – und knüpft auf diese Weise an den Mustertrend seiner aktuellen Prêt-à-Porter-Kollektion an. Doch ganz gleich, für welches Modell man sich auch entscheiden mag: Wer richtig angezogen sein will, geht auch heute niemals ohne seine Gläser aus dem Haus – ganz gleich, ob es draußen regnet oder die Nacht schon längst begonnen hat.

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