Greifen und Begreifen

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Text: Norman Kietzmann

Die Kooperation zwischen dem Türklinkenhersteller FSB und dem Gestalter Otl Aicher gilt als Musterfall für eine designorientierte Unternehmenskultur. Dabei stand die Beziehung anfangs noch unter keinem guten Stern, als Aicher seinem zukünftigen Partner erst einmal die Türe wies.
Es war an einem grauen Novembertag im Jahr 1984, als Jürgen W. Braun, der Geschäftführer von FSB, zum ersten Mal nach Rotis im Allgäu fuhr, um sich dort mit Otl Aicher zu treffen. Dieser hatte bereits die neuen Firmenauftritte von Lufthansa und Erco übernommen und galt als einer der Besten seines Fachs. Was Braun von ihm wollte, war vor allem die Gestaltung einer neuen Firmenbroschüre, die das gesamte Programm des Klinkenherstellers darstellen sollte. Doch was daraufhin folgte, ließ den gestandenen Unternehmer wie einen kleinen Schuljungen dastehen: „Junger Mann, ich bin doch kein Firmenanstreicher! Jetzt fahren Sie erst einmal nach Hause und denken über Ihr Tun nach. Wenn Ihnen dann dazu etwas eingefallen ist, dürfen Sie sich wieder bei mir melden.“ Schwer vorstellbar, dass ein Designer heutzutage seinem Auftraggeber derart forsche Worte an den Kopf werfen würde. Doch Otl Aicher war eben auch ein anderes Kaliber und folgte seinen eigenen Regeln. Er sah sich nicht als Dienstleister, sondern suchte den gemeinsamen Dialog, von dem beide Seiten lernen können.
Braun fuhr enttäuscht und verwirrt nach Hause. Sollte er sich als 50jähriger vorwerfen lassen, nicht zu wissen, was sein Unternehmen, das mittlerweile über 100 Jahre alt war, eigentlich tue? Er rekapitulierte auf der Heimfahrt die Firmengeschichte, von den Anfängen im Jahre 1881 bis zu den Entwicklungen der letzten Jahre. Bei einem Zwischenstopp in Düsseldorf betrat er schließlich einen Buchladen, um ein Geschenk für einen befreundeten Architekten zu kaufen. Als er in der Warteschlange an der Kasse stand, fiel sein Blick auf einen Tisch mit Sonderangeboten, auf dem ein Buch über Handlesekunst auslag. Das war es! Sofort wurde ihm klar, was Aicher gemeint hatte. Womit sich seine Firma beschäftigte, waren nicht nur Griffe sondern das Greifen an sich. Dinge für die Hand. Daraufhin kaufte er gleich einen ganzen Berg an Büchern über Produkte, die man in die Hand nehmen kann und vertiefte sich in die Welt des Greifens. Ein paar Wochen später sprach er erneut bei Aicher vor und präsentierte in Bildern und Texten die Ergebnisse seiner Recherche. Aicher reagierte positiv: „Mal sehen, was wir daraus machen können.“
Was in den Jahren danach folgte, war eine harte aber zugleich ergebnisreiche Lehrzeit für Jürgen W. Braun und seine Mannschaft. Aicher stellte sich als ein strenger Lehrmeister heraus, der für seine Schüler immer neue Hausaufgaben parat hielt. Der Weg führte von einem neuen Katalog zu einem neuen Logo und schließlich einer gesamten neuen Corporate Identity für das Unternehmen. Die Ergebnisse dieses Prozesses wurden in mehreren Büchern publiziert, deren Gestaltung ebenfalls Aicher übernahm und auch einige Texte beisteuerte. Der wohl bekannteste dürfte „Wittgensteins Griff“ von 1986 sein, in dem Aicher die Idee für den neuen Auftritt und das neue Logo von FSB erklärt. Es erinnert stark an einen Griff, den der Philosoph Ludwig Wittgestein einst für das Haus seiner Schwester in Wien anfertigen ließ. Was Wittgenstein gesucht hatte, war das Ideale, die endgültige Form, gemäß seinem Ausspruch „Alles was man sagen kann, kann man klar sagen. Wovon man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen.“ (aus dem Tractatus Logico-Philosophicus) So war sein Griff kein spezieller Griff sondern der allgemeine: ein einfaches, im rechten Winkel gebogenes Rohr mit halbkugeligem Ende. Es war der ideale Griff, der für alle Arten zu Greifen gleichermaßen funktionierte. Und noch etwas fand Aicher interessant: Mit zunehmenden Alter verwarf Wittgenstein seine Vorstellung von der idealen Form und setzte an deren Stelle den Gebrauch. Das wichtigste an einem Griff ist daher das Greifen und nicht seine Form. Wittgenstein selbst kam jedoch nicht mehr dazu, einen Griff nach seiner neuen Philosophie zu entwerfen. Doch der Grundstein für die nachfolgenden Generationen war damit gelegt. Die Ideen von Wittgenstein flossen aber nicht nur in das Logo von FSB, sondern auch in den neuen Claim mit ein: Greifen und Griffe. Gebrauch und Objekt sind untrennbar miteinander verbunden.
Was Aicher ebenso förderte, war der Dialog mit anderen Gestaltern. So gelang es mit seiner Hilfe, im September 1986 ein Treffen mit den bekanntesten Designern und Architekten jener Zeit zu organisieren, die eigens in das beschauliche Brakel im Weserbergland reisten, um dort über das Thema Türklinke zu diskutieren. Ein viel beachtetes Ereignis, das eigentlich nur in Mailand hätte stattfinden können. Und der Karlsruher Grafiker Gunther Rambow entwarf im Jahr 1993 zusammen mit zwölf Studenten ein Buch mit dem Titel „Übergriff“, das sich auf spielerische Weise mit dem Thema Greifen und Griffe beschäftigt und bereits mit mehreren Designpreisen belohnt wurde.
In diesem Jahr hat FSB eine weitere Kooperation gestartet und eine Reihe von bekannten internationalen Gestaltern gebeten, unsere Gewohnheiten zum Thema Türklinke in Frage zu stellen. Müssen die Griffe eigentlich immer als Paar identisch sein? Und sollte es nicht an jeder Tür eine Klinke für die rechte als auch für die linke Hand geben? 32 Architektur- und Designbüros haben daraufhin geantwortet – paarweise. Unter den Teilnehmern finden sich unter anderem EOOS Design, Studio Aisslinger, Hild und K Architekten, Barkow Leibinger Architekten sowie Kahlfeld Architekten. Von allen Paar-Klinken wurden Prototypen angefertigt, die nun in einer Ausstellung in Berlin präsentiert werden.
Die Eröffnung dazu findet am 9.November 2006 um 20 Uhr im Stilwerk in der Kantstrasse statt. Um Anmeldung wird gebeten.

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