Happy Mackintosh!

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Text: Claudia Simone Hoff, 12.10.2017

Glasgow ist nicht so schön wie seine ewige Konkurrentin Edinburgh, hat dafür aber Ecken und Kanten. Ihr Architekturheld Charles Rennie Mackintosh wäre im kommenden Jahr 150 geworden. Wie eine Stadt ihre Architekturjuwelen wiederentdeckt und sich damit zum Reise-Muss für 2018 aufschwingt.

Whisky, Schottenrock, rauchende Fabrikschlote, Celtic Rangers – alles Klischee. Denn Glasgow ist immer für eine Überraschung gut, gerade in architektonischer Hinsicht. Die 600.000-Einwohner-Stadt im Westen Schottlands ist zwar durch eine geschlossene Bebauung aus viktorianischer Zeit mit schönen Plätzen und privaten Gärten geprägt. Doch dazwischen fallen auch viele brutalistische Bauten aus den Sechziger- und Siebzigerjahren auf. Berühmt aber ist die Stadt für den Glasgow Style, einem Ableger des englischen Arts and Crafts Movement, das untrennbar mit einem Namen verbunden ist: Charles Rennie Mackintosh (1868­–1928).

Unterwegs in der Stadt
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Wien, Barcelona – Glasgow!
Mackintosh, der aus einer Arbeiterfamilie stammte, arbeitete nicht nur als Architekt, sondern schuf zusammen mit seiner Ehefrau Margaret McDonald Gesamtkunstwerke: Interiors mit Möbeln, Leuchten, Textilien, Tableware und Besteck. Stilistisch fallen seine Werke vor allem durch eine ausgeprägte Linearität auf, die mit ornamentalen Mustern und der Glasgow Rose gepaart wird, während ein besonderes Augenmerk auf dem Handwerk lag. Deshalb sind die Metall-, Holz- und Keramikarbeiten von famoser künstlerischer und handwerklicher Qualität. Nächstes Jahr feiert Glasgow den 150. Geburtstag des Gestalters und will dieses Jubiläum auch touristisch verwerten. Denn bisher steht Glasgow nur an zweiter Stelle, während in erster Reihe Wien mit Gustav Klimt auftrumpft und Barcelona mit Antoni Gaudí punktet – und zwar nicht nur bei Architekturliebhabern, sondern in der breiten Masse. In Glasgow sei noch Luft nach oben, weshalb die Stadt für nächstes Jahr Großes plane, erzählt Moira Dyer von Glasgowlife, der städtischen Tourismusorganisation.

Mackintosh reloaded
Das Kelvingrove Museum, das neben der Glasgow School of Art und der University of Glasgow/ The Hunterian über die größte Mackintosh-Sammlung der Welt verfügt, wird den Meister im nächsten Jahr mit einer großen Ausstellung ehren. Alison Brown, Kuratorin für Dekorative Kunst, bereitet die Schau vor und hat dafür tief im Archiv gegraben. In den Mackintosh Style Galleries des Museums kann man jetzt schon einige wichtige Interiors von ihm sehen, beispielsweise The Oakroom aus einem der unzähligen Tea Rooms der Stadt, die gestalterisch stark vom Orient beeinflusst waren. Nicht weit entfernt vom Museum liegt Kelvin Hall, wo im gut sortierten Lager unzählige Stücke von Mackintosh, seinen Kollegen von der Künstlervereinigung Glasgow Four, den Glasgow Boys und anderen Zeitgenossen lagern. Hier entdeckt man beispielsweise einen Bridgetisch von Mackintosh und einen seiner geometrischen Holzsessel. Doch im Jubiläumsjahr soll es nicht um Mackintosh allein gehen, wie Rosemary Watt, Research Manager Decorative Art and Technology am Kelvingrove Museum, erklärt. Er soll als Teil einer künstlerischen Bewegung, in seinem (Glasgower) Umfeld gezeigt werden.

Glasgow School of Art Fire, eine Fallstudie von SFRS

Glück im Unglück
Auch wenn man gespannt sein darf auf die bevorstehende Mackintosh-Schau: Am besten kann man Mackintoshs Arbeiten sowie seine Idee einer ganzheitlichen Gestaltung, in seinen Gebäuden erleben. Und davon gibt es in Glasgow noch einige: den Glasgow Art Club, The Glasgow Herald (heute The Lighthouse), das rekonstruierte House for an Art Lover, die Queen’s Cross Church oder sein eigenes Wohnhaus The Mackintosh House. Hauptwerk des Architekten bleibt jedoch die Glasgow School of Art, dessen Westflügel samt Bibliothek 2014 fast vollständig einem verheerenden Feuer zum Opfer fiel. Der Schock war groß in der Stadt, doch die Verantwortlichen entschieden sich schnell dafür, nicht nur den zerstörten Gebäudeteil in den Originalzustand von 1910 zurückzuversetzen, sondern auch den vom Feuer verschont gebliebenen östlichen Gebäudeteil unter der Leitung von Page Park Architects zu restaurieren. „Die Restaurierung der Glasgow School of Art zeigt, wie Mackintosh gearbeitet hat“, sagt Alison Brown, Mackintosh-Expertin vom Glasgower Kelvingrove Museum. Will heißen: So schrecklich der Brand auch war, er birgt auch die Möglichkeit, Materialien und Techniken wissenschaftlich zu untersuchen und nachzuvollziehen, quasi die Mackintosh-Architekturgeschichte neu zu schreiben. So entdeckte man beispielsweise während der Arbeiten, dass die Pfeiler in der Bibliothek mitnichten so massiv waren wie sie aussahen, sondern Mackintosh einen Trick anwendete, um das Budget nicht zu sprengen: Er ummantelte das Innere aus schottischer Kiefer mit Tulpenbaumholz.

