Globalized Gestaltung

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Text: Tanja Pabelick


Unsere Welt wird kleiner. Egal ob über Datenautobahnen oder mit dem Flugzeug: Die Kulturen rücken rasant zusammen, und das verändert auch unsere Objektwelt. Eine Olympiade in Peking, der Anpfiff in Südafrika und die allgegenwärtige Einbeziehung fremder Kulturen und Techniken in die westliche Gestaltung werfen Fragen auf: Welchen Standpunkt hat das Design in diesem Spannungsfeld, wie steht es um die Verantwortung, die die Entwicklungen mit sich bringen, und wo sind eigentlich die afrikanischen oder asiatischen Designer, bei deren Traditionen sich derzeit so reichlich bedient wird?

„Less is more“ oder „Less is bore“?


Die Sensibilisierung für grüne, soziale und politische Inhalte ist schon lange zum Designthema geworden. Mit der ersten (industriellen) Revolution verabschiedete man sich überzeugt vom Handwerk, um sich über ein Jahrhundert später in einer zweiten wieder darauf zu besinnen. Das „Neue deutsche Design“ der 1980er Jahre und italienische Gruppierungen wie Memphis waren die ersten, die lautstark eine Neupositionierung des Gestalters forderten. Man wollte keine genormten Eierbecher mehr, keine Kaffeetassen im demokratischen Einheitskleid und erst recht keine Möbel, die so gewöhnlich funktional waren, dass einem darauf die Füße einschliefen. Man war auf der Suche nach neuen Werten oder den guten alten – wollte Dinge mit emotionalem Gehalt, Individuelles und Unikate. Mit dieser Bewegung hat sich eine Haltung im Design manifestiert, die in ihrem Grundgedanken festes Element der zeitgenössischen Gestaltung bleiben wird: Design reduziert sich nicht mehr auf seine Form und Funktion und verweigert sich Kategorisierungen.

Neben allen inhaltlichen Zersplitterungen ist es vor allem der Gestalter selbst, der aus dem Schatten seiner Produkte herausgetreten und zum Autorendesigner geworden ist. Diese Emanzipation, die die Objekte ihrer Stellung als „Stumme Diener“ enthob und den Designer von der Rolle des im Hintergrund agierenden Dienstleisters befreite, sorgt für eine neue Verantwortung. Die Kindheit in sicheren Grenzen ist vorbei, das Aufbegehren der Pubertät überstanden. Es beginnt die Phase des verantwortungsvollen Erwachsenenlebens, in der die gesamte Umwelt in ihren Zusammenhängen relevant wird. Nun richtet der Gestalter sein Augenmerk auf den globalen Kontext. Fremde gesellschaftliche Realitäten rücken immer mehr in den Fokus. Vielleicht ist dies die dritte Revolution. Sicher ist, dass sich eine von der eigenen Kultur geprägte nationale Gestaltung in eine interkulturelle verwandelt und jede Handlung auch einen Blick auf die Folgen fordert.

Die neue kulturelle Relevanz in McWorld

Objektwelt und Kultur waren schon immer eng miteinander verwoben. Alltag, nationale Traditionen und Eigenarten bestimmen die Form der Dinge. Jeder Nation weist man bis heute eine eigene Designkultur mit spezifischen Charakteristika zu. Die japanische Gestaltung, Scandinavian oder Danish Design oder die italienische Formensprache sind feste Begriffe, die mit einem Bild, einer Ausdrucksform, bestimmten Werten und Merkmalen verbunden sind. Wie kann also ein allgemeingültiges Design aussehen? Und was ist der größte gemeinsame, kulturverbindende Nenner?

Neben Objekten, wie etwa der japanischen Tatami-Matte, die sich nur schwer entwurzeln lassen und in der europäischen Kultur deswegen lediglich als ästhetisches Zitat ankommen, gibt es auch die Objekte und Lebenswelten, die in vielen Ländern verstanden werden. Schauen wir uns etwa das schwedische Möbelhaus Ikea an, das als Inbegriff der demokratischen Gestaltung gilt. „Die ästhetische Form ist für alle. Und das nicht nur für das Museum!“, schrieb Ikea in seinem Möbelkatalog von 1979. Und machte diesen Anspruch, kurz vor dem Jahrtausendwechsel auch in China gültig. 1998 öffnete der erste Shop in Shanghai. Und obwohl Ikea sich den Markt mittlerweile erfolgreich erschlossen hat, lief auch hier nicht von Beginn an alles glatt. Die Medien berichteten von einer verwirrten Kundschaft in der Küchenabteilung, die mit den Brotkörben nichts Besseres anzufangen wussten, als sie als Kopfkissen zu gebrauchen. Es lässt sich nur das an den Mann bringen, was alle brauchen und alle verstehen. Ein Regal ist ein Regal, ein Stuhl ein Stuhl, und die Menschen, die Abstellflächen brauchen und ein Gesäß haben, wissen sehr wohl, was sie mit den Produkten anzustellen haben.

