Helvetischen Ursprungs

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Text: Katharina Horstmann


„Gutes Design ist unsichtbar.“ – Der Leitspruch des Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt wird immer wieder gerne zitiert, insbesondere wenn es sich um Produkte aus der Schweiz handelt. Dank ihres Understatements im Auftritt, ihrer Glaubwürdigkeit in der Form und ihrer Qualität in der Herstellung haben sie sich leise in vielen Bereichen des Alltags durchgesetzt und sind aus diesem auch kaum noch wegzudenken.
 
 
Es ist der Inbegriff von Funktionalität, Qualität und Schweizer Erfindergeist: 1897 von Karl Elsener als leichtere und elegantere Alternative zu den robusten, aber auch relativ schweren Soldatenmessern erfunden, zählt das Offiziersmesser – auch als Swiss Army Knife bekannt – heute noch zur Ausrüstung der Schweizer Armee. Dank seiner zahlreichen Einsatzmöglichkeiten findet es sich zudem in unzähligen Haushalten wieder, gehört zur Grundausstattung der NASA-Astronauten ebenso wie zu der des Weißen Hauses und wurde gar zum Markenzeichen MacGyvers. Kurzum: Das weltberühmte Taschenmesser von Victorinox steht wie kaum ein anderes Produkt für die „Herkunft Schweiz“ und die damit verbundenen Werte, die vermehrt auch unter dem Begriff Swissness zusammengefasst werden.
 
Swissness – konsequent unaufgeregt
 
Der Begriff Swissness entstand Ende der 1990er Jahre als „scheinanglizistischer Neologismus“ und steht für die Dachmarkenstrategie, mit der sich das Land insbesondere im Ausland positionieren will. Sie fasst positiv besetzte Attribute wie Präzision, Langlebigkeit, Stabilität und Genauigkeit zusammen, die als typisch schweizerisch gelten. Ein perfektes Sinnbild dafür ist das genannte Offiziersmesser, das im Laufe seiner Geschichte immer wieder überarbeitet wurde und heute in über hundert verschiedenen Variationen – unter anderem als USB-Stick mit Daumenabdruckerkennung – erhältlich ist.
 
Doch Swissness lässt sich nicht nur auf ein hundert Jahre altes Arbeitsutensil reduzieren, auch die Schweizer Grafik gilt bis heute als wegweisend. Ein eigentlicher Stil ist darin nicht auszumachen, eine bestimmte Haltung hingegen schon. Diese zeigt sich im Qualitätsbewusstsein der Arbeiten, im soliden Handwerk sowie in der Präzision und Reduktion auf das Wesentliche. Das gilt jedoch nicht nur für die grafische Gestaltung. Vielmehr findet es sich bei vielen, insbesondere Möbelfirmen wieder, die sich im Laufe des letzten Jahrhunderts oft von lokalen Manufakturen zu international agierenden Unternehmen entwickelten.
 
Innovative Präzision
 
Zu ihnen zählt der Bad- und Sanitärkeramikspezialist Laufen. Ende des 19. Jahrhunderts, einer Zeit als die Schweiz noch zu den ärmsten Ländern Europas gehörte, als Tonwarenfabrik im namensgebenden Ort gegründet, hat sich das Unternehmen aus dem Baselland konsequent der Keramikforschung verschrieben. Mit der Entwicklung und Einführung des Hochdruckgussverfahrens revolutionierte Laufen in den 1980er Jahren die präzise Fertigungstechnik der Sanitärkeramik und damit auch die Serienfertigung; und erst im letzten Jahr kündigte der Hersteller auf der ISH in Frankfurt die Entwicklung einer neuen Keramik an. Doch nicht nur die Innovation durch das Material, auch das Design spielt seit jeher eine große Rolle. Dabei beruft sich das Unternehmen gerne auf Einflüsse von außen: das Bauhaus und die Hochschule für Gestaltung Ulm aus dem Norden sowie die Formen- und Ideenvielfalt aus Italien. Zusammen mit dem Swiss Made bilden sie die perfekte Formel, die auch umgekehrt zu funktionieren scheint:  Die italienische Firma Alessi wurde bei der Suche nach einem Partner für Il Bagno Alessi nicht in Italien, sondern in Laufen fündig.
 
