Helsinki World Design Capital 2012 – Teil 2

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Text: Norman Kietzmann


Der zweiten Teil unserer Helsinki-Reise führt uns zu telepathischen Helmen, einem Raumschiff im Wald sowie einem stillgelegten Bergwerk mit kulinarischen Reizen.


Der dritte Tag beginnt mit einem Rundgang durch die Designgeschäfte der Stadt, danach geht es weiter zur neuen Universitätsbibliothek von Anttinen Oiva Architekten aus Helsinki. Das Gebäude fügt sich mit seiner backsteinernen Fassade klug in die Umgebung ein und bricht dennoch mit einem flotten Hüftschwung aus dem Raster des Blocks heraus. Am Abend eröffnet Harri Koskinens Ausstellung Mute zusammen mit neuen Arbeiten des finnischen Architekturfotografen und Wahlberliners Ola Kolehmainen in den Räumen der Galerie Forsblom. Die Wohnung des Galeristen Wohnung besichtigten wir schon am ersten Abend. Doch die Gruppe hat dafür keine Zeit.

Schon am Nachmittag bringt uns ein Bus hinaus nach Espoo. In der 250.000-Einwohner-Stadt im Umland von Helsinki befindet sich das Weegee Exhibition Center, ein Zusammenschluss aus fünf Museen, darunter einem Museum für moderne Kunst, ein Spielzeug-Museum und ein Uhren-Museum. Es ist der größte Kulturkomplex in Finnland, der nur wenige Meter von Alvar Altos berühmten Universitätsgebäude entfernt liegt. Auf der Rückseite des Museums inspizieren wir ein gelbes Ufo. Bei der vermeintlichen Raumkapsel handelt es sich um das erste, serienmäßig gefertigte Modell von Matti Suuronens Futuro House. 45 Exemplare des Ferienhauses wurden zwischen 1986 und 1973 gebaut, als die Ölkrise dem Kunststoff-Bau den Garaus machte.

Welt unter Tage


Es ist ein spannender Kontrast, den das Raumschiff mit seinem roten Interieur zum Ausstellungsgebäude aus Sichtbeton entfaltet, das fast zeitgleich vom finnischen Architekten Aarno Ruusuvuoris in den späten sechziger Jahren konstruiert wurde. Beide wurden aus industriell gefertigten Bauteilen errichtet, das eine geeignet für einen leichten Transport, das andere, um zu bleiben. Während wir uns fragen, ob das Design den Maßstab der Architektur erreicht oder umgekehrt, setzt der Bus seine Fahrt weiter fort. Eine halbe Stunde später machen wir inmitten eines dicht bewachsenen Waldes halt und betreten ein kleines Häuschen aus Beton. Es geht rasant in die Tiefe hinab. Erst auf 350 Meter, dann wieder hoch auf 100 Meter unter der Erde.

Wir befinden uns in einem stillgelegten Bergwerk, wo über 100 Jahre Kalkstein abgebaut wurde. Der Rolltreppen- und Aufzugshersteller Kone testet hier seine neuesten Produkte. Auch sie seien zweifelsohne Design, versichert uns die Pressedame, schließlich gehe es ja vor allem um die User Expierence, sprich das richtige Gefühl beim Fahren, Abbremsen und Starten. In einer Höhle wurde das erste Restaurant unter Tage eröffnet, das heftige Aufregung in Helsinki entfachte. Keine zwei Tage vertrichen, bis die 1000 Plätze des an 20 Tagen geöffneten „Pops Down“ ausgebucht waren. Eine Band spielt im Hintergrund, dazu werden typisch finnische Gerichte serviert, während die blau beleuchtete Steinhöhle an das Versteck eines James-Bond-Schurken denken lässt.

Klischees im Visier


Der vierte Tag führt direkt in den Showroom von Marimekko. Das Video von der Modenschau der kommenden Sommerkollektion, die gerade vor vier Tage in New York gezeigt wurde, lässt sich zwar nicht starten. Doch dafür beginnt der Tag mit einem Frühstück inmitten einer Welt aus Mustern und Farben, wie sie sonst nur südlich der Alpen zu finden sind. Nach einem kurzen Abstecher ins Geschäft von Iittala geht es weiter in die Galerie Forsblom. Harri Koskinen führt uns durch seine Ausstellung mit Glasobjekten, die er zusammen mit dem Glasbläser Pino Signoretto entworfen hatte. In einem weiteren Raum reihten sich mehrere Helme aus weißem Milchglas, die an die Kopfbedeckungen von Schweißern erinnern.

„Ich habe mit der Idee gespielt, dass mehrere Personen an anderen Orten sind. Als Reflexionen können wir diese Orte in den Visieren der Helme erkennen“, erklärt Koskinen sein Konzept. So befindet sich eine der fiktiven Personen am Berg Fuji, eine andere hat die leeren Galerieräume besucht und die andere Person blickt auf ein idyllisches Sommerhaus im Lappland, das ebenso einem Reisekatalog hätte entsprungen sein können. Doch das Klischee ist hier tatsächlich Wirklichkeit. Es ist das Sommerhaus von Harri Koskinen, wohin dieser, gleich im Anschluss an seinen Galerietermin, auch verschwand.

Selbstverständlichkeit des Designs




Die Reise nach Helsinki endet auf diese Weise mit einer gelungenen und zugleich gescheiterten Mission. Ursprünglich hatten wir im Sinn, ein Design jenseits der Klassiker und Arbeiten aus Glas oder Holz ausfindig zu machen. Doch selbst die neue Generation, angeführt durch Harri Koskinen und Ilkka Suppanen, fordert die alten Meister nicht heraus, sondern setzt deren Kurs weiter fort. Die Erkenntnis sind weniger neue Produkte, sondern vielmehr neue Orte, die mit Designklassikern ganz selbstverständlich bespielt werden. In einer Stadt, in der an jeder zweiten Ecke ein Bau von Alvar Aalto hervorblinkt und in fast jedem Haushalt Produkte von Iittala bis Artek zu finden sind, mag darin auch nichts Außergewöhnliches liegen. Schließlich sind die Dinge sind zum Gebrauchen da. Egal, ob in den heimischen vier Wänden oder beim Arbeiten in einer Bibliothek. Den Titel einer Design-Welthauptstadt hat Helsinki mit Souveränität verteidigt.


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Weitere Beiträge zum Thema Helsinki und finnischem Design finden Sie in unserem Special.
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