Made in / Inspired by / Stolen from

Wichtig ist heute die Frage, wo die Objekte wie produziert werden. Unser Hocker entsteht mit großer Wahrscheinlichkeit nicht beim Schreiner nebenan, sondern wurde vielleicht in Indonesien angefertigt. Dass die Globalisierung eine dunkle Seite hat, wissen wir nur zu gut aus den medialen Aufklärungs-Reportagen. „Made in China“ oder „Made in Africa“ sind Kennzeichnungen, die beim Konsumenten für Skepsis sorgen. Man ahnt, dass in China und Afrika Zwölfjährige in einem 18 Stunden-Tag unsere Korbstühle flechten. Etiketten wie „Organic Cotton“ oder „Fair Trade“ versuchen uns davon zu überzeugen, dass unsere Kaufentscheidungen zu Veränderungen führen. Und trotzdem nagt der Zweifel: Bemüht man sich hier nicht vielmehr um den Konsumenten, der bereit ist, für ein reines Gewissen ein paar Cent mehr auszugeben?

Im Bereich der Wohnmöbel ist das kulturelle Zitat derweil ein beliebtes Stilmittel, um nüchterne Sachlichkeit zu überwinden. Naturmaterialien werden farbenfroh-folkloristisch geknüpft, gestickt und geflochten. Da präsentiert Moroso eine afrikanische Kollektion, die Firma Artecnica lässt in Vietnam alte Roller-Reifen mit Rattangeflecht zu Ablageschalen im Ready-Made-Look werden, und die aktuelle PS-Kollektion von Ikea brüstet sich mit der sozial verantwortlichen Produktionsweise von indischen Wandbehängen und Hockern aus Bananenstaudenfaser. Dazu steht hinter den meisten dieser der multikulturellen Designprojekte ein prominenter Autorendesigner wie Patricia Urquiola, Stephen Burks, Tord Boontje oder Hella Jongerius. Doch wo sind eigentlich die afrikanischen Gestalter und Künstler, die ähnliche Produkte schon seit Jahrhunderten fertigen?

Manch einem mag das ein oder andere „Designstück“ vertraut vorkommen: Rattanstühle, die man aus Asien kennt oder Teppiche aus buntem Kunststoffgeflecht, die in Afrika zum Standard-Repertoire der lokalen Straßenmärkte gehören. Nicht immer ist es Interpretation, manchmal lediglich Adaption. Der kulturelle Besitz eines Landes wird in einem anderen Kontext publiziert, mit neuem Stempel als kreative Eigenleistung vermarktet und das zu einem entsprechenden Preis. Wer sich an fremden Traditionen bedient, muss aber damit rechnen, dass er die Folgen nicht überblickt – etwa, indem religiöse oder kultische Symbole durch die Massenproduktion im neuen Kontext entwertet werden. Ein Beispiel ist der Hocker „TamTam“ von Architekt und Designer Matteo Thun. Der afrikanische Hocker, bei dem eine sichelförmige Sitzfläche auf einem Kreissegment aufliegt, ist ursprünglich ausschließlich dem Vorsitzenden des Dorfes vorbehalten gewesen. Seiner Form nach ist „TamTam“ der Archetypus dieses Throns, kommt aber als spritzgegossenes, kunterbuntes Plastikteil daher und ist fortan Sitzgelegenheit für Jedermann.

Dennoch ist dieser Schauplatz der Design-Globalisierung nicht ausschließlich als Neo-Imperialismus zu bewerten. Die kulturelle Vielfalt führt auch zu Nischen, die unberührt voneinander existieren oder sich zu etwas Neuem zusammenfinden können. Mit Blick auf die Geschichte lässt sich feststellen, dass der Import fremder Techniken im Handwerk und der Kunst bei beinahe jeder interkulturellen Begegnung stattfand. Heute sind viele der „Importverfahren“ so etabliert, dass sie ganz selbstverständlich als Teil der eigenen Tradition wahrgenommen werden.

Dennoch kennen wir auch die Kehrseite: Nämlich dann, wenn Kultur aus wirtschaftlicher Not aufgegeben wird und so von der Bildfläche verschwindet. Wenn in Asien die Dorfbewohner ihre Felder und jahrhundertealtes Handwerk aufgeben, um in „industrieller“ Handarbeit Stühle für Europa zu fertigen, kann man nicht gerade von einem Kulturgewinn sprechen. Dort, wo die Kultur sich wirtschaftlichen Faktoren untergeordnet, können kleine Veränderungen in kürzerer Zeit große Folgen haben. Und was verloren ist, lässt sich kaum mehr zurückholen. Die Globalisierung wird allerdings kaum dafür sorgen, dass die verschiedenen Kulturen auf eine Schnittmenge zusammenschrumpfen. An Angleichungsprozessen führt allerdings kein Weg vorbei. Wer globale Märkte erschließen will, muss global denken. Interessant ist allerdings, wie wir mit dem Erbe der internationalen Objektwelt umgehen werden, welche Verschmelzungen, Überschneidungen und Konfliktpunkte dabei entstehen und wie Handarbeit, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung sich mit der industriellen Massenproduktion arrangieren werden.


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