Typisch schweizerisch
 
Das eigentlich als typisch schweizerisch geltende Material ist jedoch nicht die Keramik, sondern das Aluminium. Dank des begünstigten Baus von Wasserkraftwerken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die erstmals die für die Aluminiumgewinnung nötigen großen Strommengen verfügbar machten, konnte die Schweiz eine bedeutende Aluminium-Industrie etablieren. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass 1939 ein Stuhl aus dem damals revolutionären Werkstoff zum Markenzeichen der in Zürich ausgerichteten Schweizer Landesausstellung Landi wurde – und zur Ikone des Schweizer Möbeldesigns. Der moderesistente Entwurf des Designers Hans Coray mit den 91 Löchern – heute als Landistuhl bekannt –war nur drei Kilo schwer – eine progressive Charakteristik bei einem Produkt , dessen stählerne Vorgänger alles andere als mobil waren.
 
Nationale Selbstbehauptung
 
Rückblickend waren die Jahre um den Zweiten Weltkrieg auch die Zeit, die die Geschichte des Schweizer Industriedesigns stilistisch wie gedanklich stark geprägt hat. So stand die Landi ganz im Zeichen der „geistigen Landesverteidigung“ der 1930er Jahre und war einerseits Schauplatz von herkömmlichen patriotischen Ritualen und Formen, andererseits jedoch maßgeblich von innovativen Neuerungen, die als Weiterentwicklung der Moderne aufgefasst wurden und bis in die Gegenwart hinein wirken.
 
Damals begann das viersprachige Land zudem, eine stark zweckorientierte Definition von Design zu prägen gemeinsam mit einer einheitlichen helvetischen Ikonografie. Altmeister wie Le Corbusier, Max Bill, Hans Bellmann oder später Robert Hausmann, deren gestalterischer Ursprung teilweise in die Bauhaus-Bewegung zurückreicht, bereiteten den Weg für die heutige Popularität des Swiss Made in aller Welt.
 
Spielerischer Pragmatismus
 
Als bedeutender Vertreter des schweizerischen Neofunktionalismus der Nachkriegszeit gilt der Designer Willy Guhl. Er entwarf 1954 einen Strandstuhl, der aus einem Eternitband, also aus Faserzement, gefertigt wurde: Die Materialwahl gab ihm einen archaischen Ausdruck, der jedoch dank der geschwungenen Linienführung keinesfalls schwer wirkte. Ein anderer Klassiker aus der Nachkriegszeit ist das Möbelbausystem von USM Haller, dessen Ursprung ebenfalls in der Architektur zu finden ist. Der Ingenieur Paul Schärer und der Architekt Fritz Haller entwickelten Anfang der 1960er Jahre ein universell modulares Möbelsystem aus Stahlbaustrukturen, das Eleganz und technische Perfektion verbindet und heute kaum noch aus der Bürogeschichte wegzudenken ist.
 
Die Liste der Schweizer Klassiker ist lang – und oftmals unterschätzt, fügen sie sich doch zweifelsohne dank ihres Understatements im Auftritt, ihrer Glaubwürdigkeit in der Form sowie ihrer Qualität in der Herstellung perfekt in den Alltag ein, wie es der Schweizer Journalist Christoph Oswald formuliert. Typisch ist insbesondere das Gespür für Langlebigkeit und Nachhaltigkeit, das sich in der zeitlosen Formensprache wie beim Victorinox-Messer, dem Landistuhl, dem Eternit-Sessel oder den Bürostuhlfamilien von Züco ausdrückt. Es kann aber auch Teil der Unternehmensphilosophie sein: So stellt Vitra beispielsweise nicht nur Designklassiker her, sondern gewährt auch teils Garantien auf seine Produkte von bis zu dreißig Jahren. Und Girsberger widmet sich nicht allein nachhaltig produzierten Massivholztischen und Bürostühlen, sondern verfolgt mit dem Thema Remanufacturing auch die Aufarbeitung in die Jahre gekommener Stühle – und das nicht nur für den einzelnen Privatkunden, sondern auch im Objektbereich wie zum Beispiel im Theater Basel.
 
 
Buchtipp


Klaus Leuschel:
Swissness. 43 helvetische Errungenschaften sowie die 7 prägenden Persönlichkeiten der Designgeschichte
Zürich 2010, Verlag Niggli
 
 
Ausstellungstipp


Museum für Gestaltung Zürich:
100 Jahre Schweizer Grafik
10. Februar – 3. Juni 2012

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