Hasen, Möbel, Genitalien

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Text: Tanja Pabelick

Sarah Lucas wurde in den 1990er Jahren in London als Vertreterin der Gruppe Young British Artists erfolgreich, mit Damien Hirst als bekanntestem Komplizen. Der ist bis heute ein Fan ihrer Strumpfhasen, Spiegelei-Selbstporträts und sexuell aufgeladenen Obst-Installationen. In Mailand hat sie zuletzt eine neue Serie präsentiert, die als Spurwechsel, definitiv aber nicht als Richtungsänderung gelten dürfte: Sarah Lucas macht jetzt Möbel.

Durch eine Serie fleischfarbener Häschen aus mit Füllwatte ausgestopften Nylons geriet sie ins Visier der Kunstszene – bizarre Geschöpfe, die in den 1990ern Jahren durch allerlei Ausstellungsorte tourten. Weitere Lucas-Klassiker: alte Möbel, Gurken, Spiegeleier und Melonen. Diese stellte sie zu erotisch konnotierten und ganz und gar nicht appetitlichen Kompositionen zusammen. Günstige und dadurch verfügbare Werkstoffe wurden zu ihrer eigenen Interpretation des Alltags, hinterfragten Geschlechterklischees und gängige Rollenmodelle. Sie selbst inszeniert sich konsequent androgyn, posiert breitbeinig mit Bob-Schnitt und Kippe im Mund vor der Kamera.

Furniture Porn

Sarah Lucas’ Arbeiten sind nicht doppelbödig, sondern zielen durch ihre direkte visuelle Sprache und mit banalen Objekten auf das, was uns ertappt und deshalb auch ein bisschen wehtut. Die Titel tun ihr Übriges. Human Toilet Revisited, Self Portrait with fried eggs oder Sexmachine steht unter Werken mit eindeutigen Genital- und Fäkalreferenzen. Das wurde von ihren Kritikern zum Jahrtausendwechsel zwar durchaus als trashig eingestuft, aber aufgrund der frivolen Provokation als zeitgeistig und alltagssezierend bejubelt. Und während viele andere Vertreter der YBA in der Zwischenzeit die Bühne schon wieder verlassen hatten, war Sarah Lucas immer noch da. 

Halb-Bequeme Sitz-Ästheten
In diesem Sommer stehen erstmals Möbel auf dem Spielplan. Die sind so geradlinig, dass es scheint, als habe sie einfach eine zweidimensionale Skizze ins Dreidimensionale extrudiert. Eine Sitzbank, eine Art Sessel, ein Raumtrenner, ein Beistelltisch. Alle Stücke sind aus MDF und sogenannten Breeze Blocks gefertigt, die man im Deutschen wohl mit dem sperrigen Begriff „Schlackenbetonstein“ etikettieren würde, weil als Zuschlag Asche beigesetzt wird. Die Steine sind wie eine grobe Intarsie in das Holzskelett eingelegt und harmonieren in ihrer natürlichen und leicht rauen Haptik miteinander. „Textur, Farbe: Beide wirken sehr real”, beschreibt Lucas. Fast könnte man glauben, sie hätte es auf artige Ästhetik angelegt, bei den Möbeln aber ist es die sonst kaum von der Künstlerin bespielte zweite Ebene, die uns entlarvt.

Der BeSitzer als Kunst
Sadie Coles, die Galeristin, von der die Stücke in Mailand zum ersten Mal gezeigt wurden, nennt die Schau „eine dramatische Entwicklung in Lucas’ Arbeit“. Tatsächlich ist der Bogen aber gar nicht so weit gespannt, wie man denken könnte. Denn die verwendeten Materialien gab es bei Lucas schon vorher zu sehen – als Sockel und Podeste ihrer Kunstwerke. Alte Stühle und zusammengezimmerte Möbel konnte man in ihren Installationen immer wieder entdecken. Sie bildeten unseren Alltag ab, hielten uns als Vertreter des menschlichen Körpers den Spiegel vor. Nun können wir auf Lucas’ Kunst Platz nehmen. Auf Möbeln, die uns neben ihren zeitgenössischen Designkollegen vielleicht nicht irritieren. Ist genau das vielleicht der Störer? Wie bequem sind diese, offensichtlich auf Style abzielenden Modelle wirklich? Karikieren sie nicht unser Designbedürfnis, das wir anderen Bedürfnissen, wie Bequemlichkeit unterordnen? Vielleicht werden wir, wenn wir auf den aus Podest-Materialien gefertigten Möbeln Platz nehmen, selbst zur Kunst. Und welche Rolle spielen wir dann, in dieser schönen, neuen Welt von Sarah Lucas?

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