Architektur, Emanzipation
Mackintosh ins Bewusstsein der Glasgower und seiner Gäste (zurück-)zubringen, versucht auch Celia Sinclair. Die kulturell engagierte Geschäftsfrau hat kurzerhand ein architektonisches Mackintosh-Kleinod gekauft, dem der Abriss drohte: The Willow Tearoom in der Sauchiehall Street. Teehäuser waren um die Jahrhundertwende beliebte Treffpunkte und sorgten für eine gesellschaftliche Revolution, denn erstmals war es auch Frauen erlaubt, das Haus zu verlassen und sich zu amüsieren. Deshalb gab es im ersten Stock des Willow Tearoom den Salon de Luxe speziell für Frauen, während sich eine Etage darüber ein Billard- und Raucherraum für Männer befand. Sinclair hat eigens den Willow Tearoom Trust gegründet, um die Restaurierung des Gebäudes samt Interior zu finanzieren.

Die Arbeiten am Gebäude, das jahrzehntelang als Kaufhaus diente, sind im vollen Gang und werden auch anhand von zeitgenössischen Publikationen wie der deutschen Zeitschrift Dekorative Kunst – Illustrierte Zeitschrift für angewandte Kunst (Ausgabe 7. April 1905; s. Linkliste) nachvollzogen. Endlich werden also die Räume in den Originalzustand zurückversetzt und dafür 420 Möbelstücke und Details wie Fensterbeschläge maßgefertigt. Sinclair – ganz clevere Geschäftsfrau – denkt jedoch weiter und will den Tearoom auch touristisch entwickeln: Im Nebengebäude, in dem es einen separaten Zugang zum Tearoom geben wird, entstehen deshalb für Events geeignete Funktionsräume wie eine professionelle Küche, ein Shop sowie eine Mackintosh-Ausstellung, die ab Juni 2018 besichtigt werden kann. Prinz Charles jedenfalls konnte Sinclair schon jetzt für das Projekt begeistern. Er werde wöchentlich über das Fortschreiten der Arbeiten informiert, erzählt sie stolz und ergänzt: „Den Teesalon hat Mackintosh für die Menschen von Glasgow entworfen.“

Engagierte und begeisterungsfähige Menschen wie Celia Sinclair, Alison Brown, Rosemary Watt und unzählige Freiwillige sollen dafür sorgen, dass Glasgow 2018 seinen Platz unter den Hotspots für Architekturliebhaber erhält.

Reisetipps für Glasgow

Finnieston
Hipster-Stadtteil westlich vom Zentrum: Hier reihen sich Vintage-Shops, Cafés und Restaurants aneinander, Freitag- und Samstagabend ist hier halb Glasgow unterwegs. In den Seitenstraßen findet beschauliches Leben in pittoresken Reihenhäusern aus viktorianischer Zeit statt.

Restaurant Ubiquitous Chip
In der Ashton Lane im Stadtteil Finnieston liegt diese Glasgower Institution. Unter Dachfenstern mit Blick in den schottischen Himmel sitzt man auf gemütlichen Lederbänken und genießt deftige einheimische, zuweilen regionale Küche mit Sauerbrotteig, gebackenen Kalbsbäckchen, Muschelsuppe, würziger Cheddar von der Insel Mull und Cheesecake-Mousse.

Restaurant The Gannet
Kleiner Raum, großes Aha-Erlebnis. Auch hier gibt es Küche mit schottischem Einschlag. Auf dem Menu stehen im Herbst: Stornoway Black Pudding mit schottischem Entenei, schottisches Kalbsfilet mit Kartoffeln und Charlotten in Madeira-Sauce und Küchlein mit geschmolzener salziger Karamellfüllung und Tonkabohneneis.

The Glasgow School of Art
Zwar wird Mackintosh’s Meisterwerk – an dem man seine gesamte künstlerische Entwicklung nachvollziehen kann – infolge eines Brandes noch bis zum Sommer 2019 saniert, doch im gegenüberliegenden Neubau von Steven Holl Architects kann man sich über den Fortgang der Arbeiten informieren und Präsentationen der Studenten der Kunsthochschule anschauen. Auch sehenswert: die Macktintosh Furniture Gallery.

Kelvingrove Art Gallery and Museum
2018 wird Charles Rennie Mackintosh in diesem Museum eine große Bühne bereitet, denn hier findet die Werkschau zum 150. Geburtstag des Architekten und Gestalters statt. Anlass genug, auch die Glasgow Style Galleries mit Arbeiten von Mackintosh und Mitstreitern wie den MacDonald-Schwestern neu zu gestalten.

Showroom Bluebellgray
In einem eleganten Townhouse hat das Textillabel Bluebellgray sein Hauptquartier. Während in einem Showroom die farbintensiven Tapeten, Kissen und Bettbezüge gezeigt werden, sitzt das kreative Zentrum eine Etage höher: Wände und Türen sind in Farrow & Ball-Farben gestrichen, ein Ercol-Sofa lädt zum Loungen ein, auf den Arbeitstischen stapeln sich Farb- und Dekomuster, warten Pinsel und Aquarellfarben auf den nächsten Geistesblitz.

Paulin Concept Store
Seit 2015 entwerfen die drei Schwestern Paulin reduzierte Armbanduhren. Der Clou liegt in der Gestaltung des Ziffernblatts, für das eine eigene Schrift entwickelt wurde. Geo Typeface besteht aus geometrischen Komponenten und Auslassungen und ist vom Arts and Crafts Movement inspiriert.

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