Gregor Korolewicz: Raus aus der Wohlfühlzone

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Text: Norman Kietzmann

Partner: Ligne Roset

Frischer Wind statt alte Hasen: In einer neuen Serie stellen wir junge Designer vor, die soeben den Sprung in den beruflichen Alltag gemeistert haben. Gregor Korolewicz ist einer von ihnen. Dem im polnischen Kolberg an der Ostseeküste geborenen Gestalter gelingt ein seltener Spagat: Mit seinen Entwürfen bringt er Poesie und Einfachheit unter einen Hut.

Ein ruhiger Hinterhof im Norden von Berlin. Pittoreske Erker und Vordächer erwecken den Eindruck, als würde man sich mitten auf dem Land befinden. Ein stillgelegter Schornstein aus beigen Ziegeln durchbricht die Idylle und erinnert an die industrielle Vergangenheit dieses Ortes. Gregor Korolewicz steht draußen und winkt. Wir gehen in einen von Rankenpflanzen bewachsenen Seitenflügel hinein und nehmen an einem großen Holztisch Platz. Es sind die Räume von Invivo Industrial Design, einem auf Küchengeräte und Maschinen spezialisierten Büro, wo Gregor Korolewicz soeben einen festen Posten angenommen hat. Hier geht es um klassisches Industriedesign, ganz anders als die Arbeiten fürs Interieur, die er unter seinem eigenen Namen entwickelt. 



Mit Bausteinen und Zeichenstift 

„Das Gute dabei ist, dass sich die Dinge gegenseitig befruchten. Man kann formale Aspekte in den Industriebereich mitnehmen, damit dieser nicht zu technisch wird. Umgekehrt eignet man sich ein Repertoire an Fertigungsmöglichkeiten und Mechanismen an, die auch für die Umsetzung von Möbeln und Leuchten von Vorteil sind. Erfahrungen zu sammeln, die über die eigene Wohlfühlzone hinausgehen, ist etwas sehr Wichtiges“, ist Gregor Korolewicz überzeugt. Der 1986 geborene Gestalter hat an der Fachhochschule Münster und an der Universität Wuppertal studiert.

Schon als Kind hat er mit Lego gespielt und die Baupläne meist zur Seite gelegt. Statt sich an strikte Vorgaben zu halten, hat er einfach drauf losgelegt und Gebäude, Fahrzeuge und alles Mögliche aus den bunten Kunststoffsteinen konstruiert. Der andere Zugang erfolgte über die Hand. „Ich habe immer gerne gezeichnet, hauptsächlich Cartoons. Auch Dinge selber zu bauen und Kleinigkeiten zusammenzuschustern, lag mir sehr“, sagt der gebürtige Pole, der in Kolberg an der Ostseeküste aufgewachsen ist.
Beistelltisch Kaizu für Ligne Roset. Foto: Studio Gregor Korolewicz
Werkstatt als Zentrum
Das Zeichnen zog ihn immer stärker in den Bann. Und so hat er sich zahlreiche Bücher angeschaut. „Vor allem dieser geschwungene Strich mit blauem Buntstift, mit dem Designer früher ihre Entwürfe angefertigt haben, hat mich fasziniert. Genau das wollte ich auch können“, erklärt Gregor Korolewicz mit leuchtenden Augen. Während des Studiums in Münster hat er verschiedene Typologien von Produkten ausprobiert. „Es gab Werkstätten für Holz, Metall, Keramik und Kunststoff. Die waren sehr gut besetzt und Zentrum des Produktdesigns. Sie haben nicht nur die Umsetzung einer Idee geprägt, sondern auch das Denken mehr in Richtung Handwerk verschoben“, betont Gregor Korolewicz.

Seine Bachelor-Arbeit war ein kleiner Sekretär. Da Köln nicht weit von Münster entfernt lag, fuhr er 2014 auf die imm cologne, wo ein wichtiger Kontakt entstand. „Patrice Bert, der Deutschland-Chef von Ligne Roset, hat mir seine Karte gegeben, und ich habe ihm meinen ersten Entwurf geschickt. Es war eine große Überraschung und Freude, als das Feedback kam“, erinnert sich Gregor Korolewicz. Bei dem Entwurf handelte es sich um einen Beistelltisch, der schließlich unter dem Namen Kaziu bei Ligne Roset in Produktion ging und für den jungen Gestalter den Sprung auf die internationale Bühne markierte.

Analytischer Designblick

Das Studium war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen. Gregor Korolewicz ist in der Zwischenzeit nach Wuppertal gewechselt, um an der Bergischen Universität seinen Master in Strategischer Produkt- und Innovationsentwicklung zu absolvieren. „Da ging es um den Vergleich von ähnlichen Geschäftsmodellen wie zum Beispiel Car2go und DriveNow. Wie sind sie aufgestellt? Wo sind Potenziale? Das war eine ganz andere Richtung, die den Horizont geweitet hat“, sagt Gregor Korolewicz. Für seine beiden Praxissemester ist er nach Stockholm gegangen, wo seine damalige Freundin gelebt hat.

„Ich war bei Luca Nichetto und habe erst dort erfahren, dass er sich die Räume mit Note Design geteilt hat. Nach drei Monaten bin ich dann von einem Büro ins andere gewechselt“, sagt Gregor Korolewicz. Zum Schluss blieb er anderthalb Jahre in der schwedischen Hauptstadt und war ebenso für Urbanista tätig, einem Hersteller von Kopfhörern und Audio-Geräten. „Ich habe dort Produkte gestaltet und im Rahmen meiner Master-Arbeit die Marke strategisch durchleuchtet“, erklärt der Designer. Als er 2016 seinen Abschluss in der Tasche hatte, zog er nach Berlin.
Leuchte Atacama für Ligne Roset. Foto: Studio Gregor Korolewicz
Ausflug in die Wüste
„Ich habe einmal Inga Sempé auf einer Messe getroffen und sie gefragt, welchen Rat sie für junge Designer hat. Sie hat gesagt, dass man viel Geduld braucht. Ich hatte damals schon eine Ahnung, was es bedeuten könnte. Doch so richtig habe ich es erst später erfahren. Es dauert alles sehr lange. Man muss viel rausschicken in der Hoffnung, einen Entwurf unterzubringen“, sagt Gregor Korolewicz. Stück für Stück ging es auch für ihn weiter. Er lancierte den Kerzenhalter Lucia und den Wandspiegel Magic beim Hamburger Designlabel Pension für Produkte und die Beistelltisch-Serie Cesta beim dänischen Hersteller Bolia. 2019 wurde auf der Kölner Möbelmesse die zweite Kooperation mit Ligne Roset vorgestellt: Die Tischleuchte Atacama, benannt nach der gleichnamigen Wüste an der Pazifikküste zwischen Peru und Chile. Die Leuchtkugel ruht auf einer Platte aus Wallnussholz, deren Oberfläche mit unregelmäßigen Einbuchtungen überzogen ist.

Affinität zu Glas
„Sie erinnert an eine zerklüftete Wüstenlandschaft oder an einen vertrockneten Boden“, sagt Gregor Korolewicz. Die ursprüngliche Idee bestand darin, dass sich die Glasleuchte anheben und an verschiedenen Punkten absetzen ließe. An- und Ausschalten sowie die Energiezufuhr würden über ein unsichtbar im Holz eingelassenes Induktionsfeld erfolgen. Die Lösung wurde jedoch aus Sorge vor Fehlfunktionen verworfen. „Auch wenn die Leuchte nun statisch umgesetzt wurde, hat die hölzerne Ebene ihre Berechtigung nicht verloren. Sie dient als Ablage für handliche Dinge“, erklärt Gregor Korolewicz, der seine Inspiration in der Dachstruktur sowie in den Akustikpaneelen der Hamburger Elbphilharmonie fand.

Welche Design-Aufgabe ihn noch reizen würden? „Ich würde gerne etwas aus Glas machen. Der Schirm der Atacama-Leuchte ist ja bereits aus mundgeblasenem Muranoglas gefertigt. Doch ich würde gerne noch weiter in diese Richtung gehen. Auch Keramik ist ein Thema, das mich sehr interessiert“, erklärt der Wahlberliner. Dass er sich nun für Invivo Design verstärkt aufs Industriedesign konzentriert, sieht er nicht als Widerspruch zu seinen handwerklichen Ambitionen. Sie sind zwei Seiten von ein und derselben Medaille – und stimulieren sich gegenseitig. Es bleibt spannend, was Gregor Korolewicz aus diesem Wechselspiel in Zukunft extrahieren wird